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Greifswald Der Mann mit dem Roboterarm
Vorpommern Greifswald Der Mann mit dem Roboterarm
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14:34 11.05.2018
Klient Sven Bienkowski und Armprothesenspezialist Hans-Magnus Holzfuß (re.) vom Gesundheitszentrum Greifswald, einer Tochter der Uni-Medizin. Quelle: Sybille Marx
Greifswald

„Roboterarm“ nennen die Kinder den Arm, den ihr Vater, der Greifswalder Sven Bienkowski an seiner linken Seite trägt. „TMR-Prothese“, sagen die Spezialisten. Arm beugen und strecken, Hand drehen, öffnen, schließen und damit greifen.

Bis zu sechs Bewegungen gleichzeitig kann dieser elektronische  Kunstarm ausführen, gesteuert über die Gedanken in Sven Bienkowskis Kopf – zumindest, wenn alles läuft wie es soll. Es ist ein Novum in der Orthopädietechnik: Bienkowski ist gerade mal der zehnte Patient in Deutschland mit einer solchen Armprothese, frühere Modelle konnten die Bewegungen nur nacheinander ausführen. „Und er ist der erste Patient, bei dem die gesetzliche Krankenkasse die Kosten übernahm“, sagt Orthopädietechnik-Meister Hans-Magnus Holzfuß vom Gesundheitszentrum Greifswald, einer Tochter der Unimedizin. Mit einem ganzen Team von Spezialisten betreut er Bienkowski.

Ob eine TMR-Prothese je zum Standard wird, ist fraglich, „sie kommt bei vielen schon körperlich nicht in Frage“, sagt Holzfuß. Und die Kosten seien enorm. „Die Prothese an sich kostet schon 180 000 Euro“. Bis es einem Patienten gelinge, sie zu steuern, brauche es bis zu zwei Jahre Ergotherapie und Orthopädie, „Hardcore-Training“, wie Holzfuß sagt. Außerdem eine große OP. „Das muss man wollen.“

Bienkowski, 37, wollte und will. Maurer war er früher, dann Trockenbauer: ein Mann mit Tattoos an den Armen, einer, der anpacken konnte. Als er im Januar 2017 nach einem Autounfall in der Greifswalder Unfallchirurgie aufwachte, war seine ganze linke Seite lädiert, das linke Bein gequetscht und vielfach gebrochen. Der linke Arm weg, nicht mal ein Stumpf noch da. „Ich habe nur 15 Minuten gebraucht, um das zu akzeptieren“, sagt Sven Bienkowski. Rechtshänder sei er, „ein Glück.“ Doch beim ersten Versuch, mit nur einer Hand einen Puddingbecher auszulöffeln oder eine Flasche zu öffnen, sei ihm klar geworden: „Irgendwas muss da wieder ran.“

Seit Dezember hat Bienkowski nun diesen High-Tech-Arm am Körper. Und die Hoffnung, irgendwann wieder arbeiten zu können. „Ich würde gerne Möbel nach Maß bauen“, sagt er. „Nichts tun zu können und sich wie ein Behinderter zu fühlen, ist furchtbar.“ Auch wenn seine Ex-Frau ihn sehr unterstütze, die vier Kinder seine Situation gelassen nähmen.

Bis er den Kunstarm frei und sicher bewegen kann, braucht es allerdings noch Training. Im Juli 2017 hatten Spezialisten die ersten körperlichen Voraussetzungen geschaffen: Acht Stunden lag Bienkowski damals in Göttingen auf einem OP-Tisch. Chirurgen schnitten seinen Oberkörper auf und verlegten den Arm-Nervenstrang, über den früher die Impulse für die Bewegungen von Hand und Arm liefen, ins Körperinnere. „In die Region der Brust- Schulter- und Rückenmuskeln“, wie Holzfuß erklärt.

Im Bereich dieser Muskeln gibt es inzwischen fünf Punkte, die Bienkowski gezielt gedanklich ansteuern kann. Elektroden, die an der Prothese befestigt sind und auf der Haut aufliegen, verwandeln diese Signale in Bewegungen. Problem: „Der Patient muss herausfinden und üben, was er gedanklich für eine Bewegung machen muss, um ein Signal gezielt auszulösen“, sagt Holzfuß. Nicht gerade trivial.

Dass es überhaupt geht, liegt an einem Phänomen, das Ärzte auch von anderen Amputierten kennen: Bienkowski hat einen Phantomarm. Er empfindet, als wäre der verlorene Arm noch da, wenn auch verkürzt und mit verkrampfter Hand. In dem inneren Bild, das Bienkowski von seinem Körper hat, liegen der neue und der alte Arm allerdings weit auseinander, verhalten sich völlig unterschiedlich. „Um die Prothesenhand zu öffnen, muss ich mir zum Beispiel vorstellen, dass ich den Oberarm meines Phantomarms in Richtung Wirbelsäule ziehe.“ Verwirrend.

Jede Woche trainiert Bienkowski sieben, acht Stunden mit Ergotherapeuten und den Orthopädietechnikern  des Gesundheitszentrums, um die Ansteuerungsprozesse zu automatisieren und zu verfeinern. Das Üben ist mühsam, doch viel schlimmer sind die Schmerzen, die aus heiterem Himmel kommen oder wenn er zu viel macht: Manchmal fühlt es sich an, als würde der Phantomarm zerschnitten oder durchbohrt. „Manchmal passiert es auch, dass er mir quasi auf den Rücken gedreht wird“, erzählt Bienkowski. Dann krümmt er sich, als würde ein Polizist ihn niederzwingen. „Ich kann dann gar nichts machen.“

Tage, an denen solche Schmerzen ausbleiben, Nächte, in denen er mal viele Stunden schläft, sind die guten Momente in Bienkowskis Leben. Oder die, wenn er in der Ergotherapie mit Links einen Apfel festhalten und schälen konnte. „Die kleinen Erfolge brauch ich.“

Im Moment allerdings fühlt er sich zurückgeworfen: Vier Bewegungen der Prothese konnte er schon sicher auslösen. Dann wurde die fünfte Elektrode in die Prothese eingesetzt. Jetzt kann Bienkowski die Kunsthand auch noch drehen, „aber das ganze System hat sich verschoben, ich muss für alle Signalpunkte neu lernen, mit welcher Bewegung ich sie auslösen kann.“

Ein normaler Prozess, sagt Holzfuß, weil der verlegte Armnerv gut eineinhalb Jahre brauche, bis er eingewachsen sei, „bis dahin verschiebt sich immer wieder etwas.“ Und die Fortschritte, die Sven Bienkowski mache, seien enorm. „Alle Fachkollegen sind maximal begeistert.“ Bis Weihnachten, hofft das Team, wird Sven Bienkowski wohl die sechs Bewegungen von Hand und Arm gezielt auslösen können. Es wäre ein Weihnachten, an dem er besonders viel zu feiern hätte.

Hase Petra

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