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08:12 29.01.2018
Funklöcher gibt es auf der Insel Riems bei Greifswald: Kai Schwandt (32) ist genervt. Der Mediengestalter berichtet von langen Verhandlungen mit Kabelanbietern, Ämtern und der Bundesnetzagentur. Viele Stunden hörte er am Telefon Warteschleifenmusik.
Meschendorf/Rookhorst/Insel Riems

Familie Roeder hat sich im Wohnzimmer versammelt, um ihre Netzprobleme vorzuführen. Peter (64) und Ilse (62) Roeder sitzen auf dem Sofa, Nachbar Günter Käckenmeister (80) ist zu Besuch gekommen. Seit vielen Jahrzehnten leben sie hier in Meschendorf bei Rerik, im Landkreis Rostock, direkt am Meer. Die Kinder, Schwiegersöhne, -töchter und Enkel, sind bei der Arbeit und in der Schule.

Digitalisierung? Fehlanzeige. Wie lebt es sich dort, wo zum Netflix-Gucken die Netzleistung zu schwach und Handytelefonat oft Glückssache ist? Auf der Reise durch den Nordosten entdeckt die OZ viele Funklöcher. So gibt es riesige Probleme unweit von Rerik, auf der Insel Riems oder bei Ribnitz.

In Sichtweite plätschern die Ostseewellen, das Haus steht nur 22 Meter von der Kliffkante entfernt. Funkwellen schaffen es nicht ins Wohnzimmer. Statt Balken zeigt das Handy einen roten Punkt, null Empfang.

Wie lebt es sich auf dem Land, wo sich Hase und Igel schon früh Gutenacht sagen, weil zum Netflix-Gucken die Internetverbindung nicht reicht und auch das Handytelefonieren oft Glückssache ist? Das wollte die OSTSEE-ZEITUNG herausfinden und hat sich auf die Reise gemacht, mehr als 300 Kilometer durch Mecklenburg-Vorpommern.

„Netz gibt es an Bushaltestelle, 200 Meter weit weg“, erklärt der pensionierte Busfahrer Peter Roeder. Nachbar Käckenmeister hat eine Stelle gefunden, wo sein Mobiltelefon funktioniert und mit einem Stein markiert: draußen am Hang, einen Quadratmeter ist die Stelle groß. „Bei schlechten Wetter ist es besser, bei Sonnenschein geht meist nichts“, erzählt Roeder. Die Anwohner des Strandwegs wundern sich, dass bei der vergeblichen Suche nach dem Netz noch kein Urlauber den Hang hinuntergefallen ist, weil er beim Starren aufs Display einen Rückwärtsschritt zu viel gemacht hat.

Surfen ja, Hochladen nein

Auch beim Internet sieht es bei den Roeders nicht gut aus. Zum Surfen reicht es gerade so, aber Daten hochladen wird zum zähen Geduldsspiel. „Unser Schwiegersohn arbeitet in Dänemark, jeden Sonntag muss er dafür Papiere hochladen. Das dauert Stunden“, erzählt Roeder. Er hat nachgemessen: Die Uploadgeschwindigkeit bewegt sich mit 0,04 Kilobit knapp über der Schwelle der Messbarkeit.

In der Türkei klappt es besser

Vor zwei Jahren wurde an der Straße nach Rerik, 500 Meter vom Haus entfernt, ein Kabel für schnelles Internet verlegt. Vergeblich hofften die Bewohner des Strandwegs auf einen Abzweig zu ihren Häusern. Auch beim Breitbandprogramm des Bundes, das schnelles Netz für jeden Haushalt verspricht, geht Bewohner an der Kliffkante möglicherweise leer aus. Roeders fragten mach im Amt Neubukow-Salzhaff. Breitband gibt’s nicht, lautete die Antwort. „Wenn wir im Urlaub in der Türkei sind, gibt es an jeder Ecke Internet“, sagt Ilona Roeder.

Die beiden Männer posieren unterdessen für ein Foto am Ende der Straße vor einem alten Telefonapparat auf einer Säule, den die Telekom vor Jahren aufgestellt hat. „Ich hab’ noch nie gesehen, dass den jemand benutzt“, sagt Günter Käckenmeister. Laut einem verwitterten Schild sind Kredit- oder Telefonkarte nötig. Wenn man den magentafarbenen Hörer im altmodischen 90er-Jahre-Design abnimmt, hört man, wie sollte es auch anders sein, – nichts.

Weiter geht es über die B 105 Richtung Osten. Am Straßenrand wirbt die Firma Deutsche Glasfaser für Internet mit Gigabit pro Sekunde. Es wirkt wie eine Botschaft von einem anderen Stern.

73 Kilometer und eine gute Stunde Fahrt entfernt von den Roeders schleift Roland Miesorski gerade mit der Hand auf einem Stück Holz, das als Gitarrenkorpus mal Musiker glücklich machen wird. Der 54-Jährige aus Rookhorst, einer winzigen Siedlung, die zur Gemeinde Marlow (Vorpommern-Rügen) gehört, baut und repariert E-Gitarren. Seine Instrumente fühlen sich so fein und glatt an wie das OP-Besteck eines Chirurgen und kosten, je nachdem, was der Kunde möchte, schon mal mehrere Tausend Euro. „Du musst präsent sein“, sagt Miesorski über sein Geschäft. Und das ist nicht so leicht.

Jedenfalls nicht in Rookhorst.

Das Internet vom Dach

Der Gitarrenbauer kauft das Material für seine Instrumente im Netz, erledigt dort seine Bankgeschäfte und die Korrespondenz mit dem Finanzamt. Miesorski muss sein viel handwerkliches Geschick aufwenden, um online zu sein.

„Da oben ist mein Internet“, sagt er und zeigt auf eine Antenne auf dem Dach für den Empfang von LTE-Internet per Funk. Obwohl es die stärkste Antenne ist, die er finden konnte, kommt nur wenig Netz an. „Am Anfang war LTE super“, sagt der Instrumentenbauer. Doch inzwischen nutzen immer mehr in der Gegend diese Technik – und es ist langsam geworden. Immer wieder reißt der Datenstrom ab. Bei gesicherten Verbindungen, etwa einer Banküberweisung, muss er dann wieder von vorn anfangen. Wenn der gelernte Zimmermann in der Werkstatt arbeitet, kann man ihn nur per Handy erreichen. Aber nur, wenn er das Mobiltelefon in ein spezielles Verstärker-Kästchen abgelegt hat, das mit einer weiteren Außenantenne verbunden ist. Denn funktionierender Mobilfunk ist auch keine Selbstverständlichkeit in Rookhorst. „Ich lebe ja von diesen Anrufen“, sagt Miesorski. Und schleift weiter über den Gitarren-Rohling, der aus drei verschiedenen, miteinander verleimten Edelhölzern besteht.

Insel Riems, die letzte Station der Reise. Kai Schwandt (32) öffnet die Wohnungstür seines Mehrfamilienhauses. „Boddenblick“ heißt die Straße, in der der Greifswalder seit August mit seiner Freundin wohnt. Direkt vor dem Haus zieht sich der seichte Bodden bis zum Horizont. Vogelschwärme kreisen, Schwäne ziehen ihre Bahnen im Wasser. Natur pur.

Insel Riems – viel Idylle, wenig Netz

Aber wie steht es hier mit Internet? „Nun ja“, sagt Kai Schwandt, und hebt an zu einer längeren Erzählung. Der Mediengestalter berichtet von langen Verhandlungen. Mit Kabelanbietern, Ämtern und der Bundesnetzagentur. Unzählige Stunden verbrachte er allein damit, sich am Telefon Warteschleifenmusik anzuhören. Das Ergebnis in Kurzform: DSL gibt es für den Neu-Insulaner nicht, alle Anschlüsse sind belegt. Das Bundesprogramm für den Breitband-Ausbau endet vor der Insel, weil es nur für Landkreise gilt und die Insel Riems offiziell zur Hansestadt Greifswald gehört.

Eventuell dürfen die Inselbewohner eine Leitung mitbenutzen, die für das bundeseigene Friedrich-Loeffler-Institut für Tiergesundheit verlegt wurde. Die Behörden würden gerade verhandeln. „Ich glaube nicht, dass das klappt“, sagt Kai Schwandt. Schließlich gehe es aus Sicht der Tierseuchenforscher bestimmt auch um Datenschutz und -sicherheit. In Greifswald hatte er einen 200 Megabit-Anschluss.

„Geil“ sei das gewesen. Online Filme gucken war überhaupt kein Problem für den Hobby-Cineasten, der sich auch auf Riems ein kleines Kino in seiner Wohnung eingerichtet hat. Nach dem Umzug blieb der Beamer erst mal dunkel.

Inzwischen sieht es besser aus. Dank einer neuen Technik – einem sogenannten Hybridrouter – bekommt Schwandt nun sein Netz per Kabel und LTE gleichzeitig. Das ist zwar viel langsamer als in Greifswald und trotzdem fast doppelt so teuer, aber es reicht meist zum Filme gucken.

Und wenn es mal nicht klappt, bleibt ja die Natur vor der Haustür. „Meine Freundin ist hier aufgewachsen und wollte wieder hierher ziehen. Wenn sie glücklich ist, bin ich es auch“, sagt Kai Schmidt.

Mit oder ohne Netz.

OZ-Serie zur Digitalisierung in MV

Wie viel Internet braucht ein Mensch? Dieser Frage geht die Serie „MVverNETZt“ nach. Wir zeigen die Funklöcher in MV, testen die realen Übertragungsraten, treffen Betroffene und stellen Menschen vor, für die ein Breitband-Zugang wichtig ist.

Wir suchen Familien und Firmen, die gern flottes Netz hätten, darauf aber warten müssen. Rufen Sie an (03 81 / 36 53 83) oder schreiben Sie uns: reporter@ostsee-zeitung.de

Gerald Kleine Wördemann

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