Menü
Ostsee Zeitung | Ihre Zeitung aus Mecklenburg-Vorpommern
Anmelden
Greifswald Gedemütigt, misshandelt, ausgelacht
Vorpommern Greifswald Gedemütigt, misshandelt, ausgelacht
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
06:02 15.09.2018
Zu DDR-Zeiten im Kinderheim: Sven Wolff und Annegret Bornefeld am Greifswalder Museumshafen. Quelle: Petra Hase
Greifswald

Kinder können grausam sein. Diese Erfahrung haftet im Gedächtnis von Annegret Bornefeld, obwohl die furchtbaren Erlebnisse nun schon rund drei Jahrzehnte zurückliegen. Erlebnisse aus ihrer Zeit im Greifswalder Kinderheim „Herta Geffke“ am Karl-Marx-Platz 19. Dort, wo sie demütigt, geschmäht, geschlagen wurde.

In einer Intensität, die Grund genug war, um eine Entschädigung aus dem „Hilfsfonds für DDR-Heimkinder“ zu beantragen und schließlich auch zu erhalten. Ein kleines Trostpflaster auf tiefen Wunden.

Doch selbst das liegt schon ein paar Jahre zurück. „Es gelingt mir einfach nicht, das Erlebte zu vergessen, ich kann es nicht in eine Schublade legen und gut ist’s. Die Erinnerung kommt immer wieder“, sagt die heute 43-jährige Pflegehelferin. Trotz psychologischer Aufarbeitung hat sie dieses Kapitel ihrer Biografie noch nicht zugeschlagen. Wohl auch deshalb ist die Stralsunderin auf der Suche nach einer ehemaligen Erzieherin: „An Brigitte Breier erinnere ich mich gern, war sie doch wie eine Mutter zu uns. Mit ihr wurden die oft schweren Zeiten erträglicher. Wir würden sie gern noch einmal wiedersehen, einfach mal so mit ihr reden“, sagt die zierliche Frau und spricht auch im Namen von Sven Wolff. Der 45-Jährige kam im Alter von zehn Jahren in das Greifswalder Heim – erlebte es aber ganz anders als Bornefeld. „Ich hatte nicht die Probleme, konnte mich immer durchsetzen“, sagt der kräftige Mann.

Von der Mutter geschlagen,von der Oma getrennt

Annegret Bornefeld betrat das Greifswalder Kinderheim zum ersten Mal 1987 im Alter von elf Jahren. „Es war der 15. Januar“, weiß sie noch ganz genau. „Zuvor hatte ich bereits einige Wochen in der Stralsunder Psychiatrie zugebracht“, erzählt sie. Doch nicht etwa ein labiler Gemütszustand, wie sich vermuten lässt, habe zu diesem Aufenthalt geführt. „Vielmehr war es so, dass in Greifswald kein Heimplatz frei war. Da man mich aber von meiner biologischen Mutter fernhalten wollte, wurde ich übergangsweise ins Krankenhaus West gesteckt“, schildert Bornefeld.

Das alles sei gegen ihren Willen geschehen. Dabei wollte sie doch so gern bei ihrer Oma bleiben. Bei der sei sie aufgewachsen, obwohl es sich nicht um ihre leibliche Großmutter gehandelt habe. „Sie hatte meine Mutter adoptiert und damals natürlich keine Ahnung, was für ein böser Mensch aus ihr wurde“, sagt Annegret Bornefeld. Regelmäßig sei sie bei ihnen aufgetaucht und habe sie beide geschlagen. „Ich meinte zu Großmutter, dass wir uns doch wehren müssten. Doch sie verneinte dies, man müsse es aushalten, könne nichts dagegen tun“, erinnert sich Annegret Bornefeld kopfschüttelnd und fügt hinzu: „Immer wieder hatte ich blaue Flecken oder ein blaues Auge, sodass meine Lehrer in der Schule schließlich einschritten. Da meine Oma schon 60 Jahre alt war, wurde entschieden, dass ich ins Heim komme.“

War Annegret Bornefeld schon vorher ein eher schüchternes Kind, sollte sich ihre Scheu noch potenzieren. Sie geriet zunehmend in den Fokus von Halbwüchsigen, die sich als Heimkinder offenbar nicht anders zu behaupten wussten, als Schwächere zu malträtieren. „Sven Wolff gehörte nicht dazu. Der war nämlich schon raus aus dem Heim, als ich rein musste“, betont sie. Hänseleien, kleine und große Boshaftigkeiten sowie Schläge unter der Dusche etwa gehörten zu ihrem Alltag. „Erzieher sahen es nicht oder wollten es nicht sehen“, sagt Annegret Bornefeld verständnislos.

Häufig habe sie nur Ekel empfunden, wenn andere Heimkinder „rauchten und tranken oder in meinem Bett rummachten“. Wer sich nicht beteiligte, sich von den Cliquen fernhielt, versetzte sich selbst in eine Außenseiterposition. Eine beste Freundin? Fehlanzeige. Zuletzt habe sie ihre wenigen Habseligkeiten immer bei sich getragen, aus Angst davor, sie könnten auch noch verschwinden oder zum Gespött der Gruppe werden.

„Rückblickend weiß ich“, resümiert Annegret Bornefeld, „dass für einige Kinder das Heim eine Wohltat war. Für mich aber war es die schlimmste Zeit, die ich je erlebt habe. Ich habe sehr darunter gelitten.“ Zeitgleich verschlechterten sich ihre Leistungen in der Schule. „Ich war zwar zielstrebig, aber ich hatte nicht die Unterstützung, wie sie andere im Elternhaus erhielten“, sagt sie. Zudem seien auch dort die Heimkinder allgegenwärtig gewesen: „Wer im Heim lebte, besuchte die POS ,August Bebel’ am Wall“, erzählt sie. Unverstanden und ungeliebt verließ sie nach der 8. Klasse die Schule und begann eine Hauswirtschaftslehre. „Das hat mich richtig traurig gemacht. Ich wollte das gar nicht. Ich wollte mehr, hätte gern die 10. Klasse gemacht. Doch ich konnte mich nicht durchsetzen“, räumt sie ein. Nach dem Abschluss ergriff sie dann aber die Chance, umzusatteln: Kinderpflegerin war ihr Wunschberuf. Mit 17 Jahren zog sie wieder zurück zur Großmutter und besuchte die Pflegeschule am Sund. Endlich schien alles gut zu werden. Doch das Schicksal meinte es nicht gut mit ihr: „Kaum hatte ich die neue Ausbildung begonnen, starb auch schon meine Oma“, berichtet Annegret Bornefeld tief bewegt. Der letzte liebe Mensch, dem sie vertraute, war von ihr gegangen.

Trotz der ErlebnisseLebensmut behalten

Der Lebensmut hat das damals 18-jährige Mädel trotzdem nicht verlassen. Die Stralsunderin, eine durchaus lustige, aufgeweckte, ja offenherzige Frau, lernte einen jungen Mann kennen, heiratete. Ihre gemeinsame Tochter ist ihr Sonnenschein, absolviert gerade eine Ausbildung. Und obwohl sich doch alles noch zum Guten fügte, ist Annegret Bornefeld schreckhaft geblieben. „Wenn sich von hinten mal jemand unbemerkt nähert, zucke ich zusammen...“

Sven Wolff indes sagt: „Ich habe die Heimzeit schon lange abgehakt.“ Er und seine zwei Jahre ältere Schwester seien nach Greifswald ins Heim gekommen, „weil unser Vater im Schichtdienst auf der Werft gearbeitet hat und sich nicht ausreichend um uns Kinder kümmern konnte“. Mit der Zeit habe er abgeschlossen, wenngleich ihm manches in Erinnerung geblieben sei und er die Schilderungen Bornefelds nachvollziehen könne. Ein Erzieher etwa sei bei den Kindern berühmt berüchtigt dafür gewesen, „dass er gern mit seinem dicken Schlüsselbund zuschlug“. Auf einem Internetportal berichten andere ehemalige Heiminsassen ähnliche Vorfälle. Sven Wolff dazu: „Wer sich da nicht wehren konnte, hatte es schwer.“

Mit 14 Jahren ging es für ihn wieder zurück nach Hause. „Ich lernte Gleisbautechniker, lebe heute in Hamburg und arbeite mittlerweile als Disponent“, sagt der alleinstehende Mann zufrieden. Dennoch ziehe es ihn hin und wieder nach Greifswald. „Die Stadt ist schön, im Urlaub komme ich gern hierher.“ Das Haus allerdings, in dem das Kinderheim „Herta Geffke“ untergebracht war, kann er nicht mehr besuchen. Es wurde im Herbst 2009, damals akut einsturzgefährdet, abgerissen. Nach der politischen Wende hatten Jugendliche das Haus besetzt, zuletzt war es Domizil für das Café „Quarks“.

Hase Petra

Bürgerschaft streitet um Möglichkeiten, günstigen Wohnraum zu schaffen

15.09.2018

Beate Kempf-Beyrich und Tilman Beyrich werden morgen als neue Pastoren der Domgemeinde in ihr Amt eingeführt

15.09.2018

Greifswald. Egal ob Verwaltung, Bundeswehr oder ein sozialer Beruf bei der Diakonie, wie ihn Franziska Höhne (Foto oben) vorstellt: Die rund 1600 Besucher auf der ...

15.09.2018