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Farbklecks oder Bild?

Greifswald Farbklecks oder Bild?

Professor erforscht in Greifswald die Wahrnehmung von Kunstwerken.

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Nur ein Kunstwerk oder auch ein Bild? Johannes Grave betrachtet ein Gemälde von Torsten Zwinger im Kolleg.

Quelle: Eckhard Oberdörfer

Greifswald. Erneut ist mit Johannes Grave ein prominenter Caspar-David-Friedrich-Forscher Gastwissenschaftler (Fellow) am Krupp-Kolleg. 2012 hat er ein viel beachtetes, 225 Seiten dickes Buch über den Meister geschrieben. Dort geht der Professor für Historische Bildwissenschaft und Kunstgeschichte an der Universität Bielefeld auf Distanz zu Reinhard Zimmermann. Der Trierer Professor hatte 2011 als Fellow in Greifswald den Gesamtkatalog zu Friedrichs Schaffen überarbeitet. Für Zimmermann ist die Deutung der Bilder des Romantikers dank der von diesem gewählten Motive eindeutig. Grave lehnt das ab, für ihn sind die Bilder genau das nicht.

Das leitet zu der Grundlagenforschung hin, die der 38-Jährige ein Semester lang in Greifswald betreiben will. „Ich befasse mich mit der Zeitlichkeit unserer Bildwahrnehmung“, sagt er. „Beim Studium der Werke von Caspar David Friedrich bin ich auf dieses Phänomen gestoßen.“ Als ein prominentes Beispiel nennt er den „Mönch am Meer“. Die von Clemens Brentano und Heinrich von Kleist stammenden Zeilen aus dem Jahr 1810 sind in der Welt der Kunstinteressierten heute noch präsent. „... das, was ich in dem Bilde selbst finden sollte, fand ich erst zwischen mir und dem Bilde, nämlich einen Anspruch, den mein Herz an das Bild machte, und einen Abbruch, den mir das Bild tat“, heißt es dort.

Es mache sozusagen bei der Betrachtung etwas mit uns, stimmt Grave zu. „Das Bild hat eine suggestive Macht, wir fühlen uns hineingezogen“, versucht er das Problem zu verdeutlichen. Zeit habe offensichtlich eine Bedeutung für die Wahrnehmung, was bisher zu wenig beachtet worden sei, sagt Grave. Deren Struktur und Gestaltung können den zeitlichen Prozess der Bildwahrnehmung erheblich beeinflussen, meint er. Das will er genauer begrifflich fassen, die Analyse standardisieren.

„Sehe ich ein Boot auf einem Bild oder nur Farbkleckse?“, verdeutlicht Grave die Problematik ganz praktisch. Gerade bei der Betrachtung der Bilder von Impressionisten leuchte das sofort ein, aus Klecksen werden sozusagen erst in der Wahrnehmung beispielsweise Blumen. Nicht jedes Kunstwerk müsse ein Bild sein. Im Krupp-Kolleg gibt es dafür genug Beispiele. Die dort hängenden Werke des Greifswalder Malers Torsten Zwinger erschließen sich auch erst in einem zeitlichen Prozess.Heute 18.30 Uhr spricht Johannes Grave im Krupp-Kolleg über „Der Akt des Betrachtens. Über Zeiterfahrungen vor Bildern“.

 



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