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Greifswald Briten in Greifswald bangen wegen des Brexits
Vorpommern Greifswald Briten in Greifswald bangen wegen des Brexits
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16:01 14.02.2019
Der Brexit beschäftigt auch den britischen Doktoranden Daniel Kennedy. Er forscht am IPP für seine Doktorarbeit. Quelle: Martina Rathke
Greifswald

Seit einem Jahr lebt der Oxford-Absolvent Daniel Kennedy in Greifswald. Am Max-Planck-Institut für Plasmaphysik (IPP) forscht der 23-Jährige für seine Doktorarbeit. Der Physiker befasst sich mit theoretischen Fragen des Elektronen-Positronen-Plasmas in Kernfusionsexperimenten vom Stellarator-Typ. Ohne den Forschungsaufenthalt am Greifswalder Fusions-Institut könnte er das Thema nicht in dieser Tiefe bearbeiten, sagt Kennedy. Noch zwei Jahre will der Jungwissenschaftler in der Hansestadt bleiben. Doch wie es für ihn nach dem 29. März als Gastwissenschaftler in Deutschland weitergehe, sei völlig offen. „Ich habe keine Ahnung, was dann mit uns passiert“, zeigt sich Kennedy ratlos. Vielleicht müsse er ein Visum beantragen. „Der Brexit ist ein großes Chaos. Es herrscht a lot of Angst.“

Am 29. März scheidet Großbritannien höchstwahrscheinlich aus der EU aus. Für den Brexit-Gegner Kennedy scheint sicher, dass der Austritt jetzt nicht mehr zu verhindern ist. „Ein zweites Referendum schadet der Demokratie“, spricht er sich gegen eine neue Abstimmung aus. Ob es ein geordneter oder ein No-Deal-Brexit ohne Abkommen wird, ist angesichts des zerstrittenen britischen Parlaments noch völlig offen. Beim Referendum im Juni 2016 stimmte eine knappe Mehrheit von 51,9 Prozent für den Brexit. Kennedy gehörte nicht dazu.

Der 33-jährige Christopher Gray arbeitet als Übersetzer an der Universität und verfolgt den Streit in deutschen wie auch in englischen Medien. „Ich bin entsetzt, dass es überhaupt zu dieser Entscheidung gekommen ist.“ Gray, der seit 2007 in Deutschland lebt, besitzt seit zehn Jahren die doppelte Staatsbürgerschaft. Sein britischer Pass sei vor fünf Jahren ausgelaufen. Als EU-Bürger habe er darin nie ein Problem gesehen. Aber jetzt. „Ich werde meinen britischen Pass noch vor dem 29. März verlängern lassen.“ Schon seiner in Deutschland geborenen Kinder wegen. „Es kann sein, dass meine Söhne später einmal nach England oder in den Commonwealth gehen wollen. Da ist es besser, wenn sie einen britischen Vater haben.“

Gray hofft, dass ein Austritt Großbritanniens aus der EU in letzter Minute abgewendet werden kann – und zwar dann, wenn die Briten keinen Kompromiss für einen geordneten Brexit finden. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass Großbritannien die EU ohne Deal verlässt.“ Die EU müsse hart bleiben, findet er. „Wenn die Briten es schaffen, Rosinen zu picken, werden es auch andere EU-Staaten versuchen.“

Wissenschaft lebt vom freien Austausch von Forschern und Ideen. Der Brexit erschwert die Kooperation mit britischen Instituten und Hochschulen, weil Forschungsgelder über EU-Programme koordiniert werden und Wissenschaftler dann nicht mehr so unkompliziert zwischen EU-Staaten und Großbritannien für Forschungsaufenthalte wechseln können wie bisher.

Greifswald zählt mit dem „Wendelstein 7-X“ zu den Schwergewichten der internationalen Fusionsforschung und ist weltweit vernetzt. Das IPP selbst erwartet zwar keine unmittelbaren Auswirkungen, da das Institut keine Verträge mit den Briten habe, sagt IPP-Direktor Thomas Klinger. „Aber klar ist, dass es nach einem wie auch immer gearteten Brexit nicht einfacher wird.“ Als problematischer beurteilt EUROfusion, ein Konsortium von 26 EU-Staaten, der Schweiz und der Ukraine, die Situation. „Die Fusionsforschung war von Anbeginn international orientiert“, sagt Petra Nieckchen, Sprecherin von EUROFfusion. Das Konsortium koordiniert vor allem jene Forschungsaktivitäten, die auf den Bau eines späteren Fusions-Kraftwerks zielen. Das Budget beträgt für das jetzige Rahmenprogramm Horizont2020 (2014-2020) rund 680 Millionen Euro, aus dem auch Forschung in Großbritannien, speziell am Culham Center for Fusion Energy (CCFE) finanziert wird.

Welche Auswirkungen ein No-Deal-Brexit auf diese Forschungskooperation hat, sei ungeklärt. Die Einflussmöglichkeiten auf den Brexit-Prozess tendierten gegen Null. „EUROfusion sitzt nicht mit am Verhandlungstisch“, sagt Nieckchen. Die Befürchtung sei groß, dass mit einem No-Deal-Austritt nicht nur schlagartig die finanzielle Beteiligung Großbritanniens an der Kraftwerksforschung weg

falle, sondern auch Expertise verloren geht. So sei in Culham beispielsweise das Wissen des sogenannten „Remote Handlings“ für das ferngesteuerte Arbeiten im Plasmagefäß gebündelt. Kommt es zu einem geregelten Brexit, soll ein Übergangszeitraum von 21 Monaten Verwaltungen Zeit geben, sich an die neue Situation anzupassen.

Die Bundesregierung hat Gesetzesentwürfe für den Fall eines No-Deal-Brexits erarbeitet. Danach soll unter anderem der geltende Sozialversicherungsschutz für Deutsche und Briten, die jeweils im anderen Land leben, erhalten bleiben. Auch Studierende, die Fördergelder im Rahmen des Bafög erhalten, sollen ihre Ausbildung im Ausland fortsetzen können.

63 Briten leben in Greifswald

In Greifswald sind nach Angaben der Stadt derzeit 57 Briten mit Haupt- oder alleinigem Wohnsitz gemeldet. 22 von ihnen besitzen neben dem britischen auch einen deutschen Pass. Mit Nebenwohnsitz leben sechs weitere Personen in Greifswald, die sowohl eine britische als auch eine deutsche Staatsbürgerschaft besitzen.

Martina Rathke

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