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Die Stolpersteine sind zurück

Greifswald Die Stolpersteine sind zurück

Elf dieser Gedenksteine waren im November aus dem Pflaster gerissen worden. Gestern Mittag wurden sie neu verlegt. Sie erinnern an Juden, die hier unter den Nazis litten. 200 Greifswalder gingen den Gedenkweg mit.

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Greifswald. Kameras klicken, als der erste Stolperstein tiefer ins Pflaster sinkt. Dumpfe Hammerschläge, zwei Schaufeln Sand zum Befestigen, ein Tuch wischt die Körner beiseite. Golden glänzen sie jetzt wieder im Bürgersteig in der Gützkower Straße 39 in Greifswald: die Namen des Ehepaars Georg und Friederike Feldmann, das bis zum 12. Februar 1940 hier wohnte und einen Lebensmittelladen betrieb — bis beide als Juden von den Nazis verschleppt und später ermordet wurden.

Rund 200 Kirchenleute, Stadtpolitiker, Landtagsabgeordnete und andere Greifswalder stehen dicht gedrängt auf dem Bürgersteig, um diesen Moment mitzuerleben. In der Nacht auf den 9. November hatten bislang Unbekannte in Greifswald insgesamt elf Stolpersteine aus dem Pflaster gerissen (OZ berichtete). Eine Welle der Empörung brandete auf, schon einen Tag danach spendeten die ersten Geld, um diese Gedenksteine zu ersetzen. Nun, am Tag des Grundgesetzes, werden elf nachgemachte Stolpersteine und zwei neue vor den Häusern der Opfer verlegt.

„Das Grauen begann nicht erst in Ausschwitz, das Grauen begann in unserer Nachbarschaft.“ Und: „Die Würde des Menschen ist unantastbar“. Vor jedem Haus, an dem sich die Menge versammelt, erklingt Musik, spricht jemand diese Sätze und erinnert an die Greifswalder, die hier unter den Nazis litten: Paula Sichel und Alice Weismann aus der Robert-Blum-Straße 11, Dr. Gerhard Knoche, Domstraße 9a...

Der 72-Jährige Herrmann Ruthenberg schiebt sein Fahrrad in der Menge mit. „Wenn ich meinen Vater, der aber schon lange tot ist, fragte, warum niemand hier diese Deportationen verhinderte: Er würde es mir wohl nicht erklären können“, sagt er. Aber war es nicht so, dass damals eine Stimmung herrschte, die das Wegsehen erlaubte und auf deren Boden die judenfeindliche Ideologie schnell wuchs? Umso wichtiger, findet Ruthenberg, dass eine Prozession wie die heutige die Erinnerung wachhält. „Und dass man die Geschichte der Opfer erzählt.“

Viel ist es allerdings nicht, was die Greifswalder an den acht Häusern über die einstigen Bewohner erfahren: Geburts- und Sterbedaten, Beruf, Zeitpunkt der Deportation. „Die Lage ist kompliziert, wir kommen kaum an Überlieferungen aus den Familien ran“, erklärt der Theologe Dr. Irmfried Garbe aus Dersekow, der zu den Initiatoren des Gedenkwegs gehört. In den 90er Jahren habe er angefangen, als Mitglied im Arbeitskreis Kirche und Judentum die Deportationen in Vorpommern zu untersuchen. Doch bis heute sei nur eines der Schicksale, an die die Stolpersteine erinnern, wissenschaftlich erforscht — das des Psychiaters Edmund Forster, für den nun ein Stein in der Ellernholzstraße 2 liegt.

Forster, ab 1925 Direktor der hiesigen Nervenklinik, nahm sich am 11. September 1933 das Leben, ein halbes Jahr nach der Machtergreifung Hitlers. Was genau ihn dazu brachte — „da kann man nur spekulieren“, sagt Garbe. „Aber man weiß, dass er in den 20er Jahren viele Juden als Assistenzärzte einstellte, und dass er 1933 von einem NS-Mann denunziert wurde.“

Auch wenn es bittere Schicksale sind, an die heute erinnert wird: Garbe, Oberbürgermeister Arthur König und viele andere gehen den Gedenkweg mit einem Gefühl von Zufriedenheit. „Es ist überwältigend, dass so viele Greifswalder gespendet haben und heute hier sind“, sagt der OB. Die Täter, so hatte Bischof Hans-Jürgen Abromeit zu Beginn formuliert, hätten genau das Gegenteil von dem erreicht, was sie wollten. Statt die Namen der Opfer auszulöschen, hätten sie sie neu in Erinnerung gerufen. Dennoch bittet König am Ende des Rundgangs: „Behalten Sie die Stolpersteine im Blick.“

 

Sybille Marx

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Im November 2012 hatten Unbekannte Stolpersteine entfernt. Foto: Stefan Sauer

Rund 200 Menschen begleiteten am Donnerstag die Verlegung der Steine, die an das Schicksal der Greifswalder Juden während des Nationalsozialismus erinnern, durch die Hansestadt.

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