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Ein ungebetener Partygast

Greifswald Ein ungebetener Partygast

Wie eine winzige Fundkatze für zwei Wochen ihr Haus auf den Kopf stellte, erzählt OZ-Redakteurin Sybille Marx.

Greifswald. Dass nach Gartenpartys etwas übrig bleibt, kennen wir ja: Berge von dreckigem Geschirr, Kippen im Gras, welkende Salatreste... Aber das, was mein Mann und ich am Morgen des 25. August entdecken, ist neu. Unter unserer Hoch-Terrasse sitzt maulend eine winzige Katze, nicht viel größer als eine Handvoll. Mitten in der Nacht war sie zwischen den Gästen aufgetaucht. Ein Partytiger etwa?

Nein, bei Tageslicht betrachtet eine jämmerliche Erscheinung. Das rechte Auge ist entzündet, das Fell dreckig. Mauuuuuu... macht das Ding und humpelt ein paar Schritte auf uns zu. Die Brekkies, die wir ihm hinstreuen, schlingt es mit zitternder Nase herunter. Keine Frage, „es“ braucht Nahrung und wahrscheinlich auch ein Zuhause. Aber es gibt da ein Problem. Wir haben schon zwei Katzen.

„Eine Glückskatze“, sagt Tierarzt Dr. Bracke , als der vermutlich erst acht Wochen alte Patient hustend vor ihm auf der Pritsche sitzt. Rot-schwarz-weißes Fell — in „Brehms Tierleben“ von 1893

heißt es, solche Katzen schützten das Haus vor Feuer und anderem Unglück. Alter Volksglaube. Was im Fell des Findlings wimmelt — winzige Punkte unter der Lupe — macht uns aber weniger glücklich:

Flöhe und Milben. Auch Zecken und Würmer hat das Tier.

Wir bekommen Kamillenspülung, Spritzen und andere Medikamente mit nach Hause und zahlen 36 Euro. „Weil es Sonntag ist, müsste ich Ihnen eigentlich den doppelten Satz berechnen“, sagt der Tierarzt.

„Aber ich finde es ja gut, dass Sie sich gleich gekümmert haben.“

Ihr wollt die Katze doch nicht behalten? fragen Eltern und Freunde. Neinnein, antworten wir. Nur ein bisschen aufpäppeln, dann fahren wir sie ins Tierheim. Und ins Haus lassen wir sie nicht!

Eigentlich wollten wir ihr auch keinen Namen geben. Doch der Tierarzt fragte danach. „Streuner vielleicht?“, sagen wir. Wie fast alle rot-schwarz-weißen Katzen ist unser Findling allerdings ein Weibchen. Dann eben Streuna — mit a.

Und die Zähmung beginnt. Wie verwandelt man Zweibeiner, die ihr Haus verschlossen halten, in gefügige Gastgeber? Streuna schläft in den ersten Tagen viel, kuschelt sich draußen unter die Büsche.

Kommen wir in den Garten, klappt sie die Augen auf und stakst mit zitterndem Schwanz auf uns zu. Ziehen wir eine Schnur durch das Gras, hüpft sie mit jedem Tag wilder hinterher. Nehmen wir sie auf den Arm, schnurrt sie leise. Für Minuten erlauben wir ihr nun doch mal, das Haus zu erforschen.

Aber da war ja noch das Problem: unsere großen Katzen. Man sollte meinen, die Machtverhältnisse seien geklärt. Hier der neun Kilogramm schwere Mainecoonekater, buschig, mit Luchspinseln an den Ohren;

Kleinkinder fangen schon mal an zu kreischen, wenn er sie anstarrt. Neben ihm die sieben Kilo schwere Maincoonekatze, kleiner, aber mutiger. Doch vor dem Winzling scheinen beide panische Angst zu haben. Tagelang lassen sie sich kaum blicken. Steht die Minimieze auf der Terrasse, machen sie einen Bogen. Kommt sie ihnen näher, fauchen und knurren sie.

Tage später sitzt Streuna das erstemal kauend am Napf der Großen — in einem unbeobachteten Augenblick war sie hereingewischt. Seitdem schleichen die Großen nur noch mit gesenkten Köpfen durch das Wohnzimmer — als könnte jeden Moment das Monster um die Ecke biegen.

Aber dann. Samstagmorgen, 7. September. Streuna ist nicht da. Vermutlich hatte sie um 7 Uhr wie üblich auf Brekkies gehofft und war zu den Nachbarn gezogen, als nichts passierte. Dass sich um 9.30 Uhr doch noch der Napf füllt, entgeht ihr. Auch an den darauffolgenden Tagen taucht sie nicht wieder auf. Wir sollten wohl erleichtert sein. Aber wurde sie überfahren? Gab es einen Kampf? Oder hat sie sich zuverlässigere Dosenöffner gesucht? Immerhin, zwei Lebewesen im Haus atmen auf: die großen Miezen. Das Sofa, die Näpfe, die streichelnden Hände, alles gehört wieder ihnen. Sie schnurren.

 

OZ

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