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Experiment in der Kita: „Unser Spielzeug macht Urlaub!“

Greifswald Experiment in der Kita: „Unser Spielzeug macht Urlaub!“

Für sechs Wochen lagern alle Spielsachen auf dem Dachboden der Kita Arche Noah, machen die Erzieher keine Angebote. Eine Herausforderung für alle. Und eine Chance.

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Quelle: Sybille Marx

Greifswald. Die Barbies sind weg, die Puppenhäuser, das Lego, die Brettspiele, die Roller... in der Kita Arche Noah in Greifswald herrscht derzeit ungewohnte Leere: Vor etwa zehn Tagen haben die Erzieher und die älteren der 100 Kinder alle Spielsachen feierlich auf den Dachboden verbannt. Sechs Wochen bleiben sie dort unter Verschluss. „Unser Spielzeug macht Urlaub“, erklärt eine Vierjährige.

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Für sechs Wochen lagern alle Spielsachen auf dem Dachboden der Kita Arche Noah, machen die Erzieher keine Angebote. Eine Herausforderung für alle. Und eine Chance.

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Kein Spielzeug in der Kita. Und was sollen die Kinder den ganzen Tag machen? „Ungefähr das haben wir gedacht, als unser Älterer die spielzeugfreie Zeit zum ersten Mal mitgemacht hat“, erzählt Christian Hanke, Vater des fünfjährigen Kitakinds Tristan. Er lacht. Die Sorge sei aber unnötig gewesen. „Tristan findet diese Zeit toll, er verfolgt dann so viele eigene Ideen.“

Nach Langeweile sieht es an diesem Donnerstag in der Einrichtung nahe dem Uniklinikum tatsächlich nicht aus. Tristan und ein paar andere Kinder haben sich in die Werkstatt zurückgezogen, basteln mit Kleber, Farben, Holzresten oder leeren Joghurtbechern Schiffe, Körbe oder „Erfindungen“, während draußen ein paar Kinder Fangen spielen. Denn natürlich ist nicht jeder Gegenstand tabu, mit dem sich spielen lässt, und schon gar nicht jede Spielidee. Nur Spielzeug, das der Phantasie kaum Raum lässt.

Vor elf Jahren war dieses Experiment in der Arche Noah zum ersten Mal gestartet. „Wir hatten damals das Gefühl, dass die Kinder gar nicht mehr phantasievoll spielen können, sondern eher be-spielt werden von Erwachsenen“, erzählt Kita-Leiterin Irene Assmann. Schlüsselmoment sei eine Fahrt in den Wald gewesen. „Die Kinder haben mich dort ganz enttäuscht gefragt, was es denn gibt außer Bäumen!“

Für Irene Assmann war klar: Irgendetwas muss sich ändern.

Mit Erziehern, Eltern, einem Suchtpräventionsexperten aus Bayern und einer Pädagogik-Professorin von der Fachhochschule Neubrandenburg führte sie zig Gespräche. „Es war ein langer Prozess“, sagt sie.

Am Ende stand das Konzept: Nicht nur das Spielzeug sollte mal verschwinden. Auch die vielen Programmpunkte, die sonst in der Kita angeboten würden, sollten pausieren, die Aufteilung in Gruppen zeitweise aufgelöst werden. „Uns war wichtig, dass die Kinder von sich aus Ideen entwickeln, was sie machen wollen und mit wem“, erklärt sie. „Und dass sie dafür Lösungen finden.“ Ein ähnliches Konzept, wie es reformpädagogische Kitas auch im Alltag verfolgen.

Im ersten Stock der Arche haben sich nun 15 Kinder in einen Kreis gesetzt, um mit Erzieherin Katrin Haschler den Vormittag auszuwerten. Wie es ihnen mit dem Freiraum erging? „Gut“, sagt einer. „Sehr gut“, ein anderer. Eine Sechsjährige erzählt, sie habe ein Boot gebaut, sich mit anderen geschminkt und dann „Sport gespielt“. Sie lächelt. „Ich war so glücklich wie sonst kein Mensch auf der Erde!“

Es gebe aber auch Kinder, die nicht gleich klarkämen, erzählt Katrin Haschler. „Manche sagen schon, mir ist langweilig.“ In solchen Fällen müsse sie sich bewusst zurückhalten. „Aber ich stelle natürlich helfende Fragen: Was könntest du tun, um das zu ändern?“ Und: „Was brauchst du dafür?“

Nach den sechs Wochen, die inzwischen jedes zweite Jahr anstehen, machen die Erzieher immer wieder die gleiche Beobachtung: „Viele der Kinder haben einen Entwicklungssprung hinter sich.“ Eben weil sie eigene Ideen entwickeln mussten, Verbündete finden, Materialien organisieren, Hilfe einfordern... „Die Kinder nehmen sich und ihre Fähigkeiten stärker wahr“, sagt Irene Assmann. Und sie kommunizierten mehr als sonst. „So werden sie stark für‘s Leben.“

Von Sybille Marx

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