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Mit dem „Wartburg“ von Rostock zum Lübecker Bürgermeister

Lübeck Mit dem „Wartburg“ von Rostock zum Lübecker Bürgermeister

Die OZ-Reporter Werner Geske und Hartmut Klonowski fuhren am 10. November 1989 über die eben geöffnete deutsch-deutsche Grenze

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Nur wenige Stunden nach Grenzöffnung am 9. November 1989 sind OZ-Redakteure auf Reportagefahrt nach Lübeck. Werner Geske (r.) interviewt im Rathaus Bürgermeister Michael Bouteiller (l.).

Quelle: Foto: Hartmut Klonowski

Lübeck. 10. November 1989. Mein Fotografen-Kollege Hartmut Klonowski und ich sind von der OZ-Chefredaktion nach Lübeck geschickt worden, um uns an Ort und Stelle ein Bild vom Geschehen zu machen und über die historischen Stunden des Mauerfalls zu berichten.

So stehen wir nun auf dem Marktplatz der alten Hansestadt. Um uns herum viele Menschen aus Ost und West, die sich weinend und lachend in den Armen liegen oder lebhaft diskutieren. Sie alle können es noch immer kaum glauben, dass über Nacht die Mauer gefallen ist.

Noch vor wenigen Wochen war eine Öffnung der Grenze allgemein für undenkbar gehalten worden. Obwohl die Zeichen eindeutig auf Veränderung standen. Darüber, dass sich die DDR nicht auf Dauer den weltpolitischen Entwicklungen entziehen könne, wurde auch bei der OSTSEE-ZEITUNG – damals Organ der SED-Bezirksleitung – offen vor allem auf den Fluren, vorsichtiger hingegen in Redaktionskonferenzen und Beratungen, debattiert. Michail Gorbatschows Politik von Perestroika und Glasnost hatte auch in der DDR für Hoffnung auf mehr Freiheit und Menschenrechte gesorgt. Doch diese Erwartungen werden von den Herrschenden enttäuscht. So wachsen Zweifel, Unmut und Unwille unter dem Volk und bei vielen OZ-Redakteuren. Als dann die DDR ihr 40. Staatsjubiläum von Massenflucht und wachsendem Widerstand offenbar unbeeindruckt feiert, wird es offensichtlich: Ihr letztes Kapitel hat begonnen!

Am Abend des 9. November fällt die Mauer. Unsicherheit, Zweifel und Sorgen auch in der Redaktion der OZ: Was jetzt tun? „Wir können nicht auf Anweisungen von oben warten, sondern müssen die Dinge selbst in die Hand nehmen“, entscheidet die Chefredaktion schließlich und schickt die Redakteure Werner Geske und Hartmut Klonowski über die offene Grenze nach Lübeck.

Seit sich am 9. November um 21.53 Uhr die ersten Bürger des Bezirkes Rostock über die Grenze bei Selmsdorf aufmachten, wächst die Zahl derjenigen, die ihnen folgen, stündlich. Als Teil einer unübersehbaren Autoschlange rollen wir mit unserem „Wartburg“ über die Grenze – und sind in Schlutup. Die begeisterte Menge am Straßenrand begrüßt alle Neuankömmlinge. Auch wir schütteln Hände, lassen uns auf die Schultern klopfen. Kleine Geschenke werden uns ins Auto gereicht.

Unser Ziel ist das Lübecker Rathaus. Hier treffen wir am frühen Nachmittag den von unserem Besuch etwas überraschten Bürgermeister Michael Bouteiller (SPD). Der Rathauschef gibt uns aber bei Kaffee und Kuchen sofort und unkompliziert ein Interview. Die Nachricht, dass die ersten Trabis durch Lübeck rollen, so verrät er uns, habe ihn am gestrigen späten Abend auf der Feier zum 50. Geburtstag seines Parteichefs Björn Engholm erreicht.

Ängste, dass die DDR-Bürger nun in Scharen ihr Land verlassen könnten, versucht Bouteiller zu zerstreuen: „Die Bundesrepublik hat kein Interesse an einem Ausbluten der DDR. Wir möchten, dass die Menschen in ihrem Land bleiben und dort ihre Probleme lösen!“ Mit einem freundlichen Gruß an unsere Leser schickt uns Lübecks Rathauschef an diesem Abend auf den Heimweg.

Werner Geske

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