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300 Jahre Lehrsynagoge in Greifswald

Greifswald 300 Jahre Lehrsynagoge in Greifswald

Die von einem Theologieprofessor geschaffene Einrichtung gilt auch als erstes jüdisches Museum

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Der Theologieprofessor Mayer war auch Generalsuperintendent und Pastor. Das Bild im Dom weist auf die berühmte Bibliothek hin. FOTO: EOB

Greifswald. . Vor 300 Jahren gab es in Greifswald eine voll ausgestattete Synagoge. Sie befand sich im Haus des Theologieprofessors, Generalsuperintendenten, Prokanzlers und ersten Pastors an St. Nikolai, Johann Friedrich Mayer (1650 bis 1712). Auf dessen Grundstück (Domstraße 14) wohnten von 1564 bis 1824 fast ohne Unterbrechung die Evangelischen Generalsuperintendenten. Das jetzige Gebäude wurde nach dem Abbruch des Vorgängers 1784 errichtet.

Allerdings kamen in der Domstraße keine Juden zum Gottesdienst zusammen. Sie waren Ende des 17. Jahrhunderts aus Schwedisch-Pommern ausgewiesen worden. Die Synagoge im Haus des Generalsuperintendenten diente der Lehre für Theologiestudenten und wurde Gästen gern gezeigt. Die Räume waren gut inszeniert. Neben dem Eingang zum Synagogenraum befanden sich ein Handwaschgefäß und im Boden ein Eisen zum Abstreifen der Schuhe.

Für Mayer war die Lehrsynagoge auch ein Raum judenmissionarischer Schulung, meint der Greifswalder Theologieprofessor Christfried Böttrich. Die Einrichtung der Synagoge in Greifswald am Anfang des 18. Jahrhunderts gehört zu den „merkwürdigsten und interessantesten Projekten dieser Art“, so Böttrich. Er hat gemeinsam mit Thomas Kuhn und Daniel Stein Kokin ein 600 Seiten starkes Buch mit dem Titel „Die Greifswalder Lehrsynagoge Johann Friedrich Mayers. Ein Beispiel christlicher Rezeption im 18.Jahrhundert“ herausgegeben. In dem lesenswerten und sehr informativen Druckwerk werden der bisherige Forschungstand zusammengefasst und auch Ergebnisse neuer Untersuchungen vorgestellt.

Die Synagoge war Teil einer beeindruckenden Bibliothek des Professors, von der ganz Europa sprach und zu deren Besuchern Könige und der russische Zar Peter I. zählten.„An der Einrichtung der Lehrsynagoge lässt sich das christliche Bewusstsein religiöser Überlegenheit ebenso ablesen wie das gelehrte Bestreben, Kenntnisse zu vermitteln und gesamtbiblische Zusammenhänge zu vermitteln“, so Böttrich. Für den Historiker Jens Hoppe liegt die wahre Bedeutung dieser Synagoge „in der Hilfe zur Bekehrung von Juden zum Christentum. Sie hatte damit die Aufgabe, die schon Luther als wichtig ansah.“

Manche bezeichnen Mayers Synagoge in Greifswald als erstes jüdisches Museum der Welt. Das lehnen andere Experten mit Verweis auf die genannten Zwecke dieser Synagoge ab. Für die Einrichtung hat Mayer mit dem 1701 zum Christentum konvertierten Christoph Wallich (1672 bis 1743) zusammengearbeitet. Dieser kannte sich als ehemaliger Thora-Schreiber und Kantor bestens aus. Wallich studierte seit 1706 Theologie in Greifswald. Er hat die im Buch nachgedruckte Schrift „Die Mayerische Synagoga in Greiffswalde“ verfasst. Die Synagoge befand sich im ersten Stock des Wohnhauses. Unter anderem wurden hier 26 Objekte, darunter eine Thora-Rolle in einer heiligen Lade, gezeigt. Auch ein Almosenkasten, ein Beschneidungsstuhl, acht Gebetstafeln und eine Rabbinerpuppe gehörten zur Ausstattung. Unter den Objekten waren sogar Originale.

Laut Böttrich erfolgte die Einrichtung der Synagoge etwa 1706 bis 1708. „1712 wird sie in den Wirren des Nordischen Kriegs gemeinsam mit Mayers Bibliothek aus Greifswald entführt“, informiert Böttrich. Damals hatten sächsische Truppen die Stadt besetzt. „Nach einer abenteuerlichen Odyssee wird sie in Berlin versteigert, für kurze Zeit in Leipzig und schließlich für gut 100 Jahre in Dresden aufgestellt, wo sich Mitte des 19. Jahrhunderts ihre Spur verliert.“ Etwas genauer: Die Leipziger hatten die „Meyerische Judenschule 1715 bis wahrscheinlich 1717 in ihrer Unibibliothek aufgestellt und schufen später eine Kopie.

In der sächsischen Hauptstadt gehörte sie ab 1728 zum „Juden-Cabinet“ des Dresdner Zwingers. 1828 befanden sich alle Teile in jüdischem Privatbesitz. Von der Ausstattung ist nur noch eine 1724 in Leipzig geschriebene Kopie einer Esther-Rolle vorhanden.

Christfried Böttrich, Thomas K. Kuhn, Daniel Stein Kokin (Herausgeber):

„Die Greifswalder Lehrsynagoge Johann Friedrich Mayers. Ein Beispiel christlicher Rezeption des Judentums im 18. Jahrhundert“, Evangelische Verlagsanstalt, ISBN 978-3-374-04529-7, 48 Euro

Juden in Vorpommern

Im Mittelalter gab es nur wenige Juden in Pommern. Auch Greifswald war ein Wohnort, 1491 wird hier eine „Yodenstraße“ erwähnt. Sie wurden mehrfach verfolgt.

Die schwedische Regierung , die nach 1648 im westlichen Teil Pommerns (Vorpommern) herrschte, war „durchaus judenfeindlich“ (Thomas Kuhn). Juden durften nur in Schweden siedeln, wenn sie zum Christentum übertraten. 1685 wurde ihnen der Aufenthalt verboten. Erste Ansiedlungen erfolgten seit Mitte der 1770er Jahre.

Eckhard Oberdörfer

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