Volltextsuche über das Angebot:

5 ° / 4 ° Sprühregen

Navigation:
Bedrohte Idylle

Koos Bedrohte Idylle

Auf der Boddeninsel Koos leben nur noch zwei Familien – ohne Trinkwasserleitung vom Festland

Koos. Es ist nicht eben der beste Moment für diese Botschaft. Gerade hat Tierarzt Dr. Nils Kley ein schwer verletztes Schaf auf seinen Schultern getragen, nun stapft er zurück zu seiner Wohnung, um den strengen Tiergeruch vom Körper zu waschen. Da begrüßt ihn seine Frau: „Das Wasser ist alle.“

Trinkwasserengpass auf der Insel Koos. Seit Juni 2013 leben Nils Kley, seine Frau Sandra und ihre inzwischen geborenen Kinder Diana und Felix auf der rund 1,5 Quadratkilometer großen Insel im Greifswalder Bodden – mitten in einem Naturparadies mit stillen Buchten, kleinen Wäldern und seltenen Vogelarten wie dem Säbelschnäbler, dem Sandregenpfeifer oder dem Austernfischer.

Zu DDR-Zeiten hatte das Friedrich-Loeffler-Institut (FLI) auf dem Riems die Insel für die Tierzucht genutzt, 15 Menschen wohnten hier; heute nur noch Naturschutzexperte Ronald Abraham mit seiner Familie – und die Kleys. Zwei Pächter lassen ihre Schafe und Rinder zur Landschaftspflege auf den Wiesen weiden. Für die Allgemeinbevölkerung aber gilt: Zutritt verboten, die Insel liegt im Naturschutzgebiet, die klapprige Holzbrücke, die von Groß Karrendorf aufs Eiland führt, ist nur für Anlieger frei.

„Lust auf ein Abenteuer?“ Ungefähr so war die Wohnungsannonce formuliert, die das Ehepaar Kley vor vier Jahren herlockte. Er, 34, hat in München Tiermedizin studiert, in Tschechien eine Spezialausbildung für exotische Tiere gemacht, in Wien die erste Stelle angetreten. Dort lernte er auch Sandra kennen, Studentin der Tiermedizin, heute Ernährungsberaterin für Pferde. Kleys Arbeit am Loeffler-Institut hat beide in den Norden gelockt. „Ich bin dort Teil der Nationalen Forschungsplattform für Zoonosen“, erzählt er. Den wissenschaftlichen Austausch über Krankheiten, die von Mensch zu Tier übertragen werden und umgekehrt, soll er bundesweit fördern.

Die Entscheidung, auf den Koos zu ziehen, hat das Paar nie bereut. „Wir lieben diese Insel“, sagt Sandra Kley. Wegen der Weite, die gleich hinter ihrem Gartenzaun beginnt. Wegen der Stille, dem vielen Wasser, der Sonnenuntergänge.

Jeden Tag unternehmen sie lange Spaziergänge, sammeln an der Uferlinie gestrandeten Müll, erklären im Sommer den Anglern, Auto- und Motorradfahrern, die trotz Verbotsschilder auf die Insel zusteuern, dass sie umdrehen müssen. Und heute, an einem Tag im Februar, ist da dieses Schaf, das sich im Stacheldraht verfangen hat und nicht mehr stehen kann. „Oh je, das war zu lange in Rückenlage“, sagt Nils Kley, während er das schlaffe Tier hochwuchtet und in Richtung Schäfer stapft. Das Futter bilde Gase im Verdauungstrakt, wenn die „Gasabgabe“ gestört werde, sterbe das Tier daran. Wenig später kann er dann nur noch den Tod feststellen. „Ich hab’ es geahnt.“

Auch wenn die Kleys auf ihrer Insel selten andere Menschen treffen: Einsam fühlen sie sich hier nicht. „Man ist ja innerhalb von 20 Minuten in Greifswald“, sagt Nils Kley. Ihre zweijährige Tochter besucht die Riemser Kita, Felix ist ohnehin noch ein Baby, Freunde kommen hin und wieder zu Besuch. Doch seit dem Trinkwasserproblem fühlen sie sich nun doch abgehängt. „Keiner fühlt sich so recht für uns verantwortlich“, sagen sie.

Das Problem liegt irgendwo in den Salzwiesen zwischen Groß Karrendorf und Koos: Die alte Trinkwasserleitung, die vom Festland herüberführt, ist Ostern 2016 gebrochen, niemand will die Reparatur bezahlen. Koos gehört zu Greifswald, aber der Zweckverband Boddenküste für Wasser und Abwasser (ZWAB) pflegt das Leitungsnetz. Wenn der ZWAB die Leitung nicht repariere, könne man die Insulaner nicht versorgen, heißt es von den Stadtwerken. Seit letztem März haben die jede Woche Trinkwasser per Transporter auf die Insel gebracht, aus reiner Kulanz. Doch „auf Dauer ist das wirtschaftlich nicht vertretbar“, sagt Sprecherin Steffi Borkmann. Zum 1. April ist Schluss, dann müssen die Koosulaner den Tank selbst befüllen. „Ich werde dreimal pro Woche Trinkwasser holen“, sagt Ronald Abraham. Und dann werden er und die Kleys gut rechnen müssen. Damit es nicht so läuft wie heute, am Tag der versuchten Schafrettung: Der große Tank ist leer, nur ein paar Kanister haben die Kleys noch im Haus.

„Tja“, sagt der Tierarzt. „Dann bleibt mir nur die Holzfällerwäsche.“ Mit Schüssel, draußen in der Kälte.

Sybille Marx

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr zum Artikel
Stralsund/Rambin/München
Biersommelier Frank Lucas aus Rambin siegte bei der Deutschen Meisterschaft in München.

Bei den Deutschen Meisterschaften in München gewinnt Frank Lucas

Kostenpflichtiger Inhalt mehr
Mehr aus Greifswald
Verlagshaus Greifswald

Johann-Sebastian-Bach-Str. 32
17489 Greifswald

Öffnungszeiten:
Montag bis Donnerstag
10.00 bis 17.00 Uhr
Freitag
10.00 bis 15.30

Leiterin Lokalredaktion: Katharina Degrassi
Telefon: 0 38 34 / 79 36 74
E-Mail: greifswald@ostsee-zeitung.de

Benjamin Barz Ostsee-Zeitung Ostsee-Zeitung Physik,Kernphysik,Wendelstein,Plasmaphysik,Atome Teaser der den User auf die Themenseite führen soll image/svg+xml Image Teaser Wendelstein 7-X 2015-09-23 de Themenseite Wendelstein 7-X In der Fusionsanlage des Max-Planck-Instituts in Greifswald wird erforscht, ob sich die Kernfusion zur Energiegewinnung eignet. Hier finden Sie Artikel, Videos und viele weitere Informationen zum Thema.
Benjamin Barz Ostsee-Zeitung Ostsee-Zeitung Termine, Events, Veranstaltungen Teaser der den User auf die Seite "Termine" führen soll image/svg+xml Image Teaser Termine 2015-09-23 de Veranstaltungen Aktuelle Termine Konzerte, Kino, Ausstellungen, Vorträge, Theater, Workshops, Tanz und noch vieles mehr. Alle Veranstaltungen und Freizeittipps in Ihrer Nähe finden Sie hier.
Städtewetter
Heute -° / -° -
- -°/-° -
- -°/-° -
RSS-Feeds

Wissen, was in Rostock und der Welt los ist

Benjamin Barz Ostsee-Zeitung Ostsee-Zeitung Lererbriefe, Meinung, Teaser der den User auf die Seite "Leserbriefe" führen soll image/svg+xml Image Teaser „Leserbriefe“ 2015-09-23 de Meinung Ihre Leserbriefe Über unser Kontaktformular können Sie uns gern Lob, Kritik, Ideen oder andere Anmerkungen zu aktuellen Themen aus Ihrer Region, MV und der Welt zusenden. Wir freuen uns auf Ihre Meinung. Hier geht es zum Formular.