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Werften Werftarbeiter in der Warteschleife
Thema Specials Werften Werftarbeiter in der Warteschleife
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00:00 02.07.2013
Was wird aus der Volkswerft? Unser Luftbild zeigt neben einem der beiden für die dänische Reederei DFDS bestimmten Frachter die beiden ursprünglich von Scandlines bestellten Ostseefähren, für die immer noch ein Käufer gesucht wird. Quelle: Fotos: Peter Sandbiller, Stefan Sauer (2)
Stralsund

Der Windanlagenhersteller Enercon in Aurich sucht einen Ingenieur für den Standort Rostock, die Werften Abu Dhabi Mar in Kiel und auch HDW wollen neue Schiffbauer einstellen. An der Pinnwand im Flur der P+S-Transfergesellschaft in Stralsund hängen mehr als 70 Stellenanzeigen, sortiert nach regionalen und überregionalen Angeboten.

Der Blick auf die Tafel suggeriert eine komfortable Situation: Die Schiffbauer aus Stralsund sind in ganz Norddeutschland heiß begehrt. Doch so einfach ist das nicht. „Die Leute konkurrieren mit vielen anderen Menschen, die ebenfalls hervorragend qualifiziert sind“, sagt Transfergesellschafts-Chef Oliver Fieber. Enttäuschungen sind vorprogrammiert.

Viele der Stralsunder Schiffbauer haben in den vergangenen Monaten 15 bis 20 Bewerbungen geschrieben und trotz Coaching keinen Job ergattert. „Das ist schon schwer“, sagt Fieber. Die Aufgabe der Mitarbeiter der Transfergesellschaft bestehe dann darin, deutlich zu machen, dass es nicht an ihnen liegt, sondern sie auf einem engen Markt mit vielen anderen Mitkonkurrenten unterwegs sind. „Die P+S-Schiffbauer sind hoch qualifiziert.“

Die Zeit wird eng: In vier Monaten, zum 31. Oktober 2013, ist die Laufzeit der von Gewerkschaft und Betriebsrat hart errungenen und mit rund 25 Millionen Euro vom Land geförderten Transfergesellschaft beendet. Die ursprünglich vorgesehene Verweilzeit von maximal sechs Monaten wurde für die Frauen und Männer schon auf ein Jahr aufgestockt. Trotz erster Gespräche ist bislang aber kein Investor für den Schiffbaubetrieb in Stralsund in Sicht. Wer zum Schluss nicht vermittelt ist, wird arbeitslos.

Die Werftarbeiter seien Haudegen, ließen den Kopf nicht hängen, sagt Personalverantwortlicher Peter Dohr, einst Schiffbauer bei P+S, jetzt Mitarbeiter der Transfergesellschaft. Doch dass die Zeit langsam knapp werde, lasse keinen kalt. „Die Stimmung beginnt zu kippen.“

Seit 1970 arbeitete der heute 59-Jährige auf der Werft, er überstand die Wende und alle Werftenkrisen ohne den Gang in die Arbeitslosigkeit. Mitte 2012, kurz vor der Insolvenz, wechselte Dohr in die Verwaltung der P+S-Werft. „Die Knie machten nicht mehr mit. Die Knochen waren mürbe nach 42 Jahren.“

90 Prozent der Leute, die jetzt vor ihm sitzen, denen Dohr Mut zuspricht, die er motiviert, sich weiter zu bewerben, seien als Lehrlinge bei ihm durchgegangen.

„Die Stralsunder Werft - ein Job fürs Leben“, das hat auch Fanny Strauchmann gedacht, als sie dort als Konstruktionsmechanikerin begann. Die P+S-Pleite hat sie im Mutterschaftsurlaub, einen Monat nach der Geburt ihrer Tochter, kalt erwischt.

Mit Clara Sophie auf dem Arm sucht die 23-Jährige zusammen mit ihrem Berater nach einem neuen Job. „Weggehen ist bislang keine Alternative, sagt sie. „Mit einem Kleinkind ist das schwer.“ Sie habe bei Firmen in der Region nachgefragt, bislang ohne Erfolg. Als im November 2012 die Transfergesellschaft startete, war die Hoffnung auf einen Neuanfang in Stralsund groß.

Doch Grenzen verschieben sich: Was für eine Arbeit ist zumutbar, welche Fahrtwege zur neuen Arbeitsstelle sind akzeptabel? Jobs, die vor zwei Monaten als unakzeptabel galten, rücken zunehmend ins Blickfeld der Betroffenen. Technisches Englisch, Konstruktionsschulungen, Schweißerfortbildungen, Lagerwirtschaft und Logistik, Bewerbungstraining: Statt Schweißgerät hatten die Schiffbauer in den vergangenen Wochen ein Schreibgerät in der Hand.

„Wir werden die Maßnahmen intensivieren“, gibt sich Fieber angesichts der ungeklärten Situation in Stralsund kämpferisch. Jobbörsen, Einzelmaßnahmen und auch Fahrten zu Arbeitgebern nach Schleswig-Holstein stehen in den kommenden Wochen auf dem Programm. „Alternativen schaffen“, nennt es Fieber. „Damit der Mensch selbst über seine Zukunft entscheidet und nicht die normative Kraft des Faktischen.“

Peter Dohr bräuchte noch einen Job für zwei Jahre, dann schafft er es mit einer kurzen Phase der Arbeitslosenüberbrückung in die Rente. Fünf Söhne haben er und seine Frau großgezogen. Zum Glück seien die Kinder erwachsen und selbstständig. Trotzdem: „Aus dem ganz großen Topf schöpfen, das geht nicht mehr.“

Martina Rathke

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