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„Das Glanzstück der Stadt“

Die Historische Seite: Geschichte und Geschichten aus Greifswald und Umgebung „Das Glanzstück der Stadt“

1982 bis 1989 gestalteten die Westdeutschen Thomas Grundmann und Hans Kock die Nikolaikirche neu / Am 11. Juni des Wendejahres besuchte der Staatsratsvorsitzende Honecker hier seinen ersten Gottesdienst

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Die durch Hans Kock geschaffene neue Mitte mit dem ungewöhnlichen Kruzifix im Norden. Unter dem Titel „Die Botschaft der Engel – Dichtung und Musik. Rilkes Duineser Elegien I, VII und IX“ Antonia Gottwald auf der Kanzel. Am Pult Barbara Huch-Wulff. Fotos (4): Eckhard Oberdörfer

Greifswald. Der Dom St. Nikolai ist das bauliche Zentrum und das Glanzstück der Stadt. So das Urteil des Philosophieprofessors Werner Stegmaier in seinem Eröffungsvortrag der Tagung „Licht – Mitte – Raum“ im Kruppkolleg, die am Wochenende zu Ende ging.

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1982 bis 1989 gestalteten die Westdeutschen Thomas Grundmann und Hans Kock die Nikolaikirche neu / Am 11. Juni des Wendejahres besuchte der Staatsratsvorsitzende Honecker hier seinen ersten Gottesdienst

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Diese Großartigkeit verdanke der Dom auch einer Umorientierung in den Jahren bis zur Wende, meint der Philosoph. Damals erfolgte eine Sanierung und Neugestaltung durch den Architekten Friedhelm Grundmann (1925 bis 2015) und den Bildhauer Hans Kock (1920 bis 2007). Beide stammten aus dem Westen, allein das sei schon sehr ungewöhnlich gewesen, erinnerte Stegmaier.

Das war Teil der Umorientierungen der 1980-er Jahre, und zwar der politischen. Schon wenige Monate nach der Wiedereinweihung des Gotteshauses am 11. Juni brach die DDR zusammen, obwohl den Mauerfall damals niemand voraussah. Erich Honecker nahm an seinem ersten Gottesdienst teil. „Als Staatsratsvorsitzender und nicht als Generalsekretär des Zentralkomitees der SED, wie ausdrücklich betont wurde“, erinnerte der Philosoph. Der Festakt, zu dem auch Berthold Beitz, der Vorsitzende der Essener Krupp-Stiftung, geladen war, wurde im DDR-Fernsehen übertragen. Der   Industrielle war schon damals ein Mäzen der Stadt. Die DDR sei nicht mehr aus eigener Kraft in der Lage gewesen, den Dom vor dem absehbaren Verfall zu retten. „Prinzipien wurden nun aufgegeben“, so Stegmaier. In ihrer bedrängten Lage wollte sich die DDR trotzdem weltoffen und tolerant zeigen. „Dieses Vorgehen barg für die Beteiligten Risiken“, erinnerte er. Den Bischof der Landeskirche Greifswald, Horst Gienke, habe die Nähe zum DDR-Staat das Amt gekostet. Am 5. November 1989 sprach ihm die Synode, das Kirchenparlament, das Misstrauen aus. Gienke trat zurück..

Viele SED-Mitglieder wunderten sich, Honecker im Gottesdienst zu sehen. Zudem wurde bei der Domeinweihung der fortschreitende Verfall Greifswalds deutlich, ein Risiko für die Reputation der DDR im Westen. Viele werden sich an die Schilder „Sanierung nach 1990“ an Häusern erinnern.

Die Neugestaltung war nicht nur eine politische Umorientierung. Der in Kirchen übliche Eintritt von Westen (Turm) wurde zugunsten des Einbaus eines festen Podiums aufgegeben. St. Nikolai ist auch Konzerthalle. Seit den 1980-er Jahren wird die Kirche durch eine Pforte von Süden betreten. In der Mitte der Kirche schuf Kock so etwas wie eine kleine Kirche mit Altar, Taufbecken, Lesepult, Taufstein und Kruzifix in Nord-Süd-Ausrichtung. Eine Neuorientierung auf kleinere Kirchgemeinden und unterschiedliche Veranstaltungen. Klassische Hierarchien zwischen Gemeinde und Pfarrer wurden durchbrochen.

Seitdem präsentiert sich der Dom in den Seitenschiffen als Werk der Backsteingotik mit Ausstattungsstücken auch späterer Jahrhunderte. Das Mittelschiff wird weiter durch die romantisch-neugotische Umgestaltung von 1824 bis 1833 durch Gottlieb Giese und Caspar David Friedrichs Bruder Christian bestimmt. Kock fügte ein neues Zentrum hinzu.

„Er hat die Backsteingotik mit der romantisch-neugotischen Ausstattung des 19. Jahrhunderts versöhnt und das Denken des 20. Jahrhunderts hereingeholt“, fasst Holger Zaborowski zusammen. Das sei einmalig. Der Philosoph ist Professor an der Theologisch-Philosophischen Hochschule in Vallendar bei Koblenz und einer der Tagungsleiter. „Der Greifswalder Dom ist der Höhepunkt der etwa 30 Kirchengestaltungen Hans Kocks“, ergänzt Barbara Huch-Wulff vom Vorstand des Vereins der Freunde des Philosophen und Bildhauers Hans Kock.

Das wohl spannendste Kunstwerk wurde erst kurz vor der Wiedereinweihung aufgestellt – das große Kruzifix im Nordteil der neuen Mitte. Es ist in vielem anders als andere Kruzifixe. Christus hat die Augen offen. Nur ein Fuß ist ans Kreuz genagelt, eine Hand ist offen, die andere geschlossen. Statt des üblichen „INRI“ steht „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben“ (Johannesevangelium) am Kreuz. „Diese Darstellung birgt schon die Auferstehung in sich“, meint Antonia Gottwald (Kockstiftung). Auf der Rückseite ist eine Blume zu sehen. Es ist das zentrale Symbol der Romantik, die „blaue Blume“. Ein Bild der Versöhnung der Ausstattungen der Kirche.

Die Tagung

Die Tagung „Licht – Mitte – Raum“ befasste sich mit den Arbeiten des Bildhauers Hans Kock im Greifswalder Dom in den Jahren 1982 bis 1989.

Veranstalter waren der Verein der Freunde des Bildhauers und Philosophen Hans Kock, die Philosophisch-Theologische Hochschule Vallendar, die Universität Greifswald und das Kruppkolleg.

Die Vorträge erschlossen die kunsthistorische, kunstphilosophische und theologische Dimension der Neugestaltung und öffneten den Blick für das Gesamtkunstwerk Greifswalder Dom.

Eckhard Oberdörfer

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