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DCX-Bild Deutsche Jugendliche sollen gleichaltrige Syrer angegriffen haben
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16:14 12.09.2018
Vor dem Landgericht Neuruppin muss sich derzeit ein 19-Jähriger aus Wittenberge wegen einer Vielzahl von Straftaten verantworten. Quelle: Peter Geisler
Wittenberge

Einbruch, Diebstahl, Bedrohung, Sachbeschädigung, räuberischer Diebstahl und gefährliche Körperverletzung: Die Liste der Straftaten, die einem 19-jährigen Wittenberger zur Last gelegt werden, ist lang.

Einbruch, Diebstahl, Körperverletzung

Mal soll er vor dem Busbahnhof in Wittenberge einen Mülleimer gegen ein Toilettenhäuschen geworfen haben, mal ins Bahnhofsgebäude eingebrochen sein. Er hat laut Anklage Ladendiebstähle begangen und in einem Fall die Ladendetektivin bedroht. Das alles zwischen Oktober vorigen Jahres und Januar dieses Jahres.

Gleichaltrige abgezockt

Zwei Vorfälle stechen besonders hervor. So soll der Angeklagte im November 2017 eine 14-jährige Schülerin mit gezücktem Messer zur Herausgabe einer Musikbox gezwungen haben. So jedenfalls lautet die Anklage. Doch wie mehrere Zeugen vor Gericht beteuerten, hätte ein Messer nie eine Rolle gespielt. Das hätten sie sich nur ausgedacht, hieß es übereinstimmend.

Opfer entlasten Angeklagte

Auch ein Vorfall vom 25. Dezember vergangenen Jahres wurde gestern durch die mutmaßlichen Opfer entschärft. Die beiden jungen Syrer waren vor dem Kulturhaus von Wittenberge von mehreren deutschen Jugendlichen, darunter der Angeklagte, angegriffen worden.

Durch Gipsarm verletzt

Wie der 17-jährige Syrer berichtete, war er alleine unterwegs, als ihn zwei junge deutsche Männer angingen, ihn aufforderten, zurück in seine Heimat zu gehen, die deutsche Sprache zu lernen, bevor er etwas sage und er solle die Klappe halten. Einer der beiden hatte einen Gipsarm, mit dem er ihm gegen den Kopf schlug, erinnerte sich der junge Syrer vor Gericht. Ihm waren die beiden bekannt. Heute sei er mit ihnen befreundet.

Die Situation beruhigte sich, er ging in die eine, die beiden in die andere Richtung. Er meldete den Vorfall der Polizei, die gerade Streife fuhr, aber die beiden vergeblich suchte. Der 17-Jährige begegnete kurz darauf einem gleichaltrigen Landsmann. Zusammen gingen sie zu dem Platz zurück, als ihnen eine Gruppe junger Deutscher in Begleitung einiger Mädchen entgegenkam, darunter die beiden Angreifer von eben.

Mit Baseballschläger und Messer bewaffnet

Die jungen Deutschen waren bewaffnet mit Messern, einem Baseballschläger, einer Fahrradkette und einer Bierflasche. Wie sich der 17-Jährige erinnerte, bekam er sechs oder sieben Schläge von dem jungen Mann mit dem Gipsarm verpasst. Er habe dadurch das Gleichgewicht verloren und sei zu Boden gestürzt. Als ihm sein Freund habe helfen wollen, habe der auch einen Schlag abbekommen. Und sich, wie er sagte, mit der Fahrradkette zur Wehr gesetzt.

Unfreiwillige Zuschauer entsetzt

Wesentlich schockierender als von den beiden Opfern geschildert, hatte ein Rentnerehepaar den Vorfall empfunden. Es war zufällig dort, weil ihr Enkel den beleuchteten Weihnachtsbaum sehen wollte. Bei diesem Spontanausflug hatten sie keine Handys dabei, als sie Zuschauer der Schlägerei wurden. Beide Eheleute hatten jemanden mit einer Keule gesehen. Die 67-Jährige hatte den Anblick als „gefährlich“ erlebt. Außerdem hatte sie beobachten können, wie einer auf einen am Boden liegenden Mann eingetreten hat. „Der getreten hat, war wie im Rausch“, sagte sie. So etwas habe sie noch nie erlebt.

Glimpflich davon gekommen

Der junge Syrer wurde anschließend im Krankenhaus untersucht. Er hatte leichte Kopfschmerzen, eine Abschürfung am Unterarm und eine Beule am Kopf. Er sei nicht mit einem Baseballschläger geschlagen worden, auch ein Messer sei nicht zum Einsatz gekommen. „Damit wollten sie uns wohl einschüchtern.“ Sein Freund erlitt lediglich Nasenbluten durch den Schlag mit dem Gipsarm. Die beiden konnten die Polizei rufen. Die Beamten trafen den Angeklagten an der Turmstraße an. Er war verletzt. Er sei mit einem Fahrradschloss, das er noch in der Hand hielt, angegriffen worden, sagte er den Polizisten. Neben ihm lehnte das Fahrrad, das einem der Syrer gehörte.

Nichts mitbekommen

Eine der bei der Prügelei anwesenden jungen Frauen wurde am Mittwoch als Zeugin gehört. Sie habe keine Ahnung, wer wen geschlagen habe, könne sich nicht mehr erinnern, habe nicht „großartig etwas mitbekommen“, weil sie sich unterhalten habe. Soweit sie wisse, sei eine Glasflasche geflogen. Von anderen Waffen wie einem Baseballschläger oder Messern wisse sie nichts. So viel Nichtwissen nahm ihr die Vorsitzende Richterin nicht ab.

Die Zeugin war auch dabei, als der Angeklagte mit einem Mülleimer warf. „Das war jugendlicher Leichtsinn. Er wollte wohl zeigen, wie stark er ist“, meinte sie. Die Tür des Toilettenhäuschens, die das Ziel seines Wurfes war, hatte hinterher zwei bis drei Dellen. Zu zwei anderen Tatvorwürfen wollte sich die 20-Jährige nicht äußern, weil sie im Verdacht steht, dabei gewesen zu sein. Sie berief sich auf ihr Auskunftsverweigerungsrecht.

Die Verhandlung wird am 25. September fortgesetzt.

Von Dagmar Simons

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