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Der große Faktencheck zum WVG-Pflegedienst

Der große Faktencheck zum WVG-Pflegedienst

Heute entscheidet die Bürgerschaft, ob das Tochterunternehmen Sophi gegründet werden darf / OZ zeigt, was dafür und dagegen spricht

Die Wohnungsbau- und Verwaltungsgesellschaft Greifswald (WVG) will einen Sozial- und Pflegedienst (Sophi) gründen. Befürworter erwarten, dass sich Sophi besser um die Patienten kümmern kann, weil die Mitarbeiter mehr Zeit haben.

 

OZ-Bild

Bloß nicht ins Heim – viele alte Menschen wollen möglichst lange in den eigenen vier Wänden gepflegt werden. Diesem Wunsch will die WVG mit der Gründung von Sophi entgegenkommen.

Quelle: dpa

Die Sitzung beginnt heute um 18 Uhr im Bürgerschaftssaal. Weitere Themen sind die Entscheidung über Einschränkungen beim Anwohnerparken und die Eröffnung einer Geschäftsstelle des Stadtsportbundes.

Häufig geäußerte Kritik: In der ambulanten Pflege müssen die Fachkräfte unter starkem Zeitdruck arbeiten. WVG-Geschäftsführer Klaus-Peter Adomeit hatte angekündigt, dass seine Mitarbeiter mehr Zeit für den Kontakt mit dem Patienten haben sollen. Dieser Vorsatz findet sich auch im Sophi-Businessplan, den Adomeit der Bürgerschaft vorgelegt hat. Demnach wird eine Rendite von vier Prozent angepeilt. Der Wert liegt deutlich unter dem, der für frei finanzierte Unternehmen der Branche üblich ist. Allerdings ist der Pflegedienst durchaus darauf angewiesen, Gewinne zu erzielen. Mit diesen soll der Sozialdienst finanziert werden. Heißt: Das Potenzial ist da. Ob und wie es umgesetzt wird, muss die Praxis zeigen.

Sophi bietet Leistungen kostengünstiger für die Kunden an als das andere Pflegedienste können.

Die Gelder, die die Pflegedienste für ihre Leistungen von den Kranken- und Pflegekassen erhalten, sind für alle gleich. Der Unterschied beschränkt sich auf das Betreute Wohnen, welches die WVG perspektivisch anbieten möchte. In diesen Fällen soll keine monatliche Servicepauschale erhoben werden. Die Kostenersparnis für die Sophi-Kunden liegt bei 100 und 150 Euro monatlich.

Sophi verzerrt den Wettbewerb, verdrängt bestehende Pflegedienste vom Markt.

Die Angst vor dem Riesen WVG ist bei den bestehenden Pflegediensten groß. Hauptgrund: 40 Prozent der Greifswalder wohnen beim kommunalen Unternehmen. Damit hat die WVG einen unmittelbaren Kontakt zu potenziellen Kunden. Wenn ein WVG-Mieter nun auf der Suche nach einem Pflegedienst ist, liegt es nahe, dass er zuerst das Angebot Sophi nutzt, da er seit Jahren mit dem Hauswart Kontakt hat, dieser auch schon mal den Sozialdienst vorbeigeschickt hat, als der Mieter das Bad umbauen wollte oder ähnliches. In der WVG-Mieterzeitung wird mit Sicherheit Sophi beworben, vielleicht hängen sogar Werbeplakate in den Hausfluren. Diesen Vorteil hat kein anderer Pflegedienst. Die Sorge der anderen Anbieter, dass sie künftig deutlich weniger Patienten bei ihnen melden werden, ist berechtigt. Aus Sicht der Kunden kann es vorteilhaft sein, alle Leistungen aus einer Hand zu bekommen.

Wer Mieter bei der WVG ist, hat nicht die freie Wahl, sich für oder gegen den Pflegedienst Sophi zu entscheiden.

Diese Sorge äußert unter anderen Johannes Weise, der Vorsitzende des Vereins für Intensivpflege in MV. Bürgerschaftsmitglied André Bleckmann (FDP) befürchtet sogar, dass auf die Mieter Druck ausgeübt werden könnte nach dem Motto: „Wenn Sie schnell ein behindertengerechtes Bad brauchen, nehmen Sie lieber die Sophi als Pflegedienst.“ Dass sich ältere Menschen rein subjektiv genötigt fühlen könnten, lässt sich nicht komplett ausschließen. Der Gesetzgeber hat hier jedoch vorgesorgt, indem die strikte Trennung zwischen Wohnvertrag und Pflegedienst vorgeschrieben wurde. „Koppelungsgeschäfte sind nicht gestattet“, heißt es auch im Sophi-Businessplan.

Die WVG gründet Sophi zwar unter dem Deckmantel, etwas Soziales anbieten zu wollen. In Wirklichkeit sollen vor allem die Kosten gesenkt werden, die durch häufige Umzüge entstehen.

Die WVG will durch Sophi erreichen, dass die Mieter länger in den eigenen vier Wänden leben können. Aus dem Businessplan geht hervor, dass eine um ein Prozent geringere Fluktuation eine Einsparung von 270000 Euro bedeutet. Die sozialen Leistungen der Sophi haben damit nichts zu tun. Sie sollen über die Gewinne aus dem Pflegedienst finanziert werden.

Es gibt keinen Mehrwert durch Sophi. Sozial ausgerichtete Pflegedienste gibt es bereits durch die Wohlfahrtsverbände.

In der Tat sind die Pflegedienste der Wohlfahrtsverbände als gemeinnützige Gesellschaften organisiert. Es dürfen keine Gewinne erwirtschaftet werden, die an die Gesellschafter ausgeschüttet werden.

„Die Gewinne werden in andere Geschäftsfelder investiert, beispielsweise in den Aufbau der Tagespflege“, erklärt Silke Adam, Leiterin des DRK-Pflegedienstes in Greifswald. Die Situation ist also ähnlich wie bei Sophi. Der breiteste Angebot hat bislang die Volkssolidarität, die im Boddenhus Sportkurse, Kochkurse, Vorträge und Feiern anbietet. Auch bei Sophi sollen Gewinne, die durch den Pflegedienst erzielt werden, ins Soziale fließen. Geplant sind eine Beratungsstelle, ein Stadtteilcafé, ein Kurierdienst und Sozialarbeiterstellen (siehe Kasten).

Es gibt keinen Bedarf für einen weiteren Pflegedienst in Greifswald.

Eine telefonische Stichprobe der OZ unter mehreren Pflegediensten hat ergeben, dass es freie Kapazitäten gibt. Verschiedene Pflegedienste haben während der monatelangen Debatte über die geplante Gründung von Sophi immer wieder betont, im Bedarfsfall weiter wachsen zu können.

Sophi wirbt Fachkräfte von den bestehenden Pflegediensten ab.

Es besteht Fachkräftemangel in der Branche, sagt Sven Wolfgram, Leiter der Landesgeschäftsstelle des Verbandes privater Anbieter sozialer Dienste. Viele Pflegedienste suchten aktuell Personal.

Stellenangebote finden sich unter anderem auf den Internetseiten der Pflegedienste Awo, Heinrich & Heinrich und Ora Cura. Die Sorge ist berechtigt, dass Fachkräfte der bisherigen Pflegedienste sich bei Sophi bewerben.

Sophie bezahlt besser als die Pflegedienste, die derzeit am Markt sind.

Adomeit hat angekündigt, sein Personal in Anlehnung an den Tarif im öffentlichen Dienst entlohnen zu wollen. Die privaten Pflegedienste zahlen nach eigenen Angaben „gut“. Die Gehälter liegen in der Regel unterhalb des geltenden Tarifs. Katharina Degrassi

Sophi steht für die „Gesellschaft für Sozial-, Pflege- und Hilfsdienstleistungen“. Sie soll als Tochterunternehmen der WVG gegründet werden. Geplant ist eine Doppelspitze aus Klaus-Peter Adomeit und einer Pflegdienstleitung. Adomeit erhält monatlich 700 Euro.

Die Vision von Sophi ist eine Rundumversorgung für die Mieter der WVG und einem Teil der Greifswalder Bürger. Die Menschen sollen nicht nur gepflegt werden, sondern auch Hilfe bei Problemen jeder Art bekommen.

Hauptsitz von Sophi soll in der Heinrich-Hertz-Straße 21 sein. Dort ist eine Beratungsstelle geplant, ein Kurierdienst und ein Stadtteilcafé. Angeboten werden unter anderem eine Mietschuldnerberatung, eine Betreuung für die Wohnung während Abwesenheit, die Hilfe bei Beantragung von Leistungen, die Vermittlung eines Umzugsservices.

Bereits heute beschäftigt die WVG zwei Sozialarbeiter, die vor allem Mieter mit Mietschulden betreuen. Die beiden Angestellten wechseln in die Sophi. 2018 soll ein dritter Sozialarbeiter eingestellt werden. Für 2020 sieht der Businessplan 16 Pflegekräfte und drei Sozialarbeiter vor. 100 Patienten sollen dann betreut werden.

• Businessplan: www.greifswald.de

Sophi

Pflegedienst Patienten Note
Heinrich & Heinrich 218 1,3
Pflegedienst Böttger 160 1,3
Pflegedienst „Nordeck“ 167 1
DRK-Sozialstation 76 1,3
Pflegedienst Humboldt 112 1,1
Hauskrankenpflege Nordlicht 113 1,2
Volkssolidarität, Ambulanter Pflegedienst 89 1
Medigreif Pflege-Dienstleistung GmbH 77 1,1
Molitor & Groth, Ambulanter Pflegedienst 87 1,3
Ora Cura Intensiver Pflegedienst 134 1
Ambulanter Pflegedienst der AWO 63 1,2
Pflege in Vorpommern GmbH 18 2,2
Pflegedienst Kerstin Lewerenz 33 1,2
Intensivpflegedienst MV Bernd Otto 16 1,1
Pflegedienst Ebert 38 1,4
MSP-Intensivpflegedienst 3 1,6
Quelle: Businessplan Sophi. Note = Bewertung des Medizinischen Dienstes der Krankenversicherung    

OZ

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