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Greifswald Eine Expertin für Ärger

Familien-Uni: Was tun, wenn die Wut hochkocht? Rektorin und Psychologin Weber gibt Tipps

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Rät dazu, Ärger nicht herunterzuschlucken, aber auch nicht spontan und aggressiv auszuleben: Professorin Johanna Eleonore Weber.

Quelle: Foto: Sybille Marx

Greifswald. Ob es in der Arndt-Debatte Dinge gab, die sie geärgert haben, und wie sie damit umgegangen sei? Unirektorin Johanna Eleonore Weber lächelt verschmitzt. „Natürlich gab es die“, sagt sie mit ihrer hellen, etwas heiser klingenden Stimme. „Aber als Ärgerforscherin bin ich schon gut in der Lage, damit umzugehen.“ Anerkennendes Gelächter erklingt im Hörsaal. Das muss sie auch, denkt manch einer hier wohl.

Es ist Mittwochnachmittag, Hörsaal 5 in der Domstraße. Rund 50 Besucher, darunter viele Senioren, sind gekommen, um einen populärwissenschaftlichen Vortrag in der Reihe „Familien-Uni“ zu hören.

„Worüber ärgern wir uns?“ lautet der Titel. Professorin Weber referiert, nicht in ihrer Rolle als Rektorin, sondern als habilitierte Psychologin, die zur Emotion Ärger forschte.

Wie schaffen wir es, auf Ärger auslösende Situationen so zu reagieren, dass es unserer Gesundheit nicht schadet? Unter anderem dieser Frage geht sie nach. Dass jemand seinen Ärger auf aggressive Art spontan voll auslebe, passiere in unserer Gesellschaft eher selten, sagt sie. Und wenn, habe es nicht die oft behauptete befreiende Wirkung. „Im Gegenteil, wer schreit oder schlägt, verlängert den Erregungszustand, der mit Ärger einhergeht.“ Der Blutdruck etwa steige, das Herz klopfe viel schneller, „und das ist nicht gesund“.

Aber welche Alternativen gibt es? Angenommen, ein Freund spricht Sätze, die wir als Beleidigung empfinden: „Man könnte mit nichtaggressivem Widerstand reagieren und freundlich auf eine Änderung der Situation hinwirken“, sagt Weber. Vielen Menschen falle das aber schwer. „Viel häufiger schlucken wir Ärger runter, und das ist so ziemlich das Schlimmste, was wir tun können.“ Denn der Ärger auslösende Gedanke bleibe weiter im Kopf, schlimmstenfalls werde die Auslösersituation immer wieder durchlebt. Das Foto einer Kuh erscheint jetzt an der Hörsaalwand, quittiert von einer paar Lachern.

„Rumination“, steht darunter, zu deutsch: „Wiederkäuen“. So wird der Prozess des Immer-wieder-Hochholens in der Psychologie genannt, sagt Weber.

Ihre Empfehlung: Lieber das Gespräch suchen und nichtaggressiv um eine Änderung bitten. „Das Problem ist natürlich, dass ich dann nicht in der Hand habe, wie der andere reagiert.“ Alternative zwei dagegen habe jeder selbst in der Hand: die Situation umdeuten. „Ob uns etwas ärgert, ist auch eine Abwägensfrage“, hatte Weber gleich zu Beginn der Vorlesung erklärt. Ein Beispiel: Schmerz sei ein klassischer Wutauslöser. „Aber wenn uns der Zahnarzt wehtut, werden wir nicht wütend.“ Er folge mit seinem Handeln sozialen Regeln, was er tue, sei für uns wichtig. Das zeige, dass gar nicht die unangenehme Erfahrung an sich, sondern das, was wir über den Verusacher denken, entscheidend sei.

Wenn uns jemand mit einer Bemerkung beleidigt, sagt Weber, könnten wir also beschließen, nicht von einer bösen Absicht auszugehen. „Wir könnten uns sagen: Die Kollegin hat es nicht so gemeint. Oder:

Sie ist einfach genervt.“ Der Königsweg sei, mit Humor zu reagieren, sich so zu distanzieren. „Aber erfahrungsgemäß schafft das fast niemand.“ Nach etwa 50 Minuten ist die Vorlesung beendet, die Fragerunde eröffnet – was ein paar Besucher gleich nutzen, um der Professorin ihren eigenen Ärger aufzutischen. „Ich ärgere mich, dass mit diesem Vorlesungsaal wieder einmal Behinderte ausgeschlossen werden!“, sagt eine Frau im Saal – worauf Weber entschuldigend erklärt, dass es Raumnot gegeben habe, nächstes Mal aber ein besser zugänglicher Saal gewählt werde. Bürgerschaftsmitglied Peter Multhauf (Linke) trägt mit lauter, vorwurfsvoller Stimme eine andere Kritik vor: „Was der Senat der Uni im Blick auf Arndt veranstaltet, macht große Teile der Stadt wütend“, behauptet er. Warum erwähne Frau Weber das jetzt mit keiner Silbe, „das ist das wichtigste Thema der Stadt!“ Schwach sei es, dass sie dazu nichts gesagt habe, meint auch ein anderer Besucher. Professorin Weber selbst sagt: „Wir führen diese Debatte an vielen Stellen.“ Der Vortrag aber sei vor Urzeiten beschlossen worden. „Da geht es einfach nur um die Sicht einer Psychologin auf Theorien zum Ärger.“

Wissenschaft für Alle: Humboldt machte es vor

Vor neun Jahren startete auf Initiative des Mehrgenerationenhauses „Bürgerhafen“ und der Uni die Familien-Universität in Greifswald: Jedes Semester gibt es vier, fünf populärwissenschaftliche Vorträge an der Uni, die für Kinder wie Erwachsene gedacht sind. „Unser tägliches Leben ist durch technische Geräte und Anwendungen durchdrungen, die ohne Wissenschaft, ohne Forschung nicht möglich wären“, erklärt Unisprecher Jan Meßerschmidt. Gesellschaftliche Prozesse würden komplexer, Menschen suchten nach Antworten. „Da ist es wichtig, wissenschaftliche Erkenntnisse in die Gesellschaft zu kommunizieren.“

Ein berühmtes Vorbild für populärwissenschaftliche Vorlesungen sei Alexander von Humboldt. Seine Vorlesungen waren oft schon eine Stunde vorher überfüllt. In Greifswald kommen in der Regel etwa 100 Besucher.

Sybille Marx

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