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Kurt Cobain: Der letzte Rebell?

Musik Kurt Cobain: Der letzte Rebell?

Am 5. April 1994 erschoss sich der Musiker mit 27 Jahren. Seine Grunge-Musik prägte eine ganze Generation.

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Nicht nur seine Musik, auch sein „verlotterter“ Look mit Gammeljeans und Batik-Shirt prägte die Jugend der 90er-Jahre. Auch heute noch verkaufen sich Kurt Cobains Platten und Fanartikel gut.

Quelle: Imago/LFI

Das schwarze Nirvana-Shirt mit dem gelben Aufdruck, das der Verfasser dieses Texts 1992 für 20 Mark erstand, blickt auf eine ungewöhnliche Vita zurück. Zunächst durchlief es die üblichen Stationen des Abstiegs: erst Uni, dann Sport, dann Bett. Doch dann geschah etwas Ungewöhnliches. Das T-Shirt landete nicht etwa in der logischen nächsten Station namens Altkleidercontainer, sondern erklomm die Klamotten-Karriereleiter ab etwa Mitte des letzten Jahrzehnts in umgekehrter Reihenfolge. Bis heute wird es gern getragen, vornehmlich im Sommer.

So ähnlich wie dem Hemdchen geht es auch der Band selbst. Nirvana mag zwischenzeitlich etwas aus dem Blickwinkel verschwunden gewesen sein. Ganz weg, geschweige denn vergessen, war die Gruppe nie.

Nirvana war die letzte große Band des 20. Jahrhunderts. Die Musikwelt war noch in Ordnung, MTV und Plattenläden noch von hoher Bedeutung, das Internet entwickelte sich gerade erst. Eine größere Band ist seitdem nicht aufgetaucht, und die Chancen stehen schlecht, dass dies in absehbarer Zeit geschehen wird.

Mit 27 Jahren

eine Ikone

In den kommenden Wochen wird Nirvana noch allgegenwärtiger sein als üblich. Der traurige Grund: Der Todestag des Sängers jährt sich zum zwanzigsten Mal. Am 5. April 1994 erschoss sich Kurt Cobain im Alter von 27 Jahren in seinem Haus am Lake Washington bei Seattle. Kurt hinterließ nicht nur Witwe Courtney Love und Tochter Frances Bean, sondern auch Millionen fassungsloser Fans weltweit. Sein Tod war die einschneidendste Rock‘n‘Roll-Tragödie seit der Ermordung John Lennons im Jahr 1980. „It‘s better to burn out than to fade away“ (dt.: Es ist besser, auszubrennen, als langsam zu verwelken) schrieb er in seinem Abschiedsbrief. Die Zeile stammt aus Neil Youngs Song “Hey Hey, My My (Into the Black)”.

Bereits zu Lebzeiten war der 1967 in Aberdeen im US-Bundesstaat Washington geborene Kurt Cobain nicht nur ein Idol, sondern eine Ikone. Zusammen mit seinen Bandkollegen Dave Grohl (Schlagzeug, heute Foo Fighters) und Krist Novoselic (Bass, heute Jurastudent) fegte er den ganzen Mief der Achtziger Jahre aus der Rockmusik. Die Hair-Metal-Poser, die zuvor dominierten, konnten spätestens in dem Moment ihre Sachen zusammenpacken, als Nirvana 1991 das zweite Album „Nevermind“ veröffentlichte und die Single „Smells like Teen Spirit“ — so pathetisch muss man das ausdrücken — zum Titelsong einer ganzen Generation (der man später das Etikett „Generation X“ verpasste) wurde.

Den Grunge

populär gemacht

Nirvana hat den Grunge nicht erfunden. Dieses Verdienst gebührt Bands wie den Pixies oder den Melvins, die der bereits in jungen Jahren (mit vier lernte er das Klavierspiel) extrem musikbegeisterte Kurt Cobain ebenso verehrte wie die Sex Pistols, Led Zeppelin oder Queen. Kurts Leistung ist die Popularisierung des Genres. Kurt ist das Gesicht des Grunge. Nach ihm kamen weitere Seattle-Bands wie Pearl Jam oder Soundgarden. Nirvana hat den Musikgeschmack einer ganzen Generation positiv geprägt.

„ Ich bin der Ansicht“, sagt Krist Novoselic, „dass die Unverbrauchtheit, die Nirvana-Songs bis heute ausmacht, auf Kurt und seiner künstlerischen Vision basiert. Kurt wusste damals schon, dass unsere Songs ihn selbst lange überdauern würden. Und sie haben eine so starke persönliche Bedeutung für sehr viele Menschen. Diese finden letzten Endes vielleicht besser zu sich selbst, wenn sie unsere Songs hören.“

Er wollte den

Mainstream-Erfolg

Kurt Cobain gelang dies nicht. Er verlor sich zusehends. Er galt anfangs schnell als Rebell — ob zu Recht, darüber gibt es bis heute unterschiedliche Meinungen. Denn einerseits, das belegen seine später veröffentlichten Tagebücher, suchte er den Mainstream-Erfolg, er wollte Karriere machen, ein Rockstar werden. Andererseits trug der Ruhm zu seinem frühen Tod bei. Nach „Nevermind“ fühlte er sich zunehmend unwohl in der Öffentlichkeit, das letzte und relativ unzugängliche Studioalbum „In Utero“ (1993) gilt als Versuch, den Dämon des weltweiten Megaerfolgs wieder auszutreiben.

„Kurt hatte als Frontmann den härtesten Druck auf seinen Schultern“, sagt Krist Novoselic. „Er bekam den Löwenanteil der Aufmerksamkeit. Das tat ihm nicht gut. Dazu hatte er persönliche Schwierigkeiten. Er hat es nicht gepackt, er hat die Kurve nie bekommen.“ Kurt Cobain, ein Kind aus zerrüttetem Elternhaus, litt zeitlebens unter Bauchschmerzen, die er mit Drogen zu betäuben versuchte.

Mit 13 raucht er Marihuana, mit 19 nimmt er Heroin, die Sucht außer Kontrolle — halbherzige Entzugsversuche scheitern. Später wird eine bipolare Störung festgestellt, mehrere Liebesbeziehungen scheitern. Wirklich wohl, so Krist, habe er sich nur beim Zusammenspiel mit der Band gefühlt.

Kurt Cobains Einfluss und Erbe gehen über das Musikalische weit hinaus. Mit Flanellhemden, Strickjacken, Gammeljeans und Converse-Schuhen prägte er eine Mode, die mit kleinen Unterbrechungen weltweit bis heute präsent ist. Modeschöpfer wie Marc Jacobs bauten auf dem Grunge-Look ihre Karriere auf. Mit Textzeilen wie „Everyone is gay“ und Interviews mit Schwulenmagazinen trug er erheblich zur Toleranz bei.

Das posthume Geschäft mit Nirvana läuft auch heute noch wie am Schnürchen. 75 Millionen Alben sind bis dato verkauft, es gibt regelmäßige Wiederveröffentlichungen, etwa 15 Bücher über Kurt Cobain, neuaufgelegte Band-Shirts sind praktisch bei jedem Rockfestival erhältlich.

Am 10. April wird Nirvana in die „Rock and Roll Hall of Fame“ aufgenommen. Was Kurt Cobain wohl von dieser Ehre gehalten hätte?

Geschätzter Nachlass: Über 100 Milionen US-Dollar
In Aberdeen, Washington kam Kurt Donald Cobain am 20. Februar 1967 zur Welt und verbrachte dort auch seine Kindheit. Als Cobain neun Jahre alt war, ließen sich seine Eltern scheiden. Als Kind war er hyperaktiv und bekam Medikamente, u. a. Ritalin.
Ab 1986 trat Kurt mit Krist Novoselic‘ in verschiedenen Bands auf, aus denen 1987 Nirvana entstand. Mit Nirvana veröffentlichte er drei Alben (1989 „Bleach“, 1991 „Nevermind“, 1993 „In Utero“) und eine Zusammenstellung von Raritäten (1992 „Incesticide“).
Heroin injizierte sich Cobain ab 1990 regelmäßig. Am 5. April 1994 starb Kurt in Seattle. Er wurde mit einer Überdosis Heroin und einem Kopfschuss aufgefunden. Heute wird das immer noch wachsende Vermögen des Künstlers auf über 100 Millionen Dollar geschätzt. Den Nachlass verwalten seine Witwe, die Sängerin Courtney Love, und die Tochter Frances Bean.

 



Steffen Rüth

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Rostock
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