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Abgaben bestimmen den Strompreis

OZ-Interview mit Stadtwerke-Geschäftsführer Thomas Prauße: Unternehmen strukturiert sich neu Abgaben bestimmen den Strompreis

Vergrößerung ist kein Thema / Eigener Windstrom bleibt ein Ziel / BiG-Bildungszentrum nach Krise wieder top

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Quelle: pb

Greifswald. Interview von Eckhard Oberdörfer

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Vergrößerung ist kein Thema / Eigener Windstrom bleibt ein Ziel / BiG-Bildungszentrum nach Krise wieder top

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Das BiG ist heute wieder sehr gut aufgestellt und engagiert sich aktuell auch bei der Sprachausbildung und der Integration von Flüchtlingen.“

Fernwärmevorrang in der Stadt

Die ersten Pläne haben sich zerschlagen. Es bleibt ein strategisches Ziel der Stadtwerke, eigenen Windstrom zu erzeugen.“Thomas Prauße, Geschäftsführer

Die Stadtwerke stellen sich neu auf. 2017 sollen die Sparten Wasser, Fernwärme, Strom und Gas unter einem Dach vereint sein. Was versprechen Sie sich davon?

Thomas Prauße: Wir haben die Situation analysiert. Es gibt ständig neue Herausforderungen wie die Energieeinsparverordnung oder den Umstieg auf die regenerativen Energien. Die bisher bestehenden kleinen Gesellschaften sind nicht zukunftsfähig. Darum vereinen wir sie unter einem Dach. Kernkompetenzen sind bei Gas, Strom, Wasser und Fernwärme jeweils die Erzeugung, der Verkauf und die Verteilung über die Netze. Diese drei Bereiche wird es künftig geben. Außerdem werden die kaufmännische Verwaltung und die Informationstechnologie aufgewertet, so dass wir insgesamt fünf Bereiche haben. Davon versprechen wir uns erhebliche Synergieeffekte.

Bedeutet das Entlassungen?

Prauße: Nein, das haben wir auch dem Betriebsrat gesagt. Die Umstrukturierung erfolgt gemeinsam mit der Belegschaft.

Sinken infolge der höheren Effektivität die Preise für Gas und Elektroenergie?

Prauße: Wir haben Gas zuletzt günstig einkaufen können und das an die Kunden weitergegeben. Aber der Preis bei Strom wird zu über 90 Prozent durch Steuern, Umlagen und die Kosten für die Nutzung der Netze von Edis und 50Hertz bestimmt. Der Rest bleibt für unsere Kosten, für Marketing und die Wahrnehmung sozialer Verantwortung für die Region. 2017 steigt erneut die Erneuerbare-Energien-Umlage. Wir werden wieder die Überbringer der schlechten Nachricht sein, dass Preise steigen, obwohl wir nichts dafür können.

Kann man schon konkrete Angaben machen?

Prauße: Nein. Die Entwicklung der Umlagen werden zum 15. Oktober 2016 und die der Netzentgelte endgültig erst zum 31. Dezember 2016 bekanntgegeben.

Nun gab es in der letzten Zeit häufiger stark sinkende Erzeugerpreise. Kann man die nicht sofort an die Kunden weitergeben?

Prauße: Nein. Um Sicherheit bei der Kalkulation zu haben und über Monate gute Preise anbieten zu können, schließen wir Lieferverträge in der Regel zwei Jahre im Voraus ab. Verlässt man sich auf den aktuellen Marktpreis, kann man Glück oder Pech haben.

Die Greifswalder Stadtwerke haben die Stadtwerke Grimmen übernommen. Könnte nicht eine weitere Vergrößerung, eine Fusion beispielsweise durch die Übernahme von Stralsund, den Stadtwerken nützen?

Prauße: Wir kooperieren mit anderen Stadtwerken wie den Stralsundern beispielsweise bei der Schaffung profitabler Speicher und bei der Marke local energy. Aber Übernahmen oder die Bildung größerer Einheiten planen wir nicht. Die Stadtwerke Greifswald sind in ihrer jetzigen Größe und mit ihrer jetzigen Struktur in der Erzeugung von Elektroenergie und Fernwärme sehr gut aufgestellt. Wir können mit unseren Anlagen flexibel auf Anforderungen des Marktes reagieren und konzentrieren uns als regionaler Anbieter auf Vorpommern-Greifswald.

Sollten die Gebiete mit Anschlusszwang für Fernwärme vergrößert werden?

Prauße: Fernwärme ist im Vergleich mit Öl und Gas sehr preisgünstig. Die erste von der Bürgerschaft verabschiedete Fernwärmesatzung hat zu einer Preissenkung geführt. Ich bin überzeugt, dass eine Verdichtung in den Fernwärmevorranggebieten sehr gut für unsere Kunden ist. Auch in dem geplanten großen Wohngebiet an der Hafenstraße zwischen der Marienstraße und der Straße An den Wurthen würde ein Fernwärmeanschlusszwang zu günstigen Nebenkosten führen.

Es heißt, dass sie nach 2020 auf Power to Heat, also die Nutzung überschüssigen Windstroms zur Fernwärmeerzeugung, setzen.

Prauße: Im Windland MV ist das grundsätzlich eine gute Idee und technologisch einfach. Im Grunde wird ja nur Wasser durch einen Tauchsieder erhitzt und dieses warme Wasser in die Fernwärmeleitung eingespeist. Die Speicherung von heißem Wasser ist auch kein Problem, wir haben schon eine 60-Megawatt-Anlage. Aber zur Umsetzung der Idee müsste der Bund die Netzgebühren für diesen Strom abschaffen, für den es ja sonst keine Abnehmer gibt. Sonst ist Power to Heat nicht wirtschaftlich. Leider fehlt Politikern auf Bundesebene häufig der nötige technische Sachverstand.

Wie meinen Sie das?

Prauße: Ich nenne mal ein Beispiel. Der Bundestag hat die Installierung digitaler Stromzähler beschlossen, die höchstens 100 Euro kosten dürfen. Es gibt aber weder zertifizierte Geräte noch Preise. Wie kann man da seriös eine Obergrenze festlegen? Als Stadtwerke Greifswald stellen wir uns durchaus der Digitalisierung. Wir sind die ersten, die mit Hilfe von Richtfunk Datenfunkstrecken für die Digitalisierung der Energiewende, also die bessere Verknüpfung von Erzeugung von Strom und dessen Verbrauch, aufbauen.

Die Stadtwerke wollten in der Vergangenheit immer eigenen Windstrom erzeugen. Ist das noch aktuell?

Prauße: Leider mussten wir unsere Pläne für das Windfeld Sundhagen/Dömitzow wegen eines Schreiadlervorkommens aufgeben. Aber es bleibt strategisches Ziel, eigenen Windstrom zu erzeugen.

Und wie steht es um die Erzeugung von Biogas? Dafür gab es ja schon Pläne für eine Anlage im Gewerbegebiet Herrenhufen.

Prauße: Wir erzeugen beim Abwasserwerk bereits Strom mit Hilfe von Faulgas, vor allem für den Eigenbedarf. Darüber hinaus gibt es keine Pläne, weil die Biogaserzeugung für uns nicht profitabel wäre. Uns stehen nicht genug pflanzliche Rohstoffe zur Verfügung. Außerdem ändern sich laufend die Gesetze, so dass die Risiken hoch sind.

Könnte man nicht zum Beispiel das Schilf nutzen, das über Paludikultur in den vorpommerschen Mooren erzeugt wird?

Prauße: Schilf ist vergleichsweise energiearm und der Prozess der wirtschaftlichen Erzeugung von Biogas noch nicht ausreichend erforscht.

In Malchin gibt es ein Heizkraftwerk, in dem Schilf verbrannt wird. Wäre das auch für die Stadtwerke Greifswald denkbar?

Prauße: Solchen Projekten stehen wir offen gegenüber. Sie wären aber genau zu prüfen.

Andere Städte setzen in ihrer Strategie neuerdings auf die Geothermie, die Nutzung der Erdwärme. Ist das für Sie ein Thema?

Prauße: Nein, der Aufwand ist hier bei uns einfach zu hoch. Das ist im Rheingraben sicher anders. In Greifswald liegen die Erdschichten mit ausreichend hohen Temperaturen zu tief. Man könnte ein Forschungsprojekt auflegen, aber nachhaltig ist Geothermie in Greifswald nicht.

Apropos Nachhaltigkeit: Die ersten Windmühlen müssen ersetzt werden. Was wird aus den alten?

Prauße: Da sprechen Sie ein wichtiges, ungelöstes Problem an, das auch für Kernkraftwerke und Photovoltaikanlagen gilt. Die Wiederverwendung ist nicht geklärt. Die Stahlmasten der Mühlen können wieder eingeschmolzen werden, aber in den Rotoren und den Photovoltaikpaneelen sind so viele wertvolle Stoffe, die nicht deponiert, sondern recycelt werden müssten. Daran muss gearbeitet werden.

Zur Stadtwerkeholding gehört auch noch das BiG, die einstige Berufsschule des Kernkraftwerks. Als der Markt der Weiterbildung und überbetrieblichen Ausbildung zusammenbrach, da sorgte das Bildungszentrum mit ambitionierten Plänen für Aufsehen. Ausbildung für China, Gründung einer dualen Fachhochschule – beides scheiterte. Das BiG soll ja nur dank seines erklecklichen Vermögens aus DDR-Zeiten noch existieren. Wird es das BiG in zehn Jahren noch geben?

Prauße: Das BiG ist heute wieder sehr gut aufgestellt und hat 38 Beschäftigte. Wir haben in den letzten beiden Jahren die Fehler der Vergangenheit zusammen mit der neuen Geschäftsführerin Dorit Wehling korrigiert. Das war harte Arbeit. Die Fehler der Vergangenheit haben allerdings Geld gekostet.

Aber der Verkauf des Hauses IV, des früheren Theoriegebäudes, und des ehemaligen Creativ-Hotels an den Landkreis haben diese Verluste ausgeglichen?

Prauße: Wir benötigen soviel Raum auch nicht mehr. Der Verkauf an den Landkreis hat dem BiG wieder die nötige Liquidität verschafft. Es steht gut da.

Die Stadt hat zu wenig Sporthallen. Es hieß, sie wollen die Bauhalle an Greifswald verkaufen?

Prauße: Das war ein Thema, bevor das Landratsamt an uns herantrat. Wir wollen die Bauhalle behalten und für unsere Schwerpunktausbildungen umbauen. Auch das Kommunikationsgebäude bleibt beim BiG.

Worauf konzentriert sich das Unternehmen jetzt?

Prauße: Auf das Kerngeschäft, die Aus- und Weiterbildung in technisch-gewerblichen, kaufmännischen Berufen sowie die Vorbereitung der beruflichen Rehabilitation. Wir engagieren uns auch bei der Sprachausbildung und der Integration von Flüchtlingen.

Aber der Ausbildungsmarkt ist weiter rückläufig

Prauße: Ja, darum wird jährlich genau abgerechnet und alle zwei Jahre das Konzept geprüft.

In der Hansestadt gibt es eine Fernwärmesatzung mit Anschlusszwang in bestimmten Gebieten.

Vor der Verabschiedung der Satzung durch die Mehrheit der Bürgerschaft im Jahre 2010 gab es eine hitzige Debatte. Heftig wurde darüber gestritten, ob die Fernwärme wie im Klimaschutzkonzept postuliert, die umweltfreundlichste Heizmöglichkeit sei.

Der Verein Haus und Grund sowie Handwerker liefen Sturm dagegen. Eine eigene Öl-, Gas- oder Kohlenheizung im Haus ist seitdem in den Vorranggebieten nicht mehr erlaubt, es sei denn, die Heizungsanlage verfügt über eine Leistung von weniger als 15 Kilowatt.

Als die Satzung 2010 beschlossen wurde, waren 60 Prozent der Greifswalder Bevölkerung an das Fernwärmenetz angeschlossen. Seitdem werden es mehr. 2013 wurde das 1000. Haus angeschlossen. Die Stadtwerke konnten im vergangenen Jahr über 1000 Kunden für die Versorgung mit Fernwärme hinzugewinnen. Das entsprach einer Steigerung um 5,8 Prozent auf jetzt 20769 Wohnungen.

2015 gab es 87 Kilometer Fernwärmeleitungen, zwei mehr als 2014. Sie verlaufen heute größtenteils unterirdisch. Das war in der DDR anders, als große Teile der Stadt dank Wärmeauskopplung aus dem Kernkraftwerk beheizt wurden. Nur in der Straße An den Wurthen gibt es noch eine Fernwärmebrücke, die aber auch unter die Erde verlegt werden soll.

Die Fernwärme GmbH hat 2015 insgesamt 237 Gigawattstunden in das Netz eingespeist. Der Absatz stieg um etwa vier Prozent gegenüber 2014.

Überblick Stadtwerke

Greifenstrom Basis der Stadtwerke kostet in Greifswald und Wackerow 25,90 Cent je Kilowattstunde, der Grundpreis beträgt 7,50 Euro im Monat (Mindestlaufzeit). Wird der Vertrag für ein Jahr abgeschlossen sind es 25,10 Cent je Kilowattstunde. Die monatliche Grundgebühr beträgt wie bei den beiden anderen Produkten 6,50 Euro. Wer sich für Greifenstrom lokal (nur in Kraftwerken der Stadtwerke erzeugt) mit einem Einjahresvertrag entscheidet, der muss 25,28 Cent für die Kilowattstunde zahlen. Bei Greifenstrom Natur (zu 100 Prozent aus österreichischen Wasserkraftwerken) kostet die Kilowattstunde 25,30 Euro.

eob

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