Menü
Ostsee Zeitung | Ihre Zeitung aus Mecklenburg-Vorpommern
Anmelden
Greifswald Deutscher Hochschulverband thematisiert Arndt
Vorpommern Greifswald Deutscher Hochschulverband thematisiert Arndt
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:00 18.03.2017

Eine Manipulation der Umfrage zum Spaß?

Die OZ musste also bei ihrer Onlineumfrage ca. 1000 Fälle aus dem Abstimmungsergebnis herausrechnen. Von wem diese Stimmen stammen, ist kein großes Rätsel. Ohne diese Bereinigung wären nur noch um die 60 Prozent der Stimmen Pro Arndt gewesen. Eine Manipulation nur mal so zum Spaß? Wie der Vorschlag der Studenten zur Umbenennung in „Toni-Kroos-Universität“ vor drei Jahren, der eigentlich ja gar kein Spaß sein sollte? Aber eine Umfrage ist auch eine Wahl, und da hört der Spaß dann auf! Es wirft eher ein schlechtes Licht auf die demokratische Verfasstheit derjenigen, die doch behaupten, gerade durch das Entfernen von Arndt aus dem Namen der Universität die Demokratie hierzulande stärken zu wollen, weil sonst – man glaubt es kaum – eine Wiederholung von 1933 drohe.

Dr. Klaus Hartmann

Trumpland in Vorpommern Ich gehörte zu denen, die eine Abschaffung des Namens Ernst-Moritz-Arndt nicht befürwortet haben. Ich bin Greifswalderin, ging auf die Ernst-Moritz-Arndt- Schule in der Arndtstraße und studierte an der EMAU. Dieser Name war für mich immer eng mit Greifswald verbunden. Die Person Arndt und ihr geschichtliches Wirken sehe ich im Kontext der Zeitgeschichte. Nun hingegen stehe ich auf der anderen Seite und befürworte den Beschluss des Senats. Vor allem der Auftritt eines so angesehenen Lokalpolitikers wie Axel Hochschild in Trump-Manier war das letzte Körnchen in der Waagschale. Hier wurden in einer sowieso schon hitzigen Debatte in mittelalterlicher Zurschaustellung Benzin ins Feuer gegossen und ausschließlich Emotionen bedient. Fakten und respektabler Umgang miteinander wurden dabei gleich mit auf den Scheiterhaufen geworfen, ganz wie es uns der „große Bruder“ in den USA zurzeit vorlebt. Mit Recht des Wählers auf Informationen zu einer öffentlichen Abstimmung, wie Herr Hochschild es im Nachhinein rechtfertigt, hat das nichts zu tun. Jeder hatte die Möglichkeit, sich im Internet oder bei der Stadt zu informieren. Außerdem sehe ich das öffentliche Interesse an diesem Beschluss generell als verspätet an. Wo waren denn die Luftballons und Menschenketten, als die Diskussion begann? Die OZ berichtete nur kurz und Politikerstimmen waren dazu öffentlich auch nicht zu vernehmen. Wäre im Vorfeld mehr Interesse am Namenserhalt bekundet worden, wäre die Entscheidung des Senats damit vielleicht anders ausgefallen. Jetzt wirkt dieses „Geschrei“ nach Arndt verspätet, sogar peinlich und mit seiner verstärkten Unsachlichkeit verschreckt es jeden Bürger, der seines vernunftbegabten Verstandes noch bemächtigt ist. Ich distanziere mich von solch einem Mob!

Anke Hildebrandt Hochschulverband ist für Arndt Die rechtsgerichteten Strömungen bis hin zur Identitären Bewegung haben sich vor der fatalen und möglicherweise sogar rechtswidrigen Entscheidung des Senats der Universität um den Namen und die Person Ernst Moritz Arndt ebenso wenig gekümmert wie um Martin Luther und andere in diesem historischen Kontext zu nennende Persönlichkeiten. Was sagt der Geograph Klüter zu 222 Arndtstraßen, die es laut „Google Maps“ zurzeit in Deutschland gibt? Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass unsere Universität überregional und international nur in den Bereichen wahrgenommen und anerkannt wird, die in Forschung und Lehre (sowie im Bereich der Medizin in der Krankenversorgung) hervorragende Leistungen erbringen. Der Name der Universität ist dabei völlig unwichtig und man sollte nicht der Versuchung unterliegen, internationale Drittklassigkeit auf den Namenspatron zurückzuführen. Interessant ist eine Umfrage des Deutschen Hochschulverbandes DHV, einem Zusammenschluss von ca. 29000 habilitierten Universitätsangehörigen, deren Teilnehmer sich zu über 74 Prozent für die Beibehaltung des Namens der Ernst Moritz Arndt Universität Greifswald ausgesprochen haben.

Prof. Georg Meyer Fehlende Argumente in der Arndt-Diskussion Als ehemaliger Mitarbeiter der Universität, aber Nichtgreifswalder, stand ich der Namensgebung neutral gegenüber. Was mich allerdings stört, ist zum einen die Inhaltsleere in der protesthaften Bewegung gegen die Namensstreichung, zum anderen die unausgewogene Berichterstattung. Inhaltlich wird vor allem mit dem Gefühl der Identität argumentiert. Arndt wird in diesem Diskurs als „Patriot“, „progressiver Vertreter neuerer europäischer Geschichte“, „Vordenker und Begründer der deutschen Einheit“ bezeichnet. Letzteres ist falsch, zumindest wenn es Bezug auf die Wiedervereinigung Deutschlands 1989 nimmt, die anderen Leistungen rechtfertigen jedoch kein Patronat für eine Universität. Sie waren nicht dem akademischen Wissen, der Bildung oder der kulturellen Entwicklung gewidmet. Mit dem Vordringlichstem schmückt sich auch die Universität. Das Attribut „identitärer deutscher Patriotismus“ ist für die älteste Universität Schwedens (!) historisch unpassend, aber auch akademisch nicht ausreichend. Dazu kommt Arndt als Person mit ausgeprägtem Antisemitismus. In „Antisemitismus-Keim liegt in der Bibel“ schrieb eine Leserin, dass Judenhass zu Arndts Zeiten „noch allgegenwärtig“ gewesen sei und er nur „dem Denken des Judenhasses Ausdruck verliehen“ habe. Dabei verkennt sie, dass die Aufklärung in vollem Gange war. Die Ringparabel in „Nathan der Weise“

erschien, als Arndt 10 Jahre alt war. Das preußische Judenedikt, das Juden nicht mehr als Fremde, sondern als Staatsbürger anerkannte, trat 1812 in Kraft. Es ist also nicht so, dass es für Arndt keine Alternative zum Antisemitismus gab, sondern, dass er sich bewusst dagegen entschieden hat, diese anzunehmen. Das ist ein erheblicher Mangel, der den aufklärerischen Gedanken der Universitätsbildung diametral entgegensteht. Objektiv betrachtet sehe ich also mit mangelnder universitärer Relevanz und Judenhass zwei Gründe, die gegen das Namenspatronat sprechen, wohingegen auf der Pro-Seite hauptsächlich ein postfaktisches Gefühl von Identität steht. Dies spreche ich den Namensbefürwortern auch nicht ab, aber es muss sich mit handfesteren Argumenten messen lassen. Auf den Veranstaltungen, in der Berichterstattung und bei Diskussionen habe ich den Eindruck gewonnen, dass dieser offene Diskurs aber gar nicht geführt werden will.

Hannes Vogt

OZ

Mehr zum Thema

Befürworter und Gegner des Namenspatrons werfen sich gegenseitig Diffamierung und Populismus vor

14.03.2017

Flut an Leserbriefen zu Ernst Moritz Arndt reißt nicht ab

15.03.2017

Leserbriefschreiber suchen Antworten auf Frage, wie Gräben zu schließen sind

16.03.2017

In een Gedicht von Albrecht Haushofer (1903 – 1945) warden gägensätzliche Verhollenswiesen verdüdlicht. So as „den ersten reut viellicht, was er getan, den zweiten höchstens, was er unterließ“ ...

18.03.2017

Redaktions-Telefon: 03 834 / 793 687, Fax: - 684 E-Mail: lokalredaktion.greifswald@ostsee-zeitung.de Sie erreichen unsere Redaktion: ...

18.03.2017

Mit 5000 anderen stellen sie die Vollversammlung nach

18.03.2017
Anzeige