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Szene Schock-Therapie gegen Raserei
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00:00 03.04.2014
Mit solchen Unfallbildern soll das Projekt junge Leute vom Rasen abhalten. Quelle: Ingo Wagner / dpa

Mit einfühlsamer Stimme erklärt Polizeihauptkommissar Torsten Dowe den Schülern der Berufsschule Greifswald den Ablauf des anderthalbstündigen Projekts Crash Kurs MV: „Die Bilder, die ihr gleich sehen werdet, sind nicht gestellt, sondern Realität.“ Dann wird der Beamer eingeschaltet. Das erste Bild zeigt einen toten Motorradfahrer, der in Rückenlage auf der Straße liegt. Ein weißes Tuch bedeckt seinen Körper. Die Hand schaut heraus, ein Schuh liegt neben ihm. Das Motorrad ist nur noch ein Blechhaufen. Überall ist Blut zu sehen. Dowe vergleicht den Führerschein mit einem Waffenschein: „Ihr könntet heute noch jemanden töten.“

Seit 30 Jahren ist Dowe im Polizeidienst und leitet den Präventionskurs Crash MV. Ziel ist es, die Jugendlichen für den Straßenverkehr zu sensibilisieren. 2013 startete das Projekt erstmals in Mecklenburg-Vorpommern. Hinter Dowe steht ein vierköpfiges Team aus Rettungskräften und Betroffenen. Sie berichten während der Veranstaltung über ihre Erlebnisse. Einer von ihnen ist Polizeihauptmeister Thomas Gebel. Er erzählt von einem Unfall, der sich vor einigen Jahren in der Nähe von Demmin ereignete. An der Unfallstelle angekommen, suchte er mit seiner Taschenlampe das Auto ab. Im Fußraum des Beifahrersitzes entdeckte er einen jungen Mann, der nur noch so groß wie ein Rucksack gewesen sei. Auf der Rückbank kauerte ein weiterer Jugendlicher. „Ich dachte, dass er noch lebt“, erzählt Gebel. Als er den jungen Mann aus dem Auto hob, sah er ein riesiges Loch in dessen Stirn und schaute in tote Augen. „Das Einzige, was ich tun konnte, war, ihn mit einem Leichentuch zu bedecken“, sagt Gebel mit zitternder Stimme und fügt hinzu: „Bitte, ihr könnt etwas tun.“

Die schonungslose Wahrheit schockiert einige Jugendliche, wie Annika Kalbfleisch und ihre Mitschülerin Sabrina Liedka. Beide haben einen Führerschein. Alkohol hinterm Steuer kommt für sie nicht infrage. „Ein Kumpel starb vor einigen Jahren bei einem Unfall. Er hatte getrunken. Das war eine schwierige Zeit“, erzählt die 21-jährige Annika und beichtet: „In der Innenstadt vergesse ich manchmal mich anzuschnallen, da ich nur kurze Strecken fahre.“ Ihre Freundin Sabrina ist noch in der Probezeit, kennt Leute, die ebenfalls Autounfälle hatten: „Mein Freund hatte schon einige. Deswegen rufe ich ihn fast jeden Tag an und sage ihm, dass er vorsichtig fahren soll.“

Drei Faktoren sorgen laut Dowe meistens für die tödlichen Unfälle bei Jugendlichen: Alkohol, das fehlende Anschnallen und zu hohe Geschwindigkeit.

Doch auch ohne diese Punkte kommt es zu tödlichen Unfällen, wie Diethard Ehlert erleben musste. 2005 fuhr sein Sohn gegen einen Baum. Er hatte nicht getrunken und war angeschnallt. Den Abend, der sein Leben komplett veränderte, teilt er beim Kurs mit den Jugendlichen. An einem Sonnabend kurz nach 22 Uhr wurde der 61-jährige Familienvater angerufen. „Mir wurde gesagt, dass Martin gegen einen Baum gefahren ist“, erzählt er. Dass er tot sein könnte, daran dachte Ehlert nicht, als er zu der Unfallstelle fuhr. „Er starb an einem Genickbruch“, sagt Ehlert, der für einen Moment stockt, um sich die Tränen von dem Gesicht zu streichen. Der Fahrersitz seines Sohnes sei zu weit nach hinten eingestellt gewesen.

„Für mich ist es gut, darüber zu sprechen, und ich will, dass die Jugendlichen ihren Kopf einschalten und vernünftig fahren“, erklärt Ehlert die Gründe, warum er das Projekt unterstützt.

Auch wenn die Jugendlichen nach dem Kurs schnellstens die Schule verlassen, hoffen Dowe und seine Kollegen, so manchen Schüler mit ihren Geschichten erreicht zu haben. Annika jedenfalls hat der Tag nachdenklich gemacht: Sie will ab sofort mehr darauf achten, sich auch bei kurzen Wegen anzuschnallen.

Junge Leute und Verkehrsunfälle
Rund 55 000 Unfälle im Straßenverkehr gab es laut der aktuellsten Unfallstatistik im Jahr 2012 in MV (Quelle: Statistisches Landesamt). Verursacht haben diese Unfälle in 20 Prozent der Fälle junge Leute bis zu 25 Jahren. Gestorben sind 2012 14 Jugendliche unter 26 Jahren, 2011 waren es 28, 2010 sogar 35. Alkohol am Steuer ist nach wie vor ein Problem. Die Zahlen sind jedoch zurückgegangen: 74 junge Autofahrer verursachten 2012 unter Alkoholeinfluss Unfälle, 2011 waren es 106 und ein Jahr zuvor 93.
Projekte zur Prävention:
Craskhurs MV wird getragen vom Ministerium für Inneres und Sport MV, dem Landeskriminalamt, dem Ministerium für Energie, Infrastruktur und Landesentwicklung MV, der Landesverkehrswacht, dem Deutschen Roten Kreuz MV, der Dekra sowie den Unternehmen Glashäger und Rosana.



Mitarbeiter schildern jungen Leuten die Folgen von Verkehrsunfällen.
• www.crashkurs-mv.de
www.schutzengel-mv.de



Christin Weikusat

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