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„Es ist fünf vor zwölf“

Greifswald „Es ist fünf vor zwölf“

Claus-Dieter Heidecke, neuer Ärztlicher Direktor der Unimedizin Greifswald, über den Weg aus den roten Zahlen

Greifswald. Das Uniklinikum Greifswald steckt tief in den roten Zahlen. 2014 und 2015 gab es ein Defizit von 13,5 bzw. 14,3 Millionen Euro. Am 1. Februar hat der Aufsichtsrat die Reißleine gezogen und den Ärztlichen Vorstand Thorsten Wygold beurlaubt. Neuer kommissarischer Vorstand ist Professor Claus-Dieter Heidecke. Der Chirurg und Direktor der Klinik für Allgemeine, Viszeral-, Thorax- und Gefäßchirurgie war zuvor Stellvertreter von Wygold. Nach knapp zwei Monaten auf dem neuen Posten sprach die OZ mit Heidecke über den Weg aus dem Minus.

 

OZ-Bild

Der Ärztliche Vorstand Claus-Dieter Heidecke (62) lebt seit 2001 mit seiner Familie in Greifswald. Er ist verheiratet und hat drei erwachsene Töchter.

Quelle: Foto: Peter Binder

Das Defizit der Universitätsmedizin könnte bis 2019 bei 95 Millionen Euro liegen, behauptet die Linksfraktion des Landtages. Stimmt das?

Heidecke: Das wird definitiv nicht passieren, weil wir längst ein umfangreiches Maßnahmenpaket auf den Weg gebracht haben. Erste Erfolge stellen sich bereits ein. Bei 25 Millionen Euro hätte das Uniklinikum rein theoretisch bis 2019 landen können, wenn wir überhaupt keine Maßnahmen zum Gegensteuern ergriffen hätten und es ganz schlecht laufen würde. Die Ministerin Birgit Hesse hatte die 95 Millionen bereits als „Mondzahl“ zurückgewiesen.

Ohne jedoch eine korrekte Zahl zu nennen.

Die Defizite für 2014 und 2015 sind bekannt. Das Jahresergebnis für 2016 kennen wir noch nicht. Das Defizit wird aber niedriger sein als das aus den Vorjahren. Eine große Herausforderung werden die Lohnsteigerungen 2018 und 2019. Die werden mit über fünf Millionen Euro jedes Jahr zu Buche schlagen. Bis dahin müssen unsere Strukturmaßnahmen greifen, damit wir auch diese Zusatzkosten kompensieren können.

Welche Strukturmaßnahmen hat der Vorstand auf den Weg gebracht?

Es geht einerseits um Leistungssteigerungen und andererseits um Einsparungen. Allein bei den Sachkosten gibt es ein großes Potenzial. Hier lassen sich sehr schnell Effekte erzielen, indem wir den Sachkostenaufwand des Materials besser an die Bedürfnisse der Patienten anpassen. Wir müssen auch Personal einsparen. Das machen wir allerdings nicht über Entlassungen, sondern über natürliche Fluktuation. Ferner sollen Aufgaben umverteilt werden. Die medizinische Dokumentation ist beispielsweise sehr aufwändig. Diese Aufgaben sollen an Berufsgruppen übertragen werden, die für diese Tätigkeiten besser ausgebildet sind als Ärzte. Darüber hinaus werden wir die Prozesse und die Schnittstellen in den medizinischen Abläufen analysieren, um sie besser aufeinander abzustimmen. Es wird aber ein bis drei Jahre dauern, bis alle Maßnahmen greifen. Es geht jedoch nicht nur darum, preiswerter zu werden. Unser Anspruch ist es, gleichzeitig besser zu werden. Selbstverständlich wird es kein Nachlassen bei der medizinischen Qualität und bei der Patientensicherheit geben.

Das waren die Einsparungen. Wie sollen die Leistungen gesteigert werden?

Jeder erwartet jetzt ganz schnelle Ergebnisse. Aber in diesem Bereich müssen wir auch erst mal den Markt analysieren und unsere eigene Position dort bestimmen. Hierzu wurde eine Markt- und Wettbewerbsanalyse in Auftrag gegeben. Auf dieser Basis werden wir unser Leistungsspektrum in jedem einzelnen Bereich anpassen und ermitteln, wo die Universitätsmedizin mit ihrer großen Expertise auf dem jeweiligen Gebiet sinnvoll wachsen kann.

Das klingt noch abstrakt. Können Sie ein Beispiel nennen?

Professor Klaus Hahnenkamp (Direktor der Klinik für Anästhesiologie) hat es in der Anästhesie geschafft, die Abläufe zwischen den Operationen so zu optimieren, dass 15 Prozent der Saalkapazitäten eingespart werden konnten. Damit hat er die Abteilung auf ein sehr hohes Niveau gebracht. Während der eine Patient operiert wird, wird der nächste pünktlich zur nächsten OP vorbereitet. So entstehen weniger Leerlaufzeiten und die Prozesse wurden miteinander verzahnt, dass mit weniger OP-Sälen die gleiche Leistung erzielt wird. Das optimierte OP-Management erlaubt es uns, bei der OP-Kapazität wieder zu wachsen.

Lässt sich das eins zu eins auf andere Bereiche übertragen?

Nicht so ohne Weiteres, wir müssen überall im Einzelnen in die Prozesse hineinschauen und hinterfragen, ob das alles richtig ist, wie wir es bisher gemacht haben. Das gefällt natürlich nicht jedem.

Aber bei den meisten Kollegen ist angekommen, dass es fünf vor zwölf ist. Die Ansagen vom Aufsichtsrat und von der Ministerin waren sehr deutlich. Wir müssen das jetzt schaffen, das haben die meisten verstanden.

Sie haben davon gesprochen, dass manche Eingriffe mehr Kosten verursachen, als Sie von den Krankenkassen erstattet bekommen ...

Richtig, wir dürfen nicht ignorieren, dass bestimmte Leistungen nicht mehr ausschließlich stationär erbracht werden. Wir müssen feststellen, ob eine Maßnahme gegenfinanziert ist, und wenn das nicht so ist, müssen wir uns so aufstellen, dass es am Ende kostendeckend ist, beispielsweise durch Kooperationen mit niedergelassenen Ärzten oder über die Einrichtung von Tageskliniken. Hier kann Professor Christian Schmidt sehr wichtige Hilfestellungen geben.

Das ist der Ärztliche Vorstand der Unimedizin Rostock, der dem Klinikum vom Land als Beauftragter an die Seite gestellt wurde.

Genau. Professor Schmidt hat in Rostock im stationären Sektor sehr erfolgreich Leistungssteigerungen umgesetzt. Darüber hinaus hat er viele Leistungsbereiche aus den Kliniken hinaus in Tageskliniken überführt, wo diese Leistungen wieder von den Krankenkassen finanziert werden. Das Ziel ist es immer, kostendeckend zu arbeiten. Genau dies wird in den Monatsgesprächen mit allen Kliniken und Instituten thematisiert. Zur Sachkostenanalyse gehört es, zu prüfen, was wir verbrauchen, was in den Erlösanteilen gedeckt ist und wo wir etwas zu einem möglichst guten Preis bekommen können. Das wird durch die Markt- und Wettbewerbsanalyse unterstützt, die zeigen soll, wo wir und wo unsere Mitbewerber auf dem Markt stehen.

Einige haben die Sorge, dass die Beratung aus Rostock der erste Schritt zur Fremdbestimmung ist.

Die Sorge ist unbegründet. Der Ärztliche Beauftragte soll bei uns bezüglich Leistungserweiterung und Kosteneinsparung genau das Gleiche umsetzen, was beim Uniklinikum Rostock bereits erfolgreich funktioniert hat. Wir haben an diesen sogenannten Monatsgespräche in Rostock einmal teilgenommen. Es war sehr beeindruckend, wie tief man in die einzelnen Ebenen eingedrungen ist.

Die Stelle des Ärztlichen Vorstandes soll ausgeschrieben werden. Sie haben den Posten kommissarisch übernommen, also womöglich zunächst für ein Jahr. Was wollen Sie in dieser Zeit erreichen?

Wir müssen wirtschaftlich besser werden, die Prozesse überarbeiten, die Arbeiten optimal verteilen. Gemeinsam mit meinem Stellvertreter Prof. Hahnenkamp möchte ich die Kommunikation intern und extern verbessern. Die Tür bei mir ist immer offen. Mein vorrangiges Ziel ist es, die mitunter sehr unbefriedigenden Zustände in der Notaufnahme zu beseitigen. Wir haben jedes Jahr über 10000 Notfallpatienten. Jährlich werden es 500 bis 1000 mehr. Durch zusätzliche Nothilfebetten erreichen wir kurzfristig zunächst mehr Flexibilität. Nach dem Umzug in den Neubau im Jahr 2018 haben wir dann hoffentlich Verhältnisse wie in anderen gut funktionierenden Krankenhäusern.

Zur Person

Claus-Dieter Heidecke (62) wurde in Frankfurt am Main geboren. Er studierte Medizin in Regensburg und München, promovierte an der TU München. Zweieinhalb Jahre verbrachte er mit einem Stipendium der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) in Harvard (USA). Heidecke kehrte an die TU München zurück, habilitierte sich dort, absolvierte seinen Facharzt, wurde Oberarzt. 2001 übernahm er an der Universitätsmedizin den Lehrstuhl für Allgemeine und Viszeralchirurgie und die Leitung der Chirurgischen Klinik als Direktor. Bis 2012 war er Studiendekan der Medizinischen Fakultät. 2011 schloss er den Masterstudiengang Gesundheitsmanagment ab.

Interview: Katharina Degrassi

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