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Pütnitz unter dem Sowjetstern Stadtrand-Idyll wurde Flugplatz geopfert
Thema Specials Pütnitz unter dem Sowjetstern Stadtrand-Idyll wurde Flugplatz geopfert
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02:22 27.08.2014

Im Juni 1963 bekam ein leitender Mitarbeiter der Kreisverwaltung Ribnitz-Damgarten Besuch von einem sowjetischen Major vom Flugplatz Pütnitz. Der teilte ihm mit, dass es notwendig sei, dass unmittelbar an der Einflugschneise im Ortsteil Damgarten weitere drei Häuser abgerissen werden müssen.

Das sorgte in der Kreisverwaltung für einige Verwirrung, immerhin wären bei einem Abriss 28 Menschen betroffen gewesen. Die Kreisverwaltung wandte sich deshalb an den Rat des Bezirkes und verwies in einem Schreiben vom 11. Juni 1963 darauf, dass ja bereits im Jahr zuvor sechs Doppelhäuser abgerissen worden seien. In diesem Brief bat man um Nachricht, wie man sich denn nun in dieser Angelegenheit verhalten solle.

Welche Gründe auch immer dazu geführt haben, dass der Abriss der drei Häuser dann unterblieb: Den Familien, deren Häuser auf der Abrissliste der sowjetischen Militärs standen, ist damit einiges erspart geblieben. Nicht so den Bewohnern der Karl-Liebknecht-Straße 80 bis 91. Ihre Siedlungshäuser, die in den 1930er Jahren im Zusammenhang mit dem Bau des Wehrmachtsflugplatzes Pütnitz gebaut wurden, mussten weichen. Dies stand im Zusammenhang mit der Verlängerung der Start- und Landebahn auf 2500 Meter in Richtung Osten. Da die Häuser in der Einfluglinie der Flugzeuge lagen, waren sie stark gefährdet.

„Für die betroffenen Familien der Liebknecht-Straße war das ein schwerer Schlag“, erzählt Klara Wellmann. Sie gehört zu den Damgartenern, die dort ihre Kindheit und Jugendzeit verbrachten. Mit einigen von ihnen traf sie sich jüngst im Hermann-Bendix-Haus gegenüber der Damgartener Kirche, um Erinnerungen auszutauschen. Mit am Tisch ihre Schwester Erika Krause, Christa Gehlert, Elke Steinitz und Reinhardt Berlin. Ebenfalls in der Runde Sieglinde Schröder, die mit ihrer Familie von 1946 bis 1956 im so genannten Dänenlager, das sich an der Flugplatzallee befand, lebte.

Klara Wellmann erzählt: „Meine Familie stammt aus Bessarabien und musste am Ende des Krieges von dort fliehen. Wir haben alles verloren in der alten Heimat. Wir kamen nach Damgarten und hatten später das Glück, in eines der Siedlungshäuschen ziehen zu können. Meine Eltern zogen im Garten Obst und Gemüse und bewirtschafteten zusätzlich einen kleinen Acker hinterm Haus, und wir hielten auch Kleinvieh. Das Haus und das Land war unsere Lebensgrundlage. Und dann verloren wir wieder alles, aber nicht im Krieg, sondern in Friedenszeiten, das war bitter.“

Zwar wurden den betroffenen Familien andere Wohnungen zugewiesen und es wurde auch eine Entschädigung gezahlt. Diese berücksichtigte allerdings aus Sicht der Bewohner nicht die durch sie im Laufe der Jahre vorgenommenen Wertverbesserungen an den Häusern. Der Verlust des Zuhauses habe ohnehin nicht wieder gut gemacht werden können, so sind sich alle einig.

Die Mitglieder der Runde drehen die Zeit vor das Jahr 1962, das Jahr, in dem ihre Familien ihre Häuser in der Liebknecht-Straße verlassen mussten, zurück. „Für uns war es ein Spielparadies“, schwärmt Reinhardt Berlin. Besonders gut kann er sich noch heute an die Kinderhochzeit erinnern. Das war 1950. Seine „Braut“ war Hannelore Kunig.

Einer ihrer bevorzugten Spielplätze sei die Beek gewesen, „da haben wir Stichlinge gefangen“, erzählt Berlin weiter. „Und ich habe da schwimmen gelernt“, wirft Elke Steinitz ein. Nach der Übernahme des nahegelegenen Flugplatzes durch die Sowjetarmee 1952 wurde in der Nähe der Siedlungshäuser eine Funkstation aufgebaut. „Dort lebten die Soldaten ziemlich primitiv. Sie mussten sich in der Beek waschen“, so Reinhardt Berlin. Erika Krause ergänzt, dass die Soldaten offenbar auch zu wenig zu essen hatten.

Man sei auf vielfältige Art und Weise mit den Angehörigen der Garnision verknüpft gewesen, Reinhardt Berlin erinnert unter anderem an die vielen Tauschgeschäfte zwischen Einheimischen und sowjetischen Soldaten und Offizieren. Und so mancher Ribnitz-Damgartener hat auf dem Flugplatz auch gearbeitet, zum Beispiel die Mutter von Klara Wellmann und Erika Krause. „Noch bis 1972 war sie in der Schule der Garnison als Reinigungskraft tätig“, so Klara Wellmann.



Edwin Sternkiker

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