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Greifswald Das Geheimnis der alten Kinderschuhe
Vorpommern Greifswald Das Geheimnis der alten Kinderschuhe
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16:43 20.03.2019
Margit Martens-Michaelis aus Kemnitz will dem Rätsel um die versteckten Kinderschuhe auf den Grund gehen. Quelle: Anne Ziebarth
Kemnitz

Alte Häuser bergen häufig Überraschungen, aber mit diesem Fund hatte Steffen Bendik nicht gerechnet. Bei Umbauarbeiten in ihrem alten Haus in Vierow stieß Familie Bendik auf vier alte Kinderschuhe, die unter den Dielen des Dachbodens versteckt waren. Ein Paar und zwei Einzelschuhe, der kleinste gerade einmal handtellergroß, kamen zum Vorschein – abgetragen zwar, aber hochwertig verarbeitet. Familie Bendik hatte die ehemalige Büdnerei im vergangenen Jahr von einer mittlerweile verstorbenen älteren Dame gekauft und Schritt für Schritt saniert. Weil sie nicht recht wussten, was sie mit den Kinderschuhen anfangen sollten, wandten sie sich an ihre Bekannte Margit Martens-Michaelis aus Kemnitz. Die war hocherfreut und erklärte sich sofort bereit, den Erinnerungsstücken ein neues Zuhause zu geben. „Ich habe ein Faible für solche Dinge“, sagt die umtriebige Frau, die im Michaelishof ihren Kosmetiksalon betreibt. „Ich arbeite gerne alte Möbel auf, sammle schöne Erinnerungen und antike Stücke. Dieser Fund war allerdings auch für mich etwas Besonderes.“ Gänsehaut habe sie gehabt, als sie die Schuhe das erste Mal in der Hand gehabt habe, sagt die Kosmetikerin. „Die Schuhe sind so klein. So rührend. Wer weiß, wem die einmal gehört haben?“, fragt sie sich. „Was stecken da für Schicksale dahinter?“

Uraltes Brauchtum – aber warum?

Tatsächlich sieht es so aus, als ob die versteckten oder eingemauerten Schuhe Teil eines uralter Brauchtums sind, das aus vielen Ländern Europas bekannt ist. In den vergangenen Jahren sind Funde aus der Schweiz, aus Thüringen, Nordrhein-Westfalen oder England belegt, im Wasserschloss Glatt in Baden-Württemberg wurden Presseberichten zufolge sogar über hundert Einzelschuhe bei Bodenarbeiten entdeckt. Die entdeckten Schuhe stammen aus der Zeitspanne zwischen dem 17. Jahrhundert und dem frühen 20. Jahrhundert. Trotz der vielen Funde stehen die Forscher nach wie vor vor einem Rätsel. „Wir wissen bis heute nicht, was der Schuh in der Wand bedeutet, welche Absicht hinter diesem Brauch steht“, sagt Kristin Dohmen, die als Referatsleiterin Bauforschung im Amt für Denkmalpflege im Rheinland tätig ist. „Es gibt bislang keine einzige Schriftquelle, die das Einmauern von Schuhen erwähnt oder erklärt. Deshalb sollten wir dem Brauch mit Respekt begegnen.“ Bei ihr laufen die Fäden über Funde in Deutschland zusammen, seit rund neun Jahren beschäftigt sich die Bauforscherin mit dem Phänomen. „Die Fundmeldungen kamen von Unteren Denkmalbehörden, Architekten und Bauherren, die bei Sanierungen historischer Bauten alte Schuhe entdeckten, die in die Hauswände oder Decken eingemauert waren.“ In Mecklenburg-Vorpommern sind solche Funde bislang nicht bekannt. „Mir ist kein solcher Fund bekannt“, sagt Michael Bednorz, Leiter des Landesamtes für Kultur und Denkmalpflege in MV. „Auch die Kollegen im Haus können sich an keine vergleichbaren Fälle erinnern.“

Viele versteckte Schuhe enden im Bauschutt

Nach Angaben von Kristin Dohmen aus dem Rheinland wiederholen sich die Verstecke, die ausnahmslos in alten Gemäuern zu finden sind: Gerüstlöcher, Abortschächte , Fensternischen, Kaminstellen, als Versteck wurde zudem oft eine Stelle in der Nähe des Daches und gerne in Decken gewählt. „Auch bei den Schuhen selbst lassen sich klare Tendenzen erkennen: es handelt sich ausschließlich um getragene, abgewetzte Schuhe, fast immer wurden Einzelschuhe versteckt. Eine besondere Rolle scheinen zudem Kinderschuhe zu spielen.“ Weil dieser Brauch heute weitge

hend unbekannt sei, würden die meisten Schuhe nach ihrer Entdeckung als Bauschutt auf dem Baustellencontainer landen, beschreibt Dohmen. Bislang hat sie etwa 70 Schuhfunde aus ganz Deutschland registriert, in Mecklenburg-Vorpommern sind die Vierower Kinderschuhe bislang die einzigen. In England ist man bereits einen Schritt weiter. In der Datenbank des Museum Northhampton sind seit 1957 rund 1900 Kinderschuh-Funde (“concealment shoes“) aus alten Gebäuden registriert und mehr als 250 Schuhe gesammelt.

Haben Sie auch alte Kinderschuhe bei Bauarbeiten an ihrem alten Gemäuer entdeckt? Wissen Sie mehr über diesen Brauch? Schreiben sie uns eine email an greifswald@ostsee-zeitung.de – Wir sammeln die Eingänge und leiten die Informationen an Kristin Dohmen weiter.

Anne Ziebarth

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