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Greifswald Den Rasern auf der Spur
Vorpommern Greifswald Den Rasern auf der Spur
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00:00 06.10.2018
Ein Mercedes Cabrio auf dem A-20-Zubringer im Visier der Beamten im Videowagen der Polizei. FOTOS (4): PEER SCHMIDT-WALTHER
Stralsund

„Weggeschaut, ignoriert, gekniffen“ steht auf dem Kugelschreiber, den Ilka Pflüger, Pressesprecherin der Polizeiinspektion Stralsund, überreicht. Zwei Beamte in Zivil stehen daneben und grinsen. Das legere Outfit von Frank K. und Karsten S. täuscht. Ihr Job als Polizeihauptmeister hat nichts mit dem zu tun, was auf dem Schreiber steht. Das Gegenteil ist der Fall. Als Besatzung eines Videowagens müssen sie scharf beobachten und bei Verkehrsübertretungen einschreiten.

Auch wenn sie von vielen gar nicht wahrgenommen werden – nahezu täglich sind Videowagen auf Vorpommerns Straßen unterwegs, um schwere Verstöße gegen die Regeln zu ahnden.

Acht Mess-Beamte schichtweise unterwegs

Beinahe täglich sind sie mit ihrem PS-starken Flitzer auf Vorpommerns Straßen unterwegs, denn „Verkehrssicherheit steht für uns obenan“, sagt Frank K. Insgesamt seien sie acht Messbeamte, die schichtweise unterwegs sind.

Der silbergraue 240-PS-Bolide parkt vor dem Inspektionsgebäude in Stralsund. Er würde das Herz jedes Autofans höher schlagen lassen. „Allerdings nicht mehr vor Freude, wenn vor ihm plötzlich die Schriftzüge ,STOP’ in Rot und ,POLIZEI’ samt Blaulicht in der Heckscheibe aufleuchten“, sagt Karsten S.

15 Uhr ist Schichtbeginn für die beiden Männer, die durchaus in der Serie „Alarm für Cobra 11“ mitwirken könnten. Der Reifendruck ist vorher noch mal gecheckt worden. „Damit anschließend auch die Messwerte stimmen“, erklärt Frank K. und drückt sein Basecap fester auf den Kopf, als würde es stürmisch werden. Obwohl auch das – im übertragenen Sinne – passieren könnte. Um dafür fahrtechnisch gerüstet zu sein und fit zu bleiben, müssen die Beamten von Zeit zu Zeit ein Training in ausgemusterten Dienstfahrzeugen auf dem Flugplatz in Peenemünde absolvieren. „Mit allen Schikanen“, wie Karsten S. versichert. „Auch, um die Reaktionsfähigkeit und das sichere Spurhalten zu testen.“

Karsten S. ist an diesem Nachmittag der Fahrer, sein Kollege Frank K. schaut in die Röhre. Damit ist der Farbmonitor vor ihm gemeint, der das Verkehrsgeschehen pausenlos mit einer Minikamera überwacht.

Grobe Verstöße

im Visier der Besatzung

Karsten S. entscheidet sich zu Beginn für die Bundesstraße 96 und fährt von der Greifswalder Chaussee in Stralsund zur Rügenbrücken-Auffahrt. Voraus ein Bus aus Schweden, der mit 70

Kilometern pro Stunde auf die Rampe fährt, obwohl nur 60 erlaubt sind. „Fünf Prozent werden noch abgezogen“, rechnet Frank K. und entscheidet: „Laufen lassen!“ Ihr Auftrag beziehe sich hauptsächlich auf grobe Verstöße. „Sonst hätten wir pausenlos zu tun und müssten ganz anders vorgehen“, winkt Karsten S. ab. Bei Altefähr biegt der Bus ab. Der Fahrer hat noch einmal Glück gehabt. Und überhaupt:

„Wir provozieren niemanden zum Schnellfahren“, entrüstet sich Karsten S. „Das ist ein Vorurteil. Wir sind doch keine Abzocker.“

Später, auf der 100er-Strecke, brettert ein Lieferwagen mit 120 Sachen vorbei. „Ab 21 Kilometer pro Stunde zu viel hätten wir ihn rausgeholt“, sagt Frank K. und bleibt ruhig. „Wir bewegen uns hier nur im Anzeigenbereich ab 40 Euro. Stationäre Anlagen würden gnadenlos schon ab 110 Kilometer pro Stunde blitzen“, erklärt er. „Nur durch Überwachungsdruck können die Fahrer diszipliniert werden“, ist nicht nur Karsten S. überzeugt. Der überwiegende Teil der Autofahrer verhalte sich jedoch weitgehend vernünftig, obwohl die meisten natürlich auch mal zu schnell fahren würden, weiß Karsten S.

aus Erfahrung.

Beide Männer mögen ihren Beruf auf dem Video-Bock. „So was muss man wollen, sonst funktioniert’s nicht!“, meint Karsten S. während einer Pause auf der Insel Rügen. Dabei haben die Polizisten immer auch das Verkehrsgeschehen im Blick. Sie sind auf dem Sprung, wenn sie einen „potenziellen Kunden“ entdecken und ihm unauffällig folgen.

„Heute ist es ziemlich ruhig“, sagt Frank K. „Die Sommerferien sind vorbei, und die Leute fahren entspannter“. Während der Urlaubszeit werde an manchen Tagen aggressiver gefahren. „Den Stress bauen sich die Fahrer nach der Autobahn selber auf“, weiß Karsten S. „Da wollen sie nur noch schnell in ihr Quartier.“

Ein BMW-Fahrer überholt arglos in flottem Tempo, aber bremst dann sichtbar ab. „Der hat uns erkannt“, sagt Frank K. und grinst. „Vielleicht ist er auch durch den Verkehrsfunk gewarnt worden und weiß, dass wir unterwegs sind.“ So schnell könnten weder die technisch hochgerüsteten Fahrzeuge noch die Kennzeichen gewechselt werden. Karsten S.: „Aber es ist doch gut, dass unsere Anwesenheit schon beruhigend wirkt. Ein kleiner Erfolg.“

Mit 180 Sachen

auf der Bundesstraße

Tatsächlich kann es auch schon mal sein, dass ein Videowagen geblitzt wird. Aber grundsätzlich gilt: „Schnell fahren dürfen wir nur bei der Verfolgung von Rasern“, erklärt Karten S. auf dem an diesem Tag außergewöhnlich ruhigen A-20-Zubringer.

Karsten S. schaut in den Rückspiegel: „Da kommt einer!“ Ein silbergraues Mercedes-Cabrio rauscht vorbei. Der Stralsunder Videowagen hinterher. Die Devise lautet: dranbleiben, aber nicht zu dicht.

„Messung ausgelöst“, sagt Frank K. „Aufnahme beginnt.“ 150, 160, in der Spitze bis 180 – und das in der 100er-Zone, später auch in der 120er. „Stoppzeichen ist gesetzt“, sagt Frank K. ganz ruhig und hält die Kelle aus dem Seitenfenster.

In einer Nothaltebucht erfährt der erschreckte Fahrer, dass er brutto über 40 Kilometer pro Stunde zu schnell unterwegs war. Mit 160 Euro Bußgeld, zwei Flensburg-Punkten und einem Monat Fahrverbot ist er dabei. Seine Ausrede: „Ich bin schon zwei Stunden im Terminrückstand!“ Karsten S. antwortet trocken: „Dann müssen Sie eben früher losfahren. Jetzt kommt’s auf zehn Minuten auch nicht mehr an“.

Die elegante Beifahrerin zieht indessen nur nervös an ihrer Zigarette und schaut verschämt in den Fußraum.

Die Dame in ihrem schweren BMW-SUV im nächsten Fall auf dem Parkplatz „Rügenblick“ erklärt, dass sie ganz in Gedanken vertieft gewesen sei und die Beschleunigung von 100 auf 130 Kilometer pro Stunde gar nicht gemerkt habe. Pech gehabt. „Über Ausreden könnten wir ein Buch schreiben“, weiß Frank K. und meint grinsend: „Wenn mal einer keine hat, helfen wir gern aus.“

Strafen in Deutschland

vergleichsweise zahm

Nach fünf Stunden und 234 Einsatzkilometern endet die aufschlussreiche Fahrt. Es sei eine ganz normale, wenn auch sehr ruhige Schicht gewesen, ziehen die Männer Bilanz. Je nach Verkehrsaufkommen sind es fünf bis sechs, manchmal zehn Fälle pro Tag. 2017 registrierten sie insgesamt 293 Geschwindigkeitsübertretungen. Inklusive Rotlicht-, Abstands-, Drängel-, Überhol- und

Handy-Verstößen waren es sogar 578 Fälle.

„Aus mäßigen Geschwindigkeitsübertretungen machen wir kein Drama“, erklärt Frank K. „Obwohl die Strafregeln in Deutschland im europäischen Vergleich absolut zahm sind“, wirft Karsten S. ein. „Trotz schwerster Unfälle. Im Prinzip müsste man daher noch viel mehr tun.“ Ihr jemals höchster gemessener Wert waren übrigens satte 243 Kilometer pro Stunde in einer 70er-Zone.

Nach einer verdienten Pause müssen die beiden Polizisten noch einmal an den Schreibtisch. Die Fahrzeugdaten und Messergebnisse des Tages sind nach einem differenzierten Verfahren abzugleichen, damit sie vor Gericht hieb- und stichfest sind.

Am schönsten ist schließlich nach einem Einsatz für die beiden das Gefühl, trotz oft haarsträubender Situationen immer wieder heil nach Hause zu kommen.

Peer Schmidt-Walther

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