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Bauhistoriker: Kalkhaus war Kapelle des Abtes von Eldena

Greifswald Bauhistoriker: Kalkhaus war Kapelle des Abtes von Eldena

André Lutze hat die reiche Innenausstattung des Anbaus an die Marienkirche analysiert / Hier könnten nach der Reformation Walknochen aufbewahrt worden sein

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Die Kalkkapelle. Wahrscheinlich stammt der Name aus nachreformatorischer Zeit, als es kein Kloster Eldena mehr gab. Hier könnte Kalk fürs Bauen oder die Leichenkonservierung verwahrt worden sein. In der Kirche wurde bis zum 19. Jahrhundert bestattet. Fotos (4): Eckhard Oberdörfer

Greifswald. Das sogenannte Kalkhaus ist heute ein unscheinbarer Anbau an der Marienkirche. Dank der Verwendung der damals typischen Großräschener Ziegel bei der Restaurierung zu DDR–Zeiten wirkt es auf den ersten Laienblick nicht einmal besonders alt.

OZ-Bild

André Lutze hat die reiche Innenausstattung des Anbaus an die Marienkirche analysiert / Hier könnten nach der Reformation Walknochen aufbewahrt worden sein

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In der Nähe befand sich ein Hof des Klosters Eldena.“André Lutze Bauhistoriker

Doch folgt man der faszinierenden Argumentationskette des Bauhistorikers André Lutze, handelt es sich um einen geschichtlich höchst bedeutsamen Raum: Die Kapelle wurde vom Eldenaer Abt genutzt, als Aufenthaltsraum, als Vorhalle, auf dem Weg zu den Verhandlungen des im Mittelalter hier tagenden geistlichen Gerichts in der Vorhalle von St. Marien.

Klar ist für Lutze folgendes: Die Kapelle entstand vor 1300. Sie sei nicht der Vorgängerbau der heutigen Kirche – wie bis in die 1990er-Jahre behauptet, auch nicht der älteste oder zweitälteste Teil, stellt der Greifswalder fest. Turmuntergeschoss und Gerichtsvorhalle seien früher entstanden.

„Der Bauhistoriker Jens Holst hatte schon die Idee, dass das Kalkhaus eine Zuwegungskapelle für den Eldenaer Abt war“, berichtet Lutze. In der Nähe, Richtung Kuhstraße, befand sich ein Hof des Klosters, vergleichbar mit dem Kampischen Hof des Klosters Neuenkamp in Stralsund. Dank der Kapelle musste der Abt nicht durch den Turmeingang gehen, wenn er in die Kirche wollte, sich also nicht durch die wartende Menschenmenge drängen. „Er erscheint vor den Bürgern, das ist mittelalterliche Praxis.“ Darum besaß das Kalkhaus zwei Portale. Die Reste des äußeren sind im Innern erkennbar. Das erhaltene Innenportal ist aufwändig mit glasierten Ziegeln geschmückt, quasi wie eine Pforte nach außen.

Auch noch vorhandene Reste einer reichen architektonischen Ausstattung, wie die Dreiergruppe von Blenden, die mit einem Spitzbogen abschließen, weisen laut Lutze auf die Nutzung der Kapelle durch eine bedeutende Persönlichkeit hin. „Sie wurde gleich eingewölbt, es gibt noch ramponierten Stuck“, argumentiert der Bauhistoriker. Er spricht von einem Kleinod pommerscher frühgotischer Architektur.

In der Westecke befindet sich eine Nische. Hier könnten Messdiener beim Gottesdienst gesessen haben, wie das für Neu Boltenhagen belegt sei. Lutze kann sich auch anderes vorstellen. Der Boden der Kapelle lag ursprünglich viel tiefer. Lutze verweist auf die St. Chapelle, die zweigeschossige Palastkapelle in Paris, ein Vorbildbau des 13. Jahrhunderts. Hier wurden kostbare Reliquien wie die Dornenkrone Christi verwahrt. Auch die Kapelle in St. Marien könnte zweigeschossig gewesen, die Nische vor der Reformation Aufbewahrungsort zum Beispiel von Reliquien oder Statuen gewesen sein.

Der Historiker Theodor Pyl bezeichnete sie im 19. Jahrhundert als Marienkapelle. Die Wandmalerei einer Schutzmantelmadonna aus dem 15. Jahrhundert erinnert an den Marienkult.

Einiges spricht dafür, dass in der Kapelle nach der Reformation bis in die 1820er-Jahre Knochen des 1545 bei Wieck gestrandeten Wals verwahrt wurden. Darauf weisen laut Lutze Schriftzeugnisse hin.

Das würde erklären, warum dieser Wal am Ausgang aus der Kapelle in der Turmseitenkapelle und nicht an prominenterem Ort gemalt wurde. Die biblische Geschichte des Propheten Jona, der von einem Wal verschluckt und nach drei Tagen wieder ausgespuckt wird, gilt als Symbol für Tod und Auferstehung Christi. Walknochen werden noch heute in Kirchen verwahrt.

Eckhard Oberdörfer

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