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Szene Marteria, der liebe Alien vom Planeten nebenan
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00:00 18.05.2017

„Wir sind gottverwandte Aliens.“ Marteria ist mal wieder gelandet. Am 26. Mai erscheint sein viertes Studioalbum als Marteria (weitere vier Alben liegen als Marsimoto vor), das Marteria als Heimspiel präsentiert – mit einem Konzert im Rostocker Zwischenbau, einer jener Orte, die in seiner Jugend als Teil einer kleinen Rostocker HipHop-Szene mit vielleicht 300 Leuten, ein Stück Heimat war – neben dem JAZ und der „Stubnitz“ damals.

Marteria bleibt seiner Vorliebe fürs Außerirdische, fürs Science-Fiction-Genre treu. „Roswell“ heißt der Stoff, der auf den ersten Blick mit zwölf Songs wie „Aliens“, „Scotty beam mich hoch“, „El Presidente“ oder „Skyline mit zwei Türmen“ recht fremdartig anmutet. Doch es ist wohl das persönlichste Album von Marten Laciny, dem 34-jährigen rappenden Vater eines neunjährigen Jungen, aus Rostock Groß-Klein.

„Roswell“ ist ein mythischer Ort in New Mexico, im Südwesten der USA. Seit den 80er-Jahren existiert die Legende, dass die United States Army dort 1947 ein UFO abgeschossen und die Aliens zu Forschungszwecken in unterirdischen Militärbasen gefangengehalten und gefoltert hätte. Ein klassischer Mythos der Popkultur.

Roswell aber ist nicht Marterias Thema. Er benutzt diesen Stoff nur, um seine eigenen, autobiographischen Geschichten zu erzählen. Ein poetisch recht hartes Transportmittel für seine Worte aus seinem Leben. Aus Area 51, dem militärischen Sperrgebiet des vermeintlichen Alienfunds, wird Marteria 51, aus Roswell wird Rostock, ein Ort der Fremde, der Ort, der für ihn für Heimat steht.

Marteria ist vielleicht kein waschechter Alien, aber verdammt nah dran. Der liebe Alien vom Planeten nebenan und ein Meister der Verwandlung, der Metamorphose, des Mimikry. Vom aufstrebenden Jungfußballprofi bei Hansa Rostock, zum Model in New York, zum Schauspieler in Berlin, zum Rapper – im bundesweiten Popzirkus wohl der einzige Musiker aus MV mit Erstliganiveau. Davon träumen Jugendliche still vor sich hin und so einen krassen Weg muss man in 18 Jahren erstmal hinlegen.

Diese Geschichte erzählt Marteria auf „Roswell“. In „Aliens“ hängt er mit seinen Jungs in seiner Hood in Rostock ab, als Außenseiter, die den Mädels in den kurzen Röcken chancenlos hinterhergaffen, als Hobbygangster auf einem heruntergekommenen Einkaufscenterparkplatz: „Über uns kreist das Militär. Ihre Scheinwerfer machen uns zu Stars“.

In „Roswell“ geht es um die Träume und seltsam verschlungenen Wege junger Menschen. Vor allem weiß man als Hörer immer exakt, wo man ist. „Scotty beam mich hoch“ spielt mitten in Berlin, man sieht die kaputten Typen neben den Karriereheinis vor dem geistigen Auge:

„Am Glühweinstand da gibt’s heute nur warmes Bier. Am Straßenrand da liegt ein überfahrnes Tier.“

Das ist Berlin-Mitte, genauso wie:

„Ein Promi sitzt am Nebentisch. Ein Nazi tanzt zu Billy Jean.“

Gut beobachtet, sehr nah dran. Marteria spielt seit dem Beginn seiner Karriere mit Medienbildern aus Serien und Kinohits wie „Zurück in die Zukunft“, „Alien“, „Akte X“ oder „Raumschiff Enterprise“

oder auch in seinem Zweitpseudonym als Teilzeit-Marsianer Marsimoto mit selbst erfundenen Figuren und Wortneubildungen. Er selbst sagt: „Jeder hat sich doch schon mal wie ein Fremder, wie ein Alien gefühlt.“ Um dieses Außenseitertum, dieses immer mal wiederkehrende Gefühl eines Außerirdischen auf dem fremden und unwirtlichen Planeten Erde, der doch so viel geilen Stoff („Schweinefleisch und Weiber“) zu bieten hat, geht es. Marteria singt davon, dass er weg will aus diesem Wahnsinn Erde („Wer hat sich das bloß ausgedacht“), dass das Wegsein aber gar keine Lösung ist, sondern dass wir alle ein Teil von diesem Wahnsinn sind. Er singt von seiner Barfly-Karriere und dem Bruch mit Alkohol und Drogen („Tauchstation“), von seiner Herkunft aus einer linksorientierten Arbeiterfamilie („Links“) und von seiner Zeit in New York („Skyline mit zwei Türmen“), von seinen alten Kumpels, die noch immer seine neuen Freunde sind und mit denen er seinen Weg zurückgelegt hat – ob Rostock, New York oder Berlin („Große Brüder“).

Das alles hoch professionell produziert vom Team „Krauts“, mit denen Marteria seit Jahren zusammenarbeitet. Bei Songs wie „Aliens“ vertraut er seinem eigenen Gesang mal wieder nur zum Teil und holt sich fürs Featuring Stimmen wie die von Teutilla alias Arnim Teutoburg-Weiß von den Beatsteaks oder Yasha & Miss Platnum („Elfenbein“) – mit deutlichen Referenzen an Dr. Octagon, The Prodigy, David Bowies letztes Album „Blackstar“ und sogar den Godfathers of Progressive Rock – Emerson, Lake & Palmer.

Roswell ist laut, hart, persönlich, politisch und gesellschaftlich relevant. Marteria hat Recht, wenn er sagt, dass 17-Jährige eher ihm zuhören als Bundestagsabgeordneten – egal aus welcher Partei.

Seine Musik verströmt Unruhe und Rebellion, Ungehorsam und Revolution, ist aber kein gescheiterter deutscher Gangsta-Rap und vor allem sehr weit jenseits des Wohlfühlgejodels belanglosen Radiomainstreamdeutsch-Pops.

„. . . Und wenn wir dann irgendwann gehen, werden wir euch fehlen, denn: Wir sind Aliens!“

Michael Meyer

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