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Vorpommern Kinderleichen unterm Landesmuseum
Vorpommern Kinderleichen unterm Landesmuseum
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08:29 12.04.2019
Ausgrabungen am Pommerschen Landesmuseum. Grabungsleiterin Renate Samariter begutachtet eines der freigelegten Skelette. Quelle: Martina Rathke
Greifswald

Bei Ausgrabungen auf einem der spannendsten Areale der Greifswalder Altstadt sind Archäologen auf 17 Skelette gestoßen. Am Pommerschen Landesmuseum legen die Fachleute derzeit eine etwa 100 Quadratmeter große Fläche frei. Zwischen Franziskaner-Konvent und Gemäldegalerie soll bekanntlich die „Galerie der Romantik“ errichtet werden.

Um es vorweg zu nehmen: Der erhoffte große Sensationsfund, das Skelett des Greifswalder Bürgermeisters und Universitätsgründers Heinrich Rubenow (um 1400 bis 1462), war bislang nicht dabei. Doch die Fachleute geben nicht auf, denn ein Viertel der Grabungsfläche wartet noch auf die Freilegung. Die aktuellen Grabungen, die etwa anderthalb Meter unter das jetzige Erd- und das seit dem 14. Jahrhundert unveränderte Kirchenbodenniveau reichen, bewegen sich in der Schicht, in der auch einst Rubenow bestattet wurde, sagte der für Hansestadt-Grabungen zuständige Archäologe, Heiko Schäfer.

Sein Skelett, da sind sich die Archäologen sicher, wäre zumindest gut an einer Verletzung im Schädelbereich zu identifizieren. Rubenow wurde, so belegen es historische Quellen, in der Silvesternacht 1462 im Auftrag seiner innerstädtichen Gegner mit einer Axt erschlagen. Bestattet wurde er im Franziskaner-Chor, wo die Familie Hilgemann, die 1348 den Neubau des Chores stiftete und der Rubenows Ehefrau Katharina entstammte, ihre Grablege anlegen ließ. Denkbar sei aber auch, dass das Grab Rubenows nicht mehr existiert, weil es durch spätere Bestattungen aus dem 16. bis 18. Jahrhundert gestört wurde, ergänzte Schäfer. Meistens seien in solchen Fällen die älteren Knochen pietätvoll geborgen oder zur Seite gelegt worden.

Gestützt wird diese These durch die bisherigen Skelettfunde: Denn seit Ausgrabungsstart vor etwa drei Wochen legten die Archäologen die Überreste von 17 Personen frei, die anhand der Beifunde auf das 17. und 18. Jahrhundert datiert werden können, wie Grabungsleiterin Renate Samariter sagte. Rund 50 Münzen holten die Ausgräber aus dem Boden – Halbpfennige und Pfennige aus Pommern, Preußen und Mecklenburg. Einige wenige Münzen stammen aus dem Mittelalter. Diese seien aber „sekundärverlagert“, also bei späteren Bestattungen umgelagert worden, so Schäfer.

Von den 17 Skeletten stammen fünf von Kindern. Als interessanten Fakt werten die Archäologen, dass die Kinder – bis auf eines – separat von den anderen Toten an der Nordseite des Chores bestattet wurden. „Warum, das wissen wir noch nicht“, sagte Grabungsleiterin Samariter. Bei vier Kinderskeletten fanden die Archäologen sogenannte Totenkronen aus filigran gewickeltem und mit Blütenblättern verziertem Kupferdraht, eine weitere Krone lag abseits davon. Diese Beigaben wurden ebenso wie die Münzen bereits nach Stralsund in die Außenstelle des Landesamtes für Kultur und Denkmalpflege gebracht. „Totenkronen wurden in der Regel Mädchen und unverheirateten jungen Frauen mitgegeben. Man gab ihnen das, was ihnen im wahren Leben verwehrt blieb, eine Hochzeit“, sagte Samariter. Diese Tradition sei im 16. Jahrhundert aufgekommen und habe ihren Höhepunkt im 17. und 18. Jahrhundert erreicht. Wer die bestatteten Toten sind, deren Skelette jetzt geborgen werden, können die Archäologen nicht sagen. Es müssen zumindest gesellschaftlich höher gestellte Personen gewesen sein. „Für Grabstellen in der Kirche musste man bezahlen. Wer viel Geld hatte, konnte sich eine im Chorbereich leisten“, sagte Schäfer

Beifunde sind auf dieser Grabungsfläche eher spärlich gesät. „Beigaben waren in christlichen Bestattungen unüblich“, begründete Samariter die relative Fundarmut. Aus der Reihe tanzt die Entdeckung von zwei Musketenkugeln und sechs Bleiplomben, die vermutlich aus der Zeit des Nordischen Krieges stammen. Damals seien Soldaten in Kirchen einquartiert worden. Die Archäologen vermuten, dass sie dort, an einem Feuer sitzend, Kugeln gegossen haben.

Neben den Archäologen sind auch Bauhistoriker vor Ort, die anhand der freigelegten Fundamente mehr über die Baugeschichte des 1262 gegründeten Klosters erfahren wollen. Die Ergebnisse wollen sie nach Ostern vorstellen. In einem nächsten Arbeitsschritt stehen dann statische Prüfungen an, wie Museumsdirektor Uwe Schröder sagte. „Der Baugrund gilt als schwierig.“ Schröder hofft, dass noch in diesem Jahr die Bauarbeiten für den vom Bund mit fünf Mio. Euro finanzierten Neubau starten können. Dies hänge davon ab, wie die präzisierten Kostenschätzungen ausfallen und ob eventuell eine Nachfinanzierung erforderlich sein wird, weil die Baukosten so gestiegen sind.

Martina Rathke

Bei Ausgrabungen am Pommerschen Landesmuseum in Greifswald sind Archäologen bislang auf 17 Skelette gestoßen. Im früheren Chor-Bereich des Franziskanerklosters wurde auch Bürgermeister Heinrich Rubenow bestattet.

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