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Greifswald Einsatz für gesunde Milchzähne
Vorpommern Greifswald Einsatz für gesunde Milchzähne
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00:00 19.03.2013
Prof. Christian Splieth beim Unterricht mit Julia Kamionka (drittes Studienjahr). Quelle: P.Binder

OSTSEE—ZEITUNG: Sie haben 58 von 61 Stimmen auf dem Gründungskongress der Deutschen Gesellschaft für Kinderzahnheilkunde bekommen. Haben Sie mit einer solchen Zustimmung gerechnet?

Prof. Christian Splieth: Ich habe darauf gehofft. Ich sehe in der breiten Zustimmung eine Bestätigung unserer Arbeit in Forschung und Lehre in Greifswald.

OZ: Hat Deutschland Nachholbedarf in der Kinderzahnheilkunde?

Splieth: Da muss man differenzieren. In der DDR gab es eine vorbildliche Ausbildung in der Kinderzahnheilkunde. In Westdeutschland bilden 25 Unis Zahnärzte aus. Aber nur an drei gibt es Professuren für Kinderzahnheilkunde. Da sind wir als Fachgesellschaft gefordert, Veränderungen zu erreichen.

OZ: Trotzdem hatten DDR- Jugendliche nur geringfügig gesündere Zähne als Gleichaltrige in der BRD. Bei den 13- bis 14-Jährigen waren es 1990 im Durchschnitt je fünf pro Jugendlichem, die nicht behandelt waren. Warum gab es keine Unterschiede?

Splieth: Das lag am Fünf-Jahr-Plan der DDR.

OZ: Was soll das heißen?

Splieth: Die Zahnärzte der DDR empfahlen die Produktion von fluoridhaltiger Zahnpasta zur Karies- prävention. Die Entscheider im Politbüro fanden anderes wichtiger. Die Verteilung von Fluoridtabletten in Kindergärten und die Fluoridierung des Trinkwassers, die zum Teil in der DDR angewendet wurde, waren nicht so wirkungsvoll wie Fluor-Zahnpasta im Westen.

OZ: Und in den 1990er Jahren fiel der Osten sogar zurück.

Splieth: Ja, Mecklenburg-Vorpommerns Kinder hatten vor 15 Jahren die schlechtesten Zähne in ganz Deutschland. Bei den Abc-Schützen waren im Durchschnitt vier Zähne kariös. In Greifswald lag der Wert mit 4,1 noch darüber. In Deutschland waren es 2,89. Angesichts des Umbruchs in der Gesellschaft hatten gesunde Kinderzähne nicht die erste Priorität.

OZ: Seit 2010 ist das ganz anders. Mit durchschnittlich 1,63 kranken Zähnen liegen die Greifswalder Schulanfänger unter dem Bundesdurchschnitt von 1,99. Mecklenburg-Vorpommern hat 2,29. Wie gelang der Aufholprozess?

Splieth: Zum einen liegt das an den vorhandenen Strukturen. Jeder Kreis in MV hat anders als im Westen einen Jugendzahnarzt. Seit 2003 gibt es zusätzlich eine Prophylaxehelferin pro Kreis.

Zahnärzte, die im Osten ausgebildet wurden, haben eine bessere Einstellung zur Prävention. Gleiches gilt für die Schulen. Hilfreich ist der weit größere Anteil von Kindern, die eine Krippe besuchen und dadurch leichter erreicht werden können.

OZ: Wo gibt es noch Handlungsbedarf für die Zukunft?

Splieth: Eine Baustelle sind nicht behandelte Milchzähne, eine zweite die Behandlung kleiner Kinder.

OZ: Sie plädieren für Kinderzahnheilkunde als verbindliches Ausbildungsfach an den Hochschulen. Warum ist das wichtig?

Splieth: Für die Behandlung von Kindern, den Umgang mit Milchzähnen benötigt man spezielle Kenntnisse und Fertigkeiten. Während bei den Erwachsenen heute 90 Prozent der mit Karies befallenen Zähne eine Füllung haben, sind es bei den Milchzähnen nur 50 Prozent. Einen Dreijährigen zu behandeln ist schon schwierig.

OZ: Stimmt es, dass es unterschiedliche Behandlungsergebnisse bei Kindern durch Ärzte und Ärztinnen gibt?

Splieth: Ja. Am Besten schneiden die Ostmänner vor den Ostfrauen ab. Dabei wird die Entspanntheit bei der Behandlung verglichen, also ob der Zahnarzt trotz Sträubens und Weinens zum Bohrer greift. Westfrauen schneiden übrigens besser als Westmänner ab. Dass die Herren aus den neuen Ländern so gut abschneiden, das könnte daran liegen, dass Frauen stärker mit den Kindern gemeinsam leiden.

OZ: Wie können Kinder noch gesündere Zähne bekommen?

Splieth: Fünf Prozent der Kinder unter drei Jahren landen auf dem Operationstisch, weil Zähne gezogen werden müssen. Das bedeutet großes Leid. Die Zahnärzte müssten die Eltern beraten dürfen.

Denn die Ursache ist einfach fehlendes Zähneputzen nach der Benutzung der Nuckelflasche.

OZ: Was ist zu tun?

Splieth: Die Zahnärzte müssen den Auftrag zur Prävention in dieser Altersgruppe bekommen und dafür auch honoriert werden. Daran arbeitet unsere Gesellschaft für Kinderzahnheilkunde.

Ein Bremer in Greifswald
Christian Splieth (49) wurde in Bremen geboren, er hat in Göttingen, Leeds und Minneapolis studiert.

Der Professor ist mit einer Amerikanerin verheiratet, die er als Austauschstudentin in Göttingen kennengelernt hat, und Vater zweier Töchter.

1993kam er nach Greifswald, habilitierte sich hier und schloss 2000 seine Spezialisierung in der Kinderzahnheilkunde ab.

2003erhielt er einen Ruf nach Kiel, wo er 2004 die Kinderzahnheilkunde leitete. Splieth kehrte im gleichen Jahr nach Greifswald als Leiter der Abteilung für Präventive Zahnmedizin und Kinderzahnheilkunde zurück.

2013 wurde unter seiner Leitung der erste deutsche Masterstudiengang Kinderzahnheilkunde eröffnet.

Eckhard Oberdörfer

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