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Frühere Armenschule erstrahlt in neuem Glanz

Greifswald Frühere Armenschule erstrahlt in neuem Glanz

Der Greifswalder Rechtsanwalt Volker Bulla hat das vom Abriss bedrohte Gebäude in der Wollweberstraße gerettet. Bauherrin war die Bürgermeistertochter Johanna Odebrecht.

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Rechtsanwalt Volker Bulla hat die vom Abriss bedrohte frühere Armenschule in der Wollweberstraße gerettet.

Quelle: Eckhard Oberdörfer

Greifswald. Aus der Schwangerenberatung der DDR-Zeit wurde ein Haus der Rechtsberatung. Der Greifswalder Rechtsanwalt Volker Bulla hat das vom Abriss bedrohte Gebäude in der Wollweberstraße 4 saniert und dabei gerettet, was noch zu retten war. Jetzt hat hier die Kanzlei Bulla-Ehmke-Ewald ihren Sitz. Außerdem entstanden sechs Wohnungen.

Nach fast einem Jahr Bauzeit stehen die Arbeiten vor dem Abschluss. Es war Rettung in letzter Minute. Der Verkäufer, die Universität, hatte das Gebäude abreißen wollen, bekam aber von der Stadt keine Genehmigung (die OZ berichtete).

„Ich finde es traurig, wenn alte Häuser verfallen“, beschreibt Volker Bulla seine Motivation. Er habe auch schon das unsanierte Gebäude Lange Straße 48a übernehmen wollen, erzählt Bulla. Aber der Eigentümer wolle nicht verkaufen. Und bei einem zweiten städtischen Sorgenkind, der Steinbeckerstraße 35, seien die Auflagen der Denkmalpflege einfach zu hoch gewesen. „Durch Zufall habe ich dann von diesem Haus in der Wollweberstraße gehört“, sagt Volker Bulla. Es war der Beginn eines Abenteuers. „Denn der Zustand des Gebäudes war noch schlechter als erwartet“, sagt der Anwalt. Durchgefaulte Balken, Schimmel, Wasser im Keller. „Die tatsächlichen Baukosten liegen um ein Viertel über den geplanten“, verdeutlicht er das Problem.

Aber jetzt erstrahlt ein für Greifswald sehr wichtiges Geschichtsdenkmal in neuem Glanz. Denn ursprünglich war das Haus eine Armenschule, eine Stiftung der Bürgermeistertochter Johanna Odebrecht (1794 bis 1856). Ihr Name ist bis heute durch die nach ihr benannte Stiftung und die Gebäude an der Gützkower Landstraße sehr präsent in Greifswald.

Zur Geschichte des Grundstücks hat Bulla viel Interessantes im Bauarchiv und im Stadtarchiv, insbesondere der Häuserchronik, herausgefunden. Johanna Odebrecht richtete an gleicher Stelle demnach schon 1840 eine Freischule ein. Das heißt, es musste kein Schulgeld gezahlt werden. 1842 ließ die Bürgermeistertochter den Vorgängerbau abreißen und baute neu. Unterrichtet wurden hier nur Mädchen.

Johanna Odebrecht hat teils sogar selbst vor den Schülerinnen gestanden und sorgte auch für deren Beköstigung und Kleidung. Wie es in einem Buch zur „Geschichte der Stiftungen städtischen Patronats“

von 1899 heißt, wollte das strenge Fräulein Töchter aus dem Arbeiterstande, besonders solche, „die der Gefahr der sittlichen Verwahrlosung ausgesetzt waren“ hier „zu brauchbaren sittlichen Dienstboten“ heranbilden. Etwa 50 Schülerinnen wurden unterrichtet. Von einer „vollständigen Erziehungsanstalt, deren fast klösterliche Zucht und Strenge übrigens zu mancherlei Differenzen mit dem Aufsichtspersonal führte“, ist 1899 in der Rückschau die Rede. In ihrem Testament ging Odebrecht vom dauerhaften Erhalt der Einrichtung aus. Unterrichtet werden sollte auf Grundlage „des wahren lebendigen Christentums nach dem lauteren und unverfälschten Inhalt der Bibel und der Bekenntnisschriften der evangelischen Kirche“. Nur Lesen, Schreiben, Rechnen, Singen und Sticken waren erlaubte Fächer. Mit zwei Klassen und höchstens 75 Schülerinnen bestand die Einrichtung nach dem Tod der Bürgermeistertochter weiter. Das Ende kam 1886. Die Mittel der Odebrechtschen Stiftung reichten nicht, um nach dem Tod eines Lehrers neben einer Witwenpension auch noch weitere Lehrkräfte zu bezahlen.

In der Wollweberstraße 4 wohnten später unter anderem Medizinprofessoren, so der Erbauer des Instituts für Pathologie, Friedrich Grohe, und der Chirurg Heinrich Helfferich. Er regte den Neubau der Chirurgischen Klinik an. 1924 erwarb die Universität das Haus für 50000 Mark und nutzte es für Institute und Wohnungen.

Das Haus der Hochschule

1930 befand sich im Haus das Romanische Seminar. Es wurde der wichtigste Nutzer des Hauses.
1933 bekam die Studentenschaft Arbeitsräume und 1940 zogen Schwestern des Frauenklinik mit ein.
In der DDR war das Haus Schwangerenberatungsstelle. Nach der Wende waren zuletzt noch die studentischen Moritzmedien und 2008 bis 2011 der Trägerverein des Greifswalder internationalen Studentenfestivals ansässig.

 



Eckhard Oberdörfer

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