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Der Vater der „Perser“ von der Ostsee

Greifswald Der Vater der „Perser“ von der Ostsee

Vor 120 Jahren wurde Rudolf Stundl geboren / 1928 brachte er die Teppichkunst nach Vorpommern

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Helga Grabow aus Spandowerhagen knüpft heute noch Fischerteppiche.

Greifswald. DDR-Partei- und Staatschef Erich Honecker und sein Vorgänger Walter Ulbricht besaßen Freester Fischerteppiche. Sie waren beliebte Gastgeschenke und in der Bevölkerung begehrt.

 

OZ-Bild

Die Fischer dankten Landrat Werner Kogge 1929 mit einem Teppich. Er ist gewissermaßen mit Fliesen geschmückt. 34 Namen sind hier zu finden.

Quelle:

In der NS-Zeit wurde die pommersche Volkskunst gar als 700 Jahre alte nordische Tradition vereinnahmt. Teppiche schmückten den großen Ratssaal im Hamburger Rathaus und gehören zum Bestand bedeutender Einrichtungen wie des Grassi-Museums in Leipzig oder des Folkwang-Museums in Essen. Den Ehrennamen „Perser“ verdanken sie ihrer Qualität.

Dabei ist ihre Geschichte noch nicht einmal 90 Jahre alt. Ihr Vater, der Wiener Rudolf Stundl (1897 bis 1990), wurde am 4. Februar vor 120 Jahren geboren. Der Wiener hatte auf dem Balkan die bäuerliche Volkskunst kennengelernt und kam über Zagreb, Budapest und Breslau 1928 nach Berlin. In der deutschen Hauptstadt stieß er auf eine Zeitungsannonce. Der Landkreis Greifswald suchte einen versierter Teppichknüpfer. Stundl bewarb sich mit Erfolg.

Initiative von Landrat Kogge

Die von ihm geleitete Pommersche Fischer-Teppich-Heimknüpferei hatte ihren Sitz in Greifswald am Markt 12. Dass Stundl nach Greifswald kam, ist dem Landrat Werner Kogge (SPD) zu verdanken, der die Not der bettelarmen Fischer lindern wollte. Dies war 1928, also noch in den „Goldenen Jahren“ der Weimarer Republik. Aber in der südlichen Ostsee hatten sich die Fischbestände verkleinert. Für drei Jahre wurden daher Einschränkungen für den Fischfang angeordnet. Zugleich bewilligte die Regierung Notstandsgelder.

Start mit 33 Fischern

Im Gegensatz zu den anderen Landräten, die das Geld direkt auszahlten, setzte Kogge auf Hilfe zur Selbsthilfe. Da Fischer Netze knüpfen, lag die Idee nahe, auf Teppiche zu setzen. Mit fünftausend Reichsmark war die dreieinhalb Jahre laufende Arbeitsbeschaffungsmaßnahme gut finanziert. Damals kostete ein Kilogramm Heringe 25 Pfennig.

Rudolf Stundl beschaffte Material, entwarf neuartige Muster, schulte die ersten 33 Fischer und mit Luise Witt die erste Frau. Und er entwarf auch Webstühle, die in die niedrigen Fischerhütten passten. 1930 waren schon 58 Knüpfer tätig. Fische, Anker, Wellen und Boote oder Naturmotive wie Vögel, Hirsche, Eicheln und Eichhörnchen wurden zu Markenzeichen. Als die Unterstützung des Kreises 1931 auslief, entschloss sich Stundl. in eigener Regie weiterzumachen. Er übernahm auch 83 unverkaufte Teppiche. Letzten Endes durchschritten Stundl und die Fischer das Tal der Entbehrungen.

Vereinnahmung durch Nazis

Nach 1933 ging es bergauf. Die Nazis vereinnahmten die Teppichkunst. Pommerns NSDAP-Gauleiter Schwede-Coburg wies Dienststellen und Erholungsheime an, Teppiche zu kaufen. In der DDR wurden sie als „Kultur der Werktätigen“ geschätzt. In Freest wurde die erste Produktionsgenossenschaft des Kunsthandwerks der DDR gegründet. Das Kulturministerium übernahm die Patenschaft. Viele Teppiche wurden im Ausland verschenkt.

Nach der Wende kam das Ende. 1992 wurde die PGH geschlossen. Bis zu diesem Zeitpunkt waren etwa 8000 Knüpfwerke entstanden. 2008 wurde in der Gützkower Straße 84 eine Gedenktafel für Rudolf Stundl eingeweiht. Hier wurde seine Frau Frida Stundl-Pietschmann geboren. Rudolf Stundl lebte nach seiner Heirat 1946 in diesem Haus. Frida Pietschmann unterhielt im Haus als Webmeisterin ab 1921 eine eigene Weberei, ab 1953 war es Sitz der Genossenschaft „Volkskunst an der Ostsee“.

Nachlass bekam Uni

Dr. Kurt Feltkamp hat mit seiner Frau das vom Abriss bedrohte Haus mit Grundstück in eine echte Sehenswürdigkeit verwandelt. Er hat fünf Jahrzehnte Rudolf Stundl forschend und fördernd begleitet. und ist der wohl beste Kenner dieser Kunstwerke. Feltkamp setzte sich auch maßgeblich für den Rudolf-Stundl-Preis ein. Stundl spendete 1985 Geld, von dessen Erträgen Auszeichnungen für den Nachwuchs finanziert werden sollten. Seinen künstlerischen Nachlass, 23 Teppiche und Wandbehänge, hat Rudolf Stundl der Universität vermacht. Die Kustodie lud mehrfach zu Ausstellungen ein. Auch die Heimatstube Freest und das Wolgaster Museum besitzen Sammlungen.

Seit kurzem ist auch ein Fischerteppich aus dem Besitz von Familie Feltkamp im Rathaussaal zu bewundern.

Auftragswerke

In der DDR wurde 1953 eine Handwerkliche Produktionsgenossenschaft (PGH) gegründet. Ihr Name: „Volkskunst an der Ostsee“.

Große Auftragsarbeiten waren Jubiläumsteppiche, wie zur 500-Jahr-Feier der Universität Greifswald im Jahre 1956 oder zur 750-Jahr-Feier von Berlin im Jahre 1987. Die ehemalige Weberei Stundls wurde als „Lehr- und Versuchsanstalt“ angegliedert. Seine Funktion als Vorsitzender legte Stundl 1971 aus Altersgründen nieder.

Eckhard Oberdörfer

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