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Beim Meister im Reich Liliput

Greifswald Beim Meister im Reich Liliput

Er operiert unter dem Mikroskop: Prof. Dr. Stefan Clemens aus Greifswald zählt zu den bundesweit wenigen Universalchirurgen in der Augenheilkunde. Er nimmt auch Transplantationen der Hornhaut vor.

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Anerkannter Experte: Prof. Stefan Clemens arbeitet während der Augenoperationen mit einem Spezial-Mikroskop.

Quelle: Foto: Peter Binder

Greifswald. Gerade bei Autofahrten in der Dämmerung wird tagtäglich Tausenden Kraftfahrern deutlich, dass sich ihr Sehvermögen verschlechtert hat: Die Blendempfindlichkeit der Augen erhöht sich spürbar und die Sehschärfe lässt deutlich nach.

„Im Alltag kommt es bei den Betreffenden zudem nicht selten zu Phasen der Orientierungslosigkeit“, beschreibt Prof. Dr. Stefan Clemens dieses gefährliche Phänomen. „Spätestens dann sollte man sich in fachärztliche Behandlung begeben“, rät der Direktor der Klinik und Poliklinik der Unimedizin Greifswald.

Denn in vielen Fällen leiden diese Patienten unter Veränderungen der durchsichtigen Hornhaut, der Kornea. Sie stellt die äußere Begrenzung des Auges dar, die den runden Augapfel nach vorn abschließt.

Das Fatale: Der Mensch kann nur scharf sehen, wenn die Hornhaut durchsichtig und gewölbt ist. Jede Veränderung ihrer Klarheit beeinträchtigt das Sehvermögen. Und diese erfolgt beileibe nicht nur altersbedingt.

Vor allem Verformungen und Narben sind die Ursachen. Prof. Clemens macht in diesem Zusammenhang auf die schwerwiegenden Folgen einer Infektion mit Herpesviren aufmerksam, die häufig zu einer schweren Entzündung der Hornhaut führen. „Sind erst einmal Eintrübungen vorhanden, bilden sich diese in der Regel nicht mehr zurück.“ Was bleibt, ist nicht selten der Austausch gegen eine gesunde, klare Hornhaut von einem verstorbenen Spender – also eine sogenannte Hornhauttransplantation, die Fachleute sprechen von einer Keratoplastik.

Bundesweit werden jährlich rund 4000 derartiger Transplantationen durchgeführt. Der tatsächliche Bedarf liegt jedoch nach Aussage der Spezialisten bei etwa 6000. „Die Folge sind Wartezeiten von bis zu neun Monaten“, erklärt der Greifswalder Experte. Sein Team in der Unimedizin verhilft im Jahr etwa 50 Patienten, die vor allem aus Vorpommern kommen, dazu, die Welt in ihrer ganzen Schönheit wieder sehen zu können.

Der gebürtige Düsseldorfer (Nordrhein-Westfalen), der seit 1994 in der Hansestadt als Klinikchef arbeitet, beherrscht auch diese komplizierten Eingriffe traumwandlerisch sicher.

Konzentriert betrachtet der 65-Jährige durch ein Mikroskop die geschädigte Hornhaut des Patienten. Seine Unterarme liegen auf einer Stütze. In den Händen befinden sich Spezialwerkzeuge. Mit welcher Präzision der Operateur hier vorgehen muss, ist kaum fassbar. Gearbeitet wird in dieser Miniaturwelt unter anderem mit superfeinen Pinzetten. Diese haben Greifflächen, die dem Durchmesser eines Fliegenbeins entsprechen.

Die äußere Abdeckung des Augapfels hat eine Schichtdicke von gut einem halben Millimeter, sie ist gewölbt und ihr Radius misst zwischen fünf und sieben Millimetern. Die trübe Stelle wird aus der Hornhaut des Patienten herausgeschnitten. Dann stanzt der Arzt aus der Spenderhornhaut ein passendes Segment heraus.

Dieses näht Prof. Clemens unter dem Mikroskop in die defekte Hornhaut ein. Die Naht ist nur 0,03 Millimeter dick!

„Durch das Einnähen entstehen Narben auf der Hornhaut. Doch die Nähte werden so angelegt, dass sie sich außerhalb des optischen Zentrums befinden“, erläutert der Mediziner. Weit mehr als 90

Prozent der Patienten leben problemlos mit der Spenderhornhaut. Und das Plus an Lebensqualität ist riesig.

Insgesamt rund 2500 Eingriffe, die zwischen wenigen Minuten und bis zu 18 Stunden dauern, nimmt der Universalchirurg jährlich vor. Darunter sind neben den Hornhauttransplantationen unter anderem Operationen von Frauen und Männern, die am Grünen oder Grauen Star leiden.

Ende des Monats wird der Meister im Reich Liliput die Leitung der Klinik abgeben.

Der Mann mit den ruhigen Händen, der sich auch über Stunden unglaublich zu konzentrieren vermag, will im Ruhestand endlich auch mal länger auf Reisen gehen und seinen sportlichen Ambitionen folgen.

Hornhaut des Auges weltweit am häufigsten transplantiert

Die Hornhauttransplantation ist die mit Abstand häufigste Organtransplantation weltweit.

Die Fäden nach einer Hornhautransplantation werden in der Regel erst nach drei bis zwölf Monaten gezogen. Denn die Wunden bei derartigen Eingriffen heilen vergleichsweise langsam.

War das Auge vor dem Eingriff nicht entzündet, sollte die neue Hornhaut nach der OP ohne Schmerzen einwachsen.

Im ersten Jahr nach dem Eingriff sind regelmäßige augenärztliche Checks unbedingt nötig. Es gilt, mögliche Entzündungen oder Abstoßungsreaktionen früh zu entdecken und zu behandeln.

Verstirbt ein Mensch, werden die Angehörigen über die Chance der Hornhautspende informiert. Hornhäute können bis zu 76 Stunden nach dem Tod entnommen werden.

Bereits zu Lebzeiten kann man sich zur Spende entscheiden und erhält dann einen Organspendeausweis. Hornhäute können in sogenannten Brutschränken vier bis sechs Wochen überleben.

OP-Risiken durch Infektionen sind selten. Dies gilt vor allem, wenn die Spenderhornhaut in

einer Hornhautbank kultiviert wurde.

Volker Penne

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