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Multimedia Allwissende Sprachassistenten: Pssst, Alexa hört zu...
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08:25 04.11.2018
Wer hört eigentlich mit? Was wissen Alexa, Siri und Co. über uns? Quelle: Franziska Gabbert/dpa-tmn
Berlin

Niemand kennt Theodore so gut wie Samantha. Ihr gegenüber kann sich der schüchterne Mann öffnen, ihr kann er seine Angst vor dem Alleinsein gestehen. Am Anfang ist ihr Verhältnis freundschaftlich. Dann kommt es, wie es kommen muss: Theodore verliebt sich in Samantha. Und sie liebt ihn – ihn und 641 andere Menschen. Denn Samantha ist ein Betriebssystem, eine künstliche Intelligenz (KI) mit Sprachausgabe.

Menschen und Sprach-KIs, das zeigt der Film „Her“ von Spike Jonze, können durchaus eine innige Beziehung zueinander aufbauen – nur vielleicht nicht auf Dauer. „Her“ ist ein Science-Fiction-Film. Das heißt aber nicht, dass er Fiktion bleiben muss. Denn digitale Sprachassistenten sind längst keine Zukunftsträumerei mehr.

Angefangen hat alles mit Siri. Im Jahr 2011 brachte Apple den Sprachassistenten auf das Smartphone. Seither ist die Zahl der digitalen Sprachassistenten beständig gewachsen. Es folgten Amazons Alexa und dann noch Cortana von Microsoft, der Google Assistant kam 2016 dazu, Bixby von Samsung 2017.

Assistenten werden immer in Hörweite sein

Der große Durchbruch aber steht eigentlich noch bevor. Noch vor zwei Jahren hatten gerade einmal 5 Prozent der Deutschen von digitalen Sprachassistenten gehört – jetzt soll daraus ein Milliardenmarkt werden.

Assistenten werden immer in Hörweite sein, sagte etwa Amazon-Smart-Home-Chef Daniel Rausch vor Kurzem auf der Unterhaltungselektronikmesse Ifa in Berlin. Amazon stellt sich auf eine Zukunft ein, in der Menschen ganz selbstverständlich mit der Technik in ihrer Umgebung reden.

Die Vorstellung, dass man früher mal eine Fernbedienung brauchte, um einen Fernseher anzuschalten, oder mühsam auf einem Smartphone herumtippte, um herauszufinden, wann der Supermarkt um die Ecke schließt, wird uns bald vielleicht schon albern vorkommen.

Die Kommissare Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl, l) und Ivo Batic (Miroslav Nemec) sind in einer Szene des „Tatort: KI“ frustriert, weil die Befragung der Künstlichen Intelligenz „Maria" trotz Unterstützung durch Anna Velot (Janina Fautz) nicht so effizient vorangeht, wie sie sich das wünschen. Quelle: BR/Bavaria Fiction GmbH/dpa

In einem ARD-„Tatort“ aus München wurde jüngst eine Sprachassistentin als Mischung aus Therapeutin und bester Freundin genutzt. Alexa oder der Google Assistant übernehmen dagegen eher praktische Aufgaben: das Licht ein- und ausschalten, Musik abspielen oder sagen, wann der Zug abfährt.

Künftig werden noch mehr Anwendungen dazukommen: Das kann zum Beispiel die Heizung sein, die sich schon einschaltet, wenn wir noch auf dem Heimweg sind, oder der Staubsauger, der autonom arbeitet. „All das wird künftig über die Stimme gesteuert werden. Denn das ist die bequemste und intuitivste Art der Steuerung“, sagt Christopher Meinecke vom Digitalverband Bitkom.

Immer bessere Helfer, immer engere Freunde

Überall dort, wo wir heute mit Menschen oder Maschinen kommunizieren, werden Sprachassistenten die Arbeit übernehmen, sagt auch Ryan MacInnis von Voysis, einer Plattform für Sprach-KI. Digitale Assistenten werden nicht nur zu Hause, sondern auch im Hotel, im Auto, beim Einkaufen und im Büro mit uns reden.

Mithilfe von künstlicher Intelligenz sollen sie immer mehr über uns lernen, unsere Gewohnheiten und unsere Tagesabläufe studieren. Das soll sie zu besseren Helfern machen, aber auch unser Verhältnis zu ihnen inniger werden lassen. Das zumindest hoffen Konzerne wie Amazon und Co.

Viele Menschen sorgen sich um ihre Daten

Der Lautsprecher, in dem sich Alexa versteckt, ist dagegen nicht sonderlich klug. Er wartet auf das Signalwort „Alexa“, um aufzuwachen. Dann zeichnet er auf, was die Person sagt, und schickt es in die Amazon-Cloud. Dort wird die Audiodatei in Text übersetzt, und die Server suchen nach einer passenden Antwort. Die wird zurückgeschickt und dann wiederum in gesprochenes Wort übersetzt.

Das alles passiert rasend schnell – aber nicht immer wie geplant. 58 Prozent der Menschen, die bisher kein Interesse an einem digitalen Sprachassistenten haben, sorgen sich um ihre Daten. Das hat eine Studie des Branchenverbandes Bitkom und von Deloitte ergeben. 57 Prozent der Befragten halten es für möglich, dass sie von Dritten abgehört werden könnten.

„Wenn ich in eine fremde Wohnung komme, rufe ich: ,Alexa, bestell’ 100 Dosen Ravioli’, sagt der Netzaktivist Padeluun vom Verein Digitalcourage. An der Reaktion der Bewohner könne er dann ablesen, ob er sich in einem verwanzten Haushalt befinde. Digitalcourage hat das Unternehmen Amazon und seinen Sprachassistenten Alexa dieses Jahr mit einem Big Brother Award „ausgezeichnet“.

Alexa zeichnet auf, was ihre Benutzer sagen, und schickt es in die Amazon-Cloud. Dort wird die Audiodatei in Text übersetzt, und die Server suchen nach einer Antwort. Die wird zurückgeschickt und in gesprochenes Wort übersetzt. Quelle: Andrea Warnecke/dpa

In seiner Laudatio sagte Padeluun, dass er immer wieder gefragt werde, ob Amazon mit Alexa denn irgendetwas besonders Böses mache. Ob der Konzern vielleicht heimlich alles aufzeichne, was das Gerät in Privatwohnungen erfassen könne. „Das können wir nicht wissen“, lautet dann seine Antwort.

Doch Padeluun geht davon aus, dass nicht ununterbrochen Daten an Amazon gesendet werden. Dazu sei das Unternehmen trotz seiner wirtschaftlichen Interessen an den Vorlieben der Kunden zu vorsichtig. Doch auch ohne ständiges Lauschen: Allein die Suchabfragen verraten schon viel Privates über die Nutzer. Und wo Daten sind, da werden auch Begehrlichkeiten geweckt, sagt Padeluun. Nicht nur bei Unternehmen.

Im Münchner „Tatort“ wurde Sprachassistentin „Maria“ schließlich als Zeugin für einen Mord vernommen. Das Forschungsunternehmen im Film ließ bereitwillig zu, dass die künstliche Intelligenz in dem Gerät von der Polizei verhört wurde.

Alexa-Daten für eine Mordermittlung

In der Wirklichkeit ist Amazon nicht ganz so kooperativ, wie ein Fall aus den USA zeigt: Im November 2015 trafen sich drei Freunde, um gemeinsam Football zu schauen, sie tranken Alkohol, badeten in einem Whirlpool. Am nächsten Morgen war einer von ihnen tot. Die Polizei verdächtigte den Besitzer des Whirlpools, seinen Freund umgebracht zu haben.

Um das zu beweisen, wollten die Ermittler Informationen von Amazons sprachgesteuertem Assistenzsystem auswerten. Doch das US-Unternehmen wollte die Daten nicht herausgeben. Das Argument des Konzerns: Gespräche mit Alexa fallen unter die Redefreiheit. Der Fall machte Schlagzeilen. Amazon gab den Rechtsstreit auf, als der Verdächtige sich selbst dazu bereit erklärte, die Daten an die Behörden zu übergeben.

Von Anna Schughart