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OZ-Reporter und Fotokünstler

Stralsund OZ-Reporter und Fotokünstler

Mit Gespür für den Moment schoss der Stralsunder Fotografen Harry Hardenberg einzigartige Bilder

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Die Volkswerft Stralsund feiert 1978 ihren 30. Geburtstag. Während der Auszeichnung von Werftarbeitern findet Fotoreporter Harry Hardenberg einen ungewöhnlichen Blickwinkel.

Stralsund. Das Foto von den beiden Fischern der Stahlbroder Fischereiproduktionsgenossenschaft auf dem Titel dieses Heftes ist eines seiner Lieblingsbilder. „Darauf finden sich Menschen und Meer wieder, so wie sie für unsere Ostseeküste so typisch sind“, sagt Harry Hardenberg. Er schoss das Foto Mitte der 1970er Jahre an Bord eines Fischkutters am Strelasund.

Das fröhliche Lachen der beiden Männer, ihr offener Blick, verkörpern für ihn noch etwas anderes: „Die Fischer und ich waren uns nicht fremd. Sie akzeptierten mich als Fotografen, auch weil wir eine Sprache sprachen“, meint Hardenberg. Er ist stolz darauf, dass es ihm in seiner langen Laufbahn als Fotograf, OZ-Fotoreporter und Fotografiker fast immer gelang, „Menschen die Scheu vorm Objektiv zu nehmen und sie aufzuschließen.“

Dass es Hardenberg so wenig Mühe bereitet, den Leuten ganz nahe zu kommen und ihnen glaubhaft zu machen, dass er einer von ihnen ist, hängt zweifellos mit seiner Biografie zusammen. Als Halbwaise wächst er in seiner Heimatstadt Stralsund als eins von vier Kindern auf, die „Mutter durchbringen musste“. Seine Kindheit endet mit kaum 14 Jahren. „Nach dem Krieg ging es für uns vor allem darum, satt zu werden. Deshalb war für mich Schluss mit der Schule. Mutter besorgte mir eine Lehrstelle als Maler auf der Volkswerft. So begann der Ernst des Lebens“, erinnert er sich.

Auf der Werft hat er kein Problem mit der rauen, oft groben Art der Arbeiter. Besonders bei den Älteren kommt er gut an. Denn: Harry kann sich mit ihnen auf Platt verständigen. Das schafft Nähe, Vertrautheit. „Bei den Arbeitern auf der Werft habe ich mich auch später, als ich die Fotografie längst zum Beruf gemacht hatte, immer wie zu Hause gefühlt“, sagt der heute 81-Jährige. Seine Augen bekommen dabei einen besonderen Glanz. „Wenn ich dann in den 1970er und 80er Jahren als OZ-Redakteur auf die Volkswerft kam, begrüßten mich die Jungs als einen der ihren. Die wussten: „Wenn Harry über uns berichtet, dann geht das schon in Ordnung!“

Um die Mitte der 1950er Jahre denkt Hardenberg aber nicht einmal im Traum daran, dass er eines Tages den Malerpinsel gegen den Fotoapparat eintauschen wird: „Damals hatte ich mit dem Fotografieren nämlich gar nicht viel am Hut. Ich habe lieber gemalt. Dabei kam nichts heraus. Als ich aber einem Freund, der sich mit Fotografie befasste, hin und wieder beim Entwickeln helfen konnte, fand ich plötzlich mehr Gefallen an diesem Hobby.“

Es ist genau die Zeit, da er sich selbst zum Sinn seines Lebens befragt und dabei zur Feststellung kommt: „Das kann es doch noch nicht gewesen sein!“ Eine Konsequenz aus dieser Erkenntnis: Der junge Mann, eben frisch verheiratet und Vater eines Sohnes, holt auf der Abendschule den Abschluss der 10. Klasse nach.

Es ist auch die Zeit, da er nicht weiterhin nur Handlanger im Fotolabor des Freundes sein will. „Ich habe mir deshalb Kopierrahmen und Fotolampe besorgt und zum Entwickeln der Bilder zwei tiefe Teller benutzt“, beschreibt Harry Hardenberg seine bescheidenen Anfänge als Hobby-Fotograf. Doch bald ist es nicht mehr zu übersehen: Die Fotoleidenschaft hat ihn gepackt. „So bin ich eben: Wenn mich etwas begeistert, ziehe ich es auch durch!“, sagt er dazu. Über seine „Naivität des Anfangs“, wie er es nennt, kann er dennoch heute nur lächeln. Die damals entstandenen Bilder bleiben deshalb konsequent in der Schublade.

1958 kann sich der Amateur-Fotograf eine teure Kamera leisten: „Eine Pentacon für 700 Mark. Das waren für mich fast zwei Monatsgehälter.“ Allemal eine gute Investition, sind doch die Betriebszeitungsredakteure der Volkswerft auf das Fototalent von der Helling aufmerksam geworden. Bald füllen seine Bilder vom Arbeitsalltag der Stralsunder Werftarbeiter die Seiten des kleinen Blattes. Schon 1959 druckt die OSTSEE-ZEITUNG ein erstes Foto von ihm.

Mit der besonderen Authentizität, außergewöhnlichen Sichtweise, ja künstlerischen Qualität seiner Fotos macht er sich auf der Stralsunder Lokalseite und darüber hinaus in der Hauptausgabe der Bezirkszeitung einen Namen – und wird Volkskorrespondent. „Die Zeitungsarbeit hat mich stark geformt, hat sogar mein Wesen verändert, denn vorher war ich eher schüchtern und zurückhaltend. Aber als Bildjournalist hast du eben den Auftrag Fotos in die Redaktion zu bringen, da kannst du ja nicht sagen: ’Ich habe mich nicht getraut...’“

Hardenberg gewinnt an Selbstvertrauen und bewirbt sich um einen Studienplatz an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig. „Wie das klappen sollte, war mir nicht ganz klar. Schließlich hatte ich ja nur den Abschluss der 10. Klasse. Doch eröffnete sich mir die Möglichkeit, ein externes Studium im Rahmen der Erwachsenenbildung aufzunehmen“, erinnert er sich. Seinem Dozenten Horst Thorau, der ihm den Weg bahnte, weil er das Talent des jungen Mannes erkannte, ist er bis heute dankbar: „Er hat mich künstlerisch geprägt und dafür gesorgt, dass ich 1974 mein Diplom erwerben konnte!“

1970 bietet ihm die OZ eine Stelle als Bildredakteur an. Harry Hardenberg lässt sich die Chance nicht entgehen, hat aber eine Bedingung: „Ich möchte weiterhin in Stralsund bleiben!“ Ein Wunsch, der ihm erfüllt wird. „Und so übernahm ich den Ostteil des Bezirkes Rostock, berichtete aus den Werften in Stralsund und Wolgast, hielt den Aufbau des Kernkraftwerkes Nord in Lubmin im Bild fest oder war mit der Kamera in der sozialistischen Landwirtschaft unterwegs“, resümiert er. Für ihn war dabei „das Wichtigste, dass ich dabei viele außergewöhnliche Menschen kennenlernte!“ Doch Hardenberg wäre nicht Hardenberg, hätte er nicht die Gelegenheit genutzt, seine Begegnungen nicht nur für die Zeitung, sondern auch als künstlerische Fotografie festzuhalten.

Ein Beispiel dafür ist der 15. Juni 1978. Die Volkswerft Stralsund feiert ihren 30. Gründungstag. Dem Fotografen gelingt dabei eine Aufnahme, für die er später viel Anerkennung erhalten wird: Während der Feierstunde stehen Staats-, Partei- und Betriebsfunktionäre – hinter einem Tisch mit Urkunden und Blumen – einer Mauer von Arbeitern gegenüber. Deren reservierte Haltung ist unübersehbar.

Hardenberg hat das Gespür für die Brisanz des Moments und drückt auf den Auslöser.

„Als 1979 in Köln auf der photokina-Messe auch DDR-Fotografie gezeigt wurde, war das Bild erstmals zu sehen. Im selben Jahr hing es dann auch in der DDR-Pressefotoschau ’Augenzeugen’ im Berliner Palast der Republik. Schließlich bekam es 1982 einen Platz in der IX. DDR-Kunstausstellung in Dresden. Seit 1986 ist es nun sogar in Stahl gebrannt am Marx-Engels- Forum in Berlin zu sehen“, erzählt Hardenberg die Geschichte dieses Fotos, das inzwischen vielfach gezeigt und publiziert wurde.

Über die Jahre entstehen so unzählige Aufnahmen aus der Welt der Arbeit, aus dem Alltag der Menschen, dazu Porträts, Stadtansichten und Landschaftsbilder. Die Heimat, festgehalten „mit dem Herzen und der Kamera“. Viele der so entstandenen Arbeiten sind später in Ausstellungen zu sehen – in der DDR und im Ausland. Hardenberg, Mitglied im Verband Bildender Künstler und nach 1990 im Künstlerbund Mecklenburg-Vorpommern, erhält schon 1972 durch die Fédération Internationale de l’Art Photographique (FIAP) die Auszeichnung Artiste FIAP.

1984 wird er aus der Redaktion der OZ gedrängt – weil er zu einer Ausstellung nach Westberlin eingeladen worden war. Das mögen die Genossen nicht. Hardenberg arbeitet von nun an freiberuflich: „Ich musste wieder von vorne anfangen. Das kostete viel Kraft.“ Eine Erfahrung, die er nach der Wende mehrfach macht, auch als ihm die OZ zum zweiten Mal den Stuhl vor die Tür setzt. Doch er beißt sich immer wieder durch. „Ich habe Architektur fotografiert, Bildbände gestaltet und weiterhin für die Presse gearbeitet. Zu tun hatte ich genug“, blickt Hardenberg zurück. Studienreisen führten ihn nach 1990 nach China, Amerika, Russland, England, Rumänien, Polen, Syrien und Frankreich. Seine Bilder finden sich mittlerweile in über 120 Büchern.

Ist es nicht an der Zeit, sich zur Ruhe zu setzen, sich mit Ehefrau Doris, mit drei Kindern, sechs Enkeln und zwei Urenkeln schöne Tage zu machen? „Ich laufe der Arbeit nicht mehr hinterher, die Gesundheit macht ja auch nicht mehr so mit“, meint er. Aber er macht auch kein Geheimnis daraus, dass da schon ein neuer Bild-Text-Band in Vorbereitung ist.

Ein Leben für die Fotografie

Harry Hardenberg wurde am 8. August 1935 in Stralsund geboren. Den Beginn seiner fotografischen Arbeit datiert er auf 1956. Von 1969 bis 1974 Studium an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig mit Abschluss als Diplom-Fotografiker. 1971 Mitglied im Verband der Journalisten der DDR und 1974 im Verband Bildender Künstler (VBK). Ab 1981 Mitarbeit in der Arbeitsgruppe Fotografie im VBK. Ab 1984 Arbeit als Freischaffender. 1988 Mitglied der Gruppe 10 in Stettin/Polen. 1990 Mitbegründer des Künstlerbundes MV. Gründungsmitglied des Vereins MV-Foto. 1993 Lehrauftrag an der Universität Greifswald. Reisestipendium des Kultusministeriums MV für einen vierwöchigen USA-Aufenthalt.

Werner Geske

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