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Vergangenheit Perestroika bei der OZ
Thema Specials OZ-Jubiläum Vergangenheit Perestroika bei der OZ
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00:00 06.05.2017
„Wendehälse in den Zoo!“ stand auf einem der Transparente, die im Haus der OZ gemalt worden waren. Bei der ursprünglich von der SED-Bezirksleitung organisierten Kundgebung am 9. November 1989 vor dem Rostocker Ständehaus drehten Perestroika-Anhänger den Spieß um. Quelle: Foto: Klaus Walter
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Rostock Die politische Wende im Herbst 1989 brachte auch bei der OSTSEE-ZEITUNG tiefgreifende Umbrüche mit sich. Das Organ der SED-Bezirksleitung war bis kurz vor Toresschluss stramm auf Parteilinie. Doch in der Redaktion gärte es, vor allem junge Kollegen schlugen sich auf die Seite derjenigen, die etwas verändern wollten.

„Kurz nach den absurden Jubelfeiern zum 40. Jahrestag der DDR am 7. Oktober kippte die Stimmung im Land, und das schwappte – etwas später – auch an die Küste“, sagt Jan-Peter Schröder, damals 26-jähriger Jugendredakteur, heute Chef vom Dienst bei der OZ.

Als einer der Ersten berichtete Schröder von den Friedensgebeten mit dem damaligen Pastor Joachim Gauck und den anschließenden Demonstrationen in Rostock. „Wir jungen Journalisten wollten in die Zeitung bringen, was sich auf der Straße tat. Also gingen wir hin und hingen uns große Presseschilder um, weil wir bei der Reporterarbeit nicht für die Stasi gehalten werden wollten.“ Als die Bezirksleitung der SED eine Art Gegendemonstration gegen die friedliche Revolution plante, formierte sich der Widerstand auch bei der OSTSEE-ZEITUNG. „Die Perestroika/Glasnost-Fraktion in der OZ-Redaktion beschloss, gemeinsam mit Beschäftigten der Warnow-Werft und der Universität, die Demo umzudrehen“, erinnert sich Schröder. „Damit haben wir die Welt nicht umgerissen, aber deutlich gemacht, dass wir uns nicht vor diesen Karren spannen lassen.“

Dietrich Pätzold war 1989 – wie auch heute – Kulturredakteur bei der OZ. Er erinnert sich gut an die Donnerstagsdemos: „Einmal gab es das Gerücht, dass die Demonstranten die OZ besetzen wollten.“ Doch Pätzold ließ sich nicht aus der Ruhe bringen. „Wir haben das Büro aufgeräumt, damit wir die Demonstranten ordentlich empfangen konnten.“ Doch die Menge zerstreute sich nach der Demo, wohl weil sie keinen offenen Eingang zum OZ-Gebäude fand.

Auch Pätzold gehörte während des Umbruchs zu den vorgeschlagenen Kandidaten einer gewählten neuen OZ-Spitze, lehnte aber ab. „Ich hatte drei kleine Kinder, wir waren gerade umgezogen. Da hatte ich ganz andere Sorgen.“ Die Wendezeit hinterließ bei ihm prägende Eindrücke: „Es gab tolle Termine, hochemotionale – und überfüllte – Kultur- und Theaterdiskussionsrunden, in denen aus allgemeiner Verunsicherung und Aufbruchsgeist das spannende und schöne Gefühl einer für kurze Zeit ganz offenen Gesellschaft entstand – und journalistisch zu vermitteln war.“

Doris Kesselring zählte damals als Lokalredakteurin zum Kreis der jungen Kollegen, die versuchten, etwas bei der OZ zu bewegen. „Wir wollten die Zeitung neu gestalten, anders machen, mit neuen Formen des Journalismus“, erinnert sie sich. Treffpunkt der „jungen Wilden“ war häufig die Dunkelkammer der Fotografen, in der miteinander geredet und an Transparenten gebastelt wurde. Als bei der Kundgebung im Rostocker Rosengarten führende Genossen die Parteilinie der OZ und auch die Besitzansprüche der Partei an dem Blatt untermauern wollten, widersprach Kesselring in einer spontanen emotionalen Rede. „Ich war danach über den eigenen Mut erstaunt“, sagt sie heute. „Einige Zuhörer warnten uns, dass wir das noch bereuen würden.“ Doch solche Folgen hatte der Auftritt nicht.

Kurz darauf erklärte die Redaktion in der Zeitung, dass sie sich von der SED als Herausgeber trennt. Die Journalisten der OZ beschlossen im Januar 1990 basisdemokratisch ein Redaktionsstatut, wählten einen Chefredakteur und einen Redaktionsrat. Das war einmalig in der Geschichte des Blattes, blieb aber eine Episode. Für Doris Kesselring, die damals zum Redaktionsrat gehörte, bis heute „eine sehr emotionale und euphorische Zeit“.

Axel Büssem

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