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OZ-Wettermännchen half gegen die Tuberkulose

Berlin OZ-Wettermännchen half gegen die Tuberkulose

Vor 65 Jahren schrieb OZ-Leserin Edith Seckinger im Krankenbett 52 Verse zu lustigen Zeichnungen in der Zeitung / Das Heft hat sie bis heute aufbewahrt

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Edith Seckinger (84) lebt heute in Berlin-Oberschöneweide. Das Heft mit ihren Reimen (unten) nimmt sie gern mal wieder zur Hand.

Quelle: Foto: Werner Geske

Berlin. Die OZ kann beim Gesundwerden helfen. Das erzählt jedenfalls Edith Seckinger, geborene Reimann (84), die vor 65 Jahren mit Eltern und Geschwistern in Neu Farpen lebte, einem Dorf bei Wismar. Auf der Flucht aus Westpreußen im Winter 1945 hatte es die Familie dorthin verschlagen. „Die Jahre nach dem Krieg waren entbehrungsreich. Wir mussten unter schweren Verhältnissen neu anfangen, lebten sehr beengt und hatten wenig zu essen. Kein Wunder, dass ich damals körperlich nicht in der besten Verfassung war“, erinnert sich die betagte Dame, die heute in Berlin-Oberschöneweide wohnt und zum 65. Geburtstag der OSTSEE-ZEITUNG eine anrührende Geschichte erzählt:

Im Mai 1951 war bei dem jungen Mädchen eine schwere Knochentuberkulose festgestellt worden. „Von einem Tag zum anderen änderte sich mein Leben. Anstatt meinen gerade erlernten Beruf als Betriebskauffrau im Mecklenburger Matratzenwerk auszuüben, musste ich in Wismar ins Krankenhaus und für ein Jahr ins Gipsbett“, beschreibt die Seniorin den Beginn eines langen Leidensweges. Nur zu Weihnachten 1951 darf sie das Krankenhaus für kurze Zeit verlassen, um das Fest mit der Familie zu verbringen. „Einer der wenigen Lichtblicke in jener Zeit“, sagt sie. Aber als das Pfingstfest vor der Tür steht, hat sich ihr Gesundheitszustand so gebessert, dass die Ärzte ihrer Entlassung in die häusliche Pflege zustimmen. „Das war natürlich ein Fortschritt, auch wenn ich weiterhin straff liegen musste“, sagt Edith Seckinger.

Es ist jener Sommer, in dem auch im Briefkasten der Familie Reimann eine neue Zeitung steckt. „Meine Eltern hatten die Ostsee-Zeitung von Anbeginn abonniert, weil sie über das Weltgeschehen und die lokalen Ereignisse informiert sein wollten.“

Edith mag auch noch etwas anderes gerne: „Mir gefiel besonders der Wetterbericht, weil er durch eine passende Zeichnung ergänzt wurde.“ Sie wartet nun täglich darauf, dass ihr die Zeitung ans Bett gebracht wird. Gespannt ist sie, welches Bildchen diesmal neben der Wettervorschau steht. Sie legt sich extra eine Schere bereit, mit der sie die Vignetten feinsäuberlich aus der OZ schneidet. „Ich habe die Zeichnungen gesammelt, bis ich 52 verschiedene zusammenhatte. Schließlich kam mir der Gedanke, sie nach Jahreszeiten geordnet in ein Heft einzukleben und mit eigenen kleinen Versen zu versehen“, erinnert sich Seckinger.

Die Bettlägrige macht sich also ans Reimen. „Nun hat all End des Winters Not und neu gestrichen wird das Boot. Damit es ja nicht faulen kann, streicht er mit Teer die Planken an.“ Das dichtet sie zu dem Bild eines Fischers, der sein Boot kalfatert. Zu einem Kapitän, der durch ein Fernglas schaut, findet sie den Vers: „Auch bei klarem Sonnenschein muß er an dem Fernrohr sein, Jedem kleinen Wölkchen nur ist er dann gleich auf der Spur.“Und einem Segler in seinem Boot widmet sie die Zeilen: „Nun ist’s mit Sommer bald Schluß, darum er noch segeln muß. Der Wind das Boot durch die Wogen treibt, dazu so schön die Sonne scheint.“

Der Kranken macht die Beschäftigung mit den OZ-Wetterbildern Freude, zumal ihre Reime bei Eltern, Geschwistern und Freunden viel Lob finden. Wohl auch deshalb hat sich sie sich nie von ihrem Oktavheft getrennt. Die Krankheit überwindet sie erst nach Jahren.

1961 heiratet Edith und zieht zu ihrem Mann nach Berlin. Das Paar bekommt vier Kinder. „Und gereimt habe ich nur noch einmal, als ich eine Hochzeitszeitung gestaltet habe“, sagt sie etwas wehmütig.

Werner Geske

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