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„Der Arndt der DDR ist ein sympathischer Mensch“

Greifswald „Der Arndt der DDR ist ein sympathischer Mensch“

Werner Buchholz, Professor für Pommersche Geschichte an der Universität Greifswald, spricht im Interview über die Streichungen aus Arndt-Texten im Sozialismus. Entscheidet der Senat noch im Dezember über die Ablegung des Namens Ernst Moritz Arndt?

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Professor Werner Buchholz war bis 2013 Lehrstuhlinhaber für Pommersche Geschichte. Er hat zum umstrittenen Schriftsteller Ernst Moritz Arndt geforscht.

Quelle: Degrassi, Katharina

Greifswald. Werner Buchholz sieht Ernst Moritz Arndt (1769-1860) als bedeutende historische Persönlichkeit, mit der wir uns auseinandersetzen sollten. Der Professor für Pommersche Geschichte an der Universität Greifswald (1994 bis 2013) lehnt Arndt als Namenspatron der Uni jedoch ab und erklärt im OZ-Interview, warum aus seiner Sicht viele Mythen über Arndt kursieren. Noch bis Freitag 24 Uhr sind die 15.000 Studierenden und Mitarbeiter der Universität Greifswald aufgefordert, sich in einer Online-Umfrage zu Arndt zu positionieren. Der Senat der Universität Greifswald will möglicherweise noch im Dezember eine Abstimmung über die Ablegung des Namens in die Wege leiten.

 

OZ: Ernst Moritz Arndt wird von vielen Greifswaldern verehrt, weil er sich für die Abschaffung der Leibeigenschaft eingesetzt hat. Sie sagen, das ist nicht gerechtfertigt. Warum?

Professor Werner Buchholz: Arndt hat sich nur anfänglich gegen die Leibeigenschaft geäußert. Das Werk „Versuch einer Geschichte der Leibeigenschaft in Pommern und Rügen“ (1803) schrieb Arndt, um das Wohlwollen des schwedischen Königs zu erlangen. Er wollte einen Posten in dessen Staatsdienst erhalten. Das hat übrigens auch geklappt. Leibeigenschaft gab es in Schweden und Finnland aber gar nicht. Die Bauern waren freie Eigentümer ihrer Höfe. Sie hatten erheblichen Einfluss in Verwaltung, Rechtsprechung und Politik, und sie waren königstreu. Daher warteten die schwedischen Könige nur auf eine Gelegenheit, auch in ihren außerschwedischen Besitzungen einen freien Bauernstand zu schaffen.

OZ: Wann änderte Arndt seine Einstellung?

Buchholz: Nach seinem Übertritt in preußische Dienste forderte Arndt seit 1815 die Einführung beziehungsweise Wiedereinführung von Hörigkeit, Schollenbindung und Zunftzwang. Arndt wandte sich nun ebenfalls mit allem Nachdruck gegen die modernen liberalen Verfassungen des Juli 1830, die Grund- und Menschenrechte, Rechtssicherheit und Gleichheit vor dem Gesetz garantierten.

OZ: Arndt war ja nun aber auch der Sohn eines ehemaligen Leibeigenen. Er hatte damit einen besonderen persönlichen Bezug. Seine Befürworter betonen, dass sich Arndt für die Belange der einfachen Menschen einsetzte.

Buchholz: Es ist formal richtig, dass Arndts Vater als Leibeigener geboren wurde. Er hat aber nie das Leben geführt, das einem Leibeigenen entsprochen hätte. Er gehörte zum Gefolge des Grafen Putbus, musste dort seinen Stand repräsentieren und in dieser Position etwas hermachen. Er war also auch gut ernährt. Der Graf hatte ihn ausgesucht, weil er ein schönes Mannsbild war. Als Arndt geboren wurde, war sein Vater längst frei, hatte Lesen und Schreiben gelernt, war zum Schreiber und Gutsinspektor aufgestiegen. Man würde also sagen, Arndt war der Sohn eines Gutsinspektors.

OZ: Trotzdem würde man doch sagen, dass Arndt durch seine Herkunft eher auf der Seite der einfachen Leute stand.

Buchholz: Nein, schon als Gutsinspektor gehörte Arndts Vater zur Klasse der, modern ausgedrückt, „leitenden Angestellten“. Er hatte selbst Leibeigene und übte die Gerichtsbarkeit über die Leibeigenen aus. Als Ernst Moritz Arndt schon lebte, machte der Vater einen weiteren Schritt, wurde Gutspächter. Er wirtschaftete damit wie ein Adliger, war in der Oberschicht endgültig angekommen.

OZ: Warum ist das so wenig bekannt?

Buchholz: Dies dürfte auf die Textstreichungen in der DDR zurückzuführen sein sowie darauf, dass kaum jemand Arndt gelesen hat. In der DDR sollte Arndt als Mann des einfachen Volkes gelten. So hat es die Propaganda des Regimes gewollt. In seinem Werk „Erinnerungen aus dem äußeren Leben“ (1840) wurden nicht nur einzelne Sätze und Passagen gestrichen, sondern auch 65 Seiten am Stück. In der DDR endeten die meisten historischen Darstellungen zu Arndt mit dem Jahr 1815. Was danach kam, wird ausgeblendet.

OZ: Was sind die wichtigsten Inhalte, die in der DDR gestrichen wurden?

Buchholz: Neben der Forderung nach der Einführung einer neuen Hörigkeit waren das Arndts Antisemitismus, Rassismus, sein Hass auf Fabrik- und Landarbeiter, geringschätzige Äußerungen über slawische Völker, insbesondere Polen und Russen. Entfernt wurden auch religiöse Formeln, von denen man vermutlich befürchtete, dass sie auf viele attraktiv wirken könnten. Gestrichen wurden Arndts Gebietsansprüche auf das Elsass, auf Lothringen, die Niederlande, Belgien und die Schweiz. Gestrichen wurden selbst noch Erwähnungen von Franzosen unter den Emigranten 1812/13 in St. Petersburg. Dass auch diese auf der Flucht vor Napoleon waren, passte nicht zu dem pauschalen Hass auf alle beziehungsweise die Franzosen.

OZ: Sie meinen also, dass viele Greifswalder Arndt verehren, weil sie den falschen Arndt kennen?

Buchholz: Hier kann ich nur Vermutungen anstellen. Der Arndt der DDR ist ein sympathischer Mensch. Es ist ein komplett positiver Arndt ohne Juden- und Polenhass. Dass er in der Kriegszeit gegen Napoleon eingestellt war, erschien als ein Verdienst. Er kämpfte für die Befreiung seines Volkes. Diesen Arndt musste man mögen. Nur ist das ein irreführendes Bild. Arndt hat aber auch die positiven Seiten Napoleons verschwiegen beziehungsweise verteufelt: die Abschaffung der Kleinstaaterei, die Einführung eines modernen Rechts- und Gerichtswesens, die Gleichheit vor dem Gesetz und die Rechtssicherheit. Daran wurde festgehalten, auch nachdem Napoleon besiegt war. All das machte Arndt als „französische Freiheit“ verächtlich.

OZ: Bundesweit gibt es 16 Schulen, die nach Arndt benannt sind. Es gibt das Arndt-Museum in Bonn und das Denkmal. Die Verehrung von Arndt ist kein ostdeutsches Phänomen. Warum wird Arndt dort verehrt?

Buchholz: Hier müsste man jeden Einzelfall betrachten. Ich kann nur ganz allgemein vermuten, dass dies mit dem großen Schweigen zusammenhängt, das sich im Westen nach dem Kriege über die NS-Zeit legte und dieses Schweigen auch Arndt erfasste. Solche Benennungen von Schulen waren ursprünglich meist mit der Begründung vorgenommen worden, Arndt sei „ein Vorkämpfer des Dritten Reichs“. Das war ja auch bei der Universität Greifswald der Fall.

OZ: Was ist denn aus Ihrer Sicht Arndts größte Leistung?

Buchholz: Unabhängig von der Bewertung dieser Leistung, dürfte dies seine Erfindung der „Deutschen“ sein. Im allgemeinen Sprachgebrauch gab es den Begriff damals nicht. „Deutsch“ als Eigenschaftswort bezeichnete damals nur die Sprache, und auch heute noch muss nicht jeder, der Deutsch spricht, unbedingt ein „Deutscher“ sein. Arndt musste 1812/13 zum Aufstand gegen Napoleon aufrufen, durfte dabei aber nicht gegen die Fürsten polemisieren, die mit Napoleon verbündet waren. An Württemberger, Bayern, Preußen, Holsteiner oder Hessen konnte er sich nicht direkt wenden, da diese das als Aufforderung verstehen konnten, sich gegen ihre Fürsten zu erheben. Arndt löste diese Aufgabe, indem er den „Deutschen“ erfand. Da weitgehend unbekannt war, was ein „Deutscher“ war, lieferte Arndt mit dem Lied „Was ist des Deutschen Vaterland?“ auch gleich eine Definition. Damit konnte Arndt nun zum allgemeinen Aufstand gegen Napoleon aufrufen, ohne gleichzeitig zum Aufruhr gegen die mit diesem verbündeten deutschen Fürsten anzustacheln.

OZ: Warum lehnen Sie Arndt als Namenspatron ab?

Buchholz: Zu meinen Gründen gehören sein Antisemitismus, Rassismus, die Verachtung für viele andere Völker und Kulturen und der Hass auf die Fabrikarbeiterschaft. Arndts Kehrtwendung von 1815 und die Art und Weise, in der er sich nun das Interesse des preußischen Adels zu eigen machte. Dass er den Freiheitsgedanken aufgab, scheint mir Ausdruck eines geradezu unerträglichen Opportunismus zu sein. Es kam der Begriff vom „Soldschreiber Arndt“ auf, Heinrich Heine nannte ihn einen „wendischen Hund“. Goethe, der öffentlich jede Verbindung mit Arndt vermied, spottete im vertrauten Kreis über Arndts Anbetung der „preußischen Dreieinigkeit“ aus Wellington, Blücher und Gott.

OZ: Warum sind Sie trotzdem Mitglied der Arndt-Gesellschaft, die sich dafür einsetzt, das Erbe Arndts im Gedächtnis der Menschen wachzuhalten?

Buchholz: Arndt ist eine historische Persönlichkeit und damit keineswegs bedeutungslos. Er ist nur aufgrund seiner bekannten Stellungnahmen nicht geeignet als Vorbild für Studierende und als Namenspatron einer heutigen Universität. Ich halte die Arndt-Gesellschaft für ein angemessenes Forum der Beschäftigung mit Arndt.

Katharina Degrassi

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