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Greifswald Franzburger Pastor: „Das ist blanke Schikane“
Vorpommern Greifswald Franzburger Pastor: „Das ist blanke Schikane“
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00:01 02.02.2018
Igor und Elena Lagutin sitzen in der Stralsunder Anwaltskanzlei und bangen um ihre Kinder. Quelle: Foto: Stefan Sauer

Franzburg. „Ich habe Angst“, sagt Elena Lagutina mit zittriger Stimme. Kreideweiß sitzt die 42-Jährige aus der Ukraine am Mittwochabend in der Kanzlei der Stralsunder Anwältin Sonja Steffen. Sie ist verzweifelt, denn sie weiß, dass die Polizei ihre Kinder abholen wollte. Als sie mit ihrem Mann Igor den Deutschkurs an der Hochschule besuchte, klingelte ihr Telefon zweimal. Sowohl die 15-jährige Tochter, die das Gymnasium in Grimmen besucht, als auch der 13-jährige Sohn, der in Franzburg zur Schule geht, hatten weinend erzählt, dass sie im Polizeiauto sitzen. Igor Lagutin, russischer Staatsbürger, tröstet seine Frau, doch auch er weiß nicht, wann sie ihre Kinder wiedersehen. Von einer Inobhutnahme durch das Jugendamt ist die Rede.

Zwangsräumung für ukrainisch-russische Flüchtlingsfamilie / Polizei-Präsenz vor der Kita ließ Gerüchteküche brodeln

Sicheres Land?

Die Ukraine gilt als sicheres Herkunftsland.

Das sind Staaten, bei denen aufgrund der allgemeinen politischen Verhältnisse die gesetzliche Vermutung besteht, dass dort weder politische Verfolgung noch unmenschliche oder erniedrigende Bestrafung oder Behandlung stattfindet. Um Asyl zu bekommen, muss man das Gegenteil belegen.

Der Familienvater erzählt, dass die Lagutins ihre Wohnung am Franzburger Platz des Friedens räumen sollten. „Wir sollen nach Tribsees oder Barth ins Flüchtlingsheim“, sagt er in gebrochenem Deutsch und meint: „Wir haben vier Kinder, die gehen hier zur Schule und in die Kita. Wir wollen nicht weg. Außerdem ist meine Frau schwer krank, muss oft in die Klinik. In Franzburg haben wir viel Hilfe.“

Er zeigt seinen Anstellungsvertrag bei einer Güstrower Firma, gültig ab 1. Februar, berichtet von der Deutschförderung seiner kleinen Tochter und erzählt stolz, dass die Älteste, auch auf dem Gymnasium in Grimmen und gerade im Praktikum, ein Hochbegabten-Stipendium bekommen soll.

Die Flüchtlingsfamilie ist vor gut drei Jahren aus dem Krisengebiet um Donezk nach Deutschland gekommen. Asyl haben sie trotz mehrfacher Klagen nicht bekommen, leben aber in der so genannten Duldung.

Das heißt, sobald ihre Reisepässe vollständig sind, werden sie abgeschoben, so die Information vom Landkreis. „Wenn das so ist, fragt man sich, warum die Familie dann noch mal umziehen soll“, sagt Sonja Steffen.

Die Stralsunder Anwältin, die für die SPD im Bundestag sitzt, vertritt die Lagutins bei der Klage gegen den Umzug. Am meisten stört sie, dass der Kreis nicht in die Familie schaut, sondern eine Einzelfallprüfung ablehnt. „Schlimm finde ich, dass die Polizei bei der Fünfjährigen in der Kita auftaucht. Ein Kind als Druckmittel, um an die Eltern ranzukommen – das geht gar nicht.“

Gegen 13.30 Uhr war der Funkstreifenwagen vor der Franzburger Kita Storchenparadies vorgefahren. Drogenrazzia oder Schlägerei? Die Gerüchteküche brodelte. „Polizei vor der Kita – das sorgt schon für Aufsehen. Aber zum Glück hat die kleine Pauljana nicht mitbekommen, wie hinter den Kulissen um sie gerungen wurde“, sagt Kita-Leiterin Anja Schwebke und ergänzt: „Ich kann das Kind nur mit einem richterlichen Beschluss oder mit Vollmacht der Eltern rausgeben.“ Genau diese Vollmacht hatte sich Pastor Axel Prüfer besorgt, während die Polizei draußen wartete.

Im Rahmen eines Amtshilfeersuchens des Landkreises unterstützten die Beamten der Grimmener Polizei die Maßnahme, wie Polizeisprecherin Ilka Pflüger auf Anfrage der OSTSEE-ZEITUNG erklärte. „Da die Eltern für die Polizei und die Mitarbeiter des Landkreises nicht zu sprechen waren, wurden zwei Kinder in Obhut genommen.“ Laut Pflüger haben Zivilkräfte die 15-jährige Tochter vom Gymnasium Grimmen nach Franzburg gefahren. „Der 13-jährige Sohn ist in der Stadt Franzburg angetroffen worden. Die fünfjährige Tochter blieb in der Kita. Die Streifenwagenbesatzung hielt sich vor der Einrichtung auf, weil die Inobhutnahme der Kinder nicht geklärt war. Bis zu einer Entscheidung sorgte die Polizei für das Wohl und die Sicherheit der Kinder“, betonte die Sprecherin.

„Ich wollte natürlich nicht, dass die Kinder, die völlig verängstigt waren und hier nur benutzt wurden, vom Jugendamt abgeholt werden. Die haben schon genug mitgemacht“, sagt Pastor Prüfer. Nach mehrstündigem Hin und Her konnte er schließlich alle Kinder mit ins Pfarrhaus nehmen. Dort trafen am Abend auch die Eltern ein. „Sie waren ja quasi obdachlos. Deshalb haben sie im Pfarrhaus übernachtet“, so Axel Prüfer. Er hatte dem Kreis im Auftrag der Kirchengemeinde angeboten, für ein Jahr die Miete der Lagutins zu übernehmen. Die Behörde lehnte ab. „Es geht also nicht ums Geld, sondern ums sture Durchsetzen von irgendwelchen Richtlinien“, ärgert sich Prüfer und spricht von blanker Schikane.

Bis die Eilentscheidung vom Gericht da ist, werde man nach einer vernünftigen Lösung für die Familie suchen.

Ines Sommer

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