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„Bipolar Roadshow“ in Greifswald: Künstler regen Austausch über manisch-depressive Erkrankung an

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Der Gitarrist Martin Kolbe hat nach seiner Erkrankung neuen Mut gefasst und tritt wieder auf.

Quelle: Foto: Manfred Pollert

Greifswald. Nächtelang ohne Mütze voll Schlaf und trotzdem dieses Hochgefühl, Berge versetzen zu können, jede Aufgabe zu meistern. Über Wochen. Über Monate. Martin Kolbe kann sich noch allzu gut an diesen Gemütszustand erinnern, mit dem er viele Jahre lebte. „Du fühlst dich einfach fantastisch“, sagt er, „bis zum nächsten Absturz.“ Und nichts geht mehr.

Kolbe ist manisch-depressiv. Oder wie es in Fachkreisen heißt: Er hat eine bipolare Störung. Eine der schwersten psychischen Erkrankungen, die mit extremen, weit über das normale Empfinden hinausgehenden Schwankungen in Stimmung und Antrieb verbunden ist. „Etwa drei Prozent der Bevölkerung hat eine bipolare Störung. Das sind relativ viele Menschen“, sagt Professor Jens Lan- gosch, Ärztlicher Direktor des Evangelischen Krankenhauses Bethanien in Greifswald. Trotz dieser weiten Verbreitung würden Betroffene noch immer stigmatisiert. Menschen, die in den manischen Phasen „ein enormes Redebedürfnis verspüren, kaum Schlaf benötigen, sich wie im Größenwahn hoch verschulden oder gar für immer ruinieren“, sagt Langosch.

Das Verständnis bei ihren Verwandten, Freunden oder gar Kollegen ist dafür gering. Ehen und Familien zerbrechen. Doch es gibt Aufklärung – noch dazu sehr unterhaltsame. Dafür steht der Gitarrist und Sänger Martin Kolbe mit der „Bipolar Roadshow“, die derzeit durch Norddeutschland tourt und am 3. Oktober in Greifswald Station macht – nach Lübeck und vor Berlin übrigens. „Die Kulturveranstaltung versteht sich als Anti-Stigma-Projekt“, sagt Jens Langosch. Kolbe und weitere von der Krankheit betroffene Künstler gehen selbstbewusst in die Öffentlichkeit, singen und sprechen von ihren Erfahrungen und zeigen damit: Es gibt keinen Grund zur Scham.

„Das kommt sehr gut an“, sagt Langosch und Kolbe erklärt: „Denn wir bringen die Informationen zur Krankheit weniger theoretisch rüber als ein Facharzt“. Die Initialzündung zur Roadshow habe es Ende 2013 in Zürich anlässlich des Welttags der seelischen Gesundheit gegeben. Dieses „Bipolar-Konzert mit Lesung“ habe eine derart positive Resonanz beim Publikum erfahren, dass 2014 eine erste Tour durch acht deutsche Städte folgte. Mit fantastischem Erfolg.

„Kolbe hat es geschafft, wieder neuen Lebensmut zu fassen und andere zu motivieren“, wertschätzt Professor Langosch die Arbeit des heute 60-Jährigen. Als junger Gitarrist habe er gemeinsam mit Ralf Illenberger internationale Erfolge gefeiert. Bis er 1979 erkrankte. Acht Jahre später verabschiedete er sich dann ganz von der Bühne und durchlebte schlimme Zustände. Doch seit 2003 ist er nach eigenen Aussagen „stabil“. In jenem Jahr hatte Martin Kolbe seine letzte manische Phase: „Ich bin praktisch den ganzen Sommer über durchgeflogen, um am Ende ins Bodenlose zu stürzen.“ Frau weg, Arbeit weg, Freunde weg, Wohnung weg – nur noch Schulden.

Dann aber kam der Tag, der ihn zur Deutschen Gesellschaft für Bipolare Störungen (DGBS) führte. Langosch, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, gründete sie mit sechs weiteren Experten bereits 1999. „Mittlerweile haben wir 2000 Mitglieder, davon sind ein Viertel Ärzte und Psychologen. Der weitaus größere Teil aber sind Patienten und Angehörige, die mit vielen Veranstaltungen und Selbsthilfegruppen für eine ganz lebendige Gesellschaft sorgen“, freut sich Jens Langosch.

Martin Kolbe agiert seit 2011 gar als Betroffenenvertreter im Vorstand der DGBS und kann nur jedem Erkrankten raten, „sich umfassend zu informieren und einen Psychiater aufsuchen, dem er das ganze Auf und Ab seiner Lebensgeschichte erzählt“. Er selbst, so der Züricher, könne mit seiner Erkrankung mittlerweile gut umgehen. „Man kann rechtzeitig gegensteuern“, sagt er. Schlafe er nicht und springe trotzdem energiegeladen aus dem Bett, „weiß ich, dass ich etwas tun muss“. Medikamente seien dabei nur ein Mittel, um nicht in eine manische Phase zu gelangen. Das sei überhaupt seine wichtigste Lektion gewesen: die Erkenntnis, diese Stimmungshochzeiten abzulehnen. „Man fühlt sich ja so großartig.“ Das nicht mehr zu wollen, sei ein erster Schritt, die Störung in den Griff zu bekommen.

Bipolar Roadshow: 3. Oktober, 20 Uhr, Stadthalle, Eintritt: 10 Euro

Petra Hase

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