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Demenzkranke: Studie verspricht Hilfe

Greifswald Demenzkranke: Studie verspricht Hilfe

Zentrale Ergebnisse sind längere Betreuung zu Hause, mehr Lebensqualität, Entlastung der Familie

Greifswald. . Ein älterer Herr isst am selben Tag dreimal hintereinander in einem Restaurant zu Mittag. Er hat schlicht vergessen, dass er längst gegessen hat. Das ist nur eines von vielen Beispielen dafür, wie eine Demenzerkrankung den Alltag beeinträchtigen kann. Die Studie Delphi-MV des Deutschen Zentrums für Neurodegenerative Erkrankungen in Greifswald liefert wichtige Ergebnisse, wie das Leben von Demenzkranken und ihren Angehörigen erleichtert werden kann. Gestern wurden die Erkenntnisse im Beisein von Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig (SPD) vorgestellt.

Kern des Konzeptes sind speziell geschulte Pflegekräfte, die die Betroffenen und Angehörigen zu Hause beraten. In der Studie zeigte sich: „Die Lebensqualität hat sich gesteigert, Angehörige wurden entlastet, die Betroffenen konnten in der Tendenz länger in der Häuslichkeit bleiben“, sagt Projektleiter und Gesundheitsforscher Wolfgang Hoffmann. Den Probanden wurden häufiger Medikamente gegen Demenz verschrieben, die Einnahme von Pillen insgesamt konnte gesenkt werden, so Hoffmann.

Diese Ergebnisse dürften tausenden Demenzkranken Hoffnung machen. Doch der Weg von der Studie in die Praxis ist weit (siehe Kasten), immerhin ist eine intensive Betreuung durch Pflegekräfte zu Hause im Gesundheitssystem bisher nicht vorgesehen. „Demenzkranke und Angehörige sind weitestgehend auf sich alleine gestellt“, sagt Hoffmann. Die Krankheit werde oft viel zu spät diagnostiziert. „Es ist sehr selten, dass ein Patient zum Hausarzt kommt, weil er sich Sorgen um sein Gedächtnis macht“, sagt der Greifswalder Hausarzt Matthias Herberg, der etwa 20 seiner Patienten in die Studie vermittelt hat.

Besorgniserregende Erkenntnis: „40 Prozent der Demenzkranken werden gar nicht von Angehörigen betreut. Sogar Personen in fortgeschrittenem Stadium leben teilweise komplett allein“, so Hoffmann. Das könne fatale Folgen haben von falscher Medikamenteneinnahme bis zu offenen Rechnungen, die der Kranke vergisst zu bezahlen. Hauptmerkmal der Demenz ist die Störung des Kurzzeitgedächtnisses. Eine eingeschränkte Merkfähigkeit ist das erste Indiz. In einem der Tests, den die Probanden machen, geht es darum, sich zehn Begriffe durchzulesen. Sie sollen diese eine Minute später wiedergeben. Der erste Besuch der Pflegefachkräfte zu Hause dauert bis zu zwei Stunden. „Der Hausarzt hat in der Praxis nicht die Zeit, so weit im Detail zu prüfen wie wir“, sagt Pflegefachkraft Sabine Schmidt. Im Idealfall sind auch die Angehörigen dabei. „Wir wollen ermitteln, wie groß die Belastungen in der Familie sind“, sagt Pflegefachkraft Vaska Böhmann-Bedzovska. Für viele Angehörige sei das eine seltene Chance, mit jemandem ohne Vorbehalte über die Krankheit reden zu können. In der Gesellschaft werde das Thema noch tabuisiert.

Die Beratung der Angehörigen nimmt einen großen Stellenwert ein: „Man muss lernen, damit umzugehen, wenn die eigene Mutter einen nicht mehr erkennt“, sagt Wolfgang Hoffmann. Es müsse Wissen über die Krankheit vermittelt werden. „Angehörige werden mitunter wütend, weil der Patient nicht auf sie hört, bestimmte Sachen immer wieder macht, wie nachts durch die Wohnung zu laufen oder die Schränke auszuräumen“, sagt Vaska Böhmann-Bedzovska. „Einen Streit zu beginnen, wäre jedoch vollkommen falsch“, sagt Hoffmann.

Nach zwei bis drei großen Erhebungen bei den ersten Treffen erstellen die Pflegekräfte einen Maßnahmenplan. Dem einen wird stärkere körperliche Aktivität empfohlen, um die Koordination zu trainieren.

Der andere benötigt eine Sitzerhöhung für die Toilette oder eine Beratung für eine Pflegestufe. Eine Empfehlung könnte auch lauten, dass der Proband eine Tagespflege besuchen sollte. Ein halbes Jahr gibt es monatliche Besuche, danach Kontrollen im Abstand von drei und sechs Monaten.

Katharina Degrassi

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