Volltextsuche über das Angebot:

3 ° / 2 ° Schneeregen

Navigation:
„Gericht schließt in diesem Sommer“

Wolgast „Gericht schließt in diesem Sommer“

Der Wolgaster Amtsgerichtsdirektor Andreas Hennig weiß, dass nun weite Wege auf die Menschen zukommen.

Voriger Artikel
Radweg am Hansering wird aufgehübscht
Nächster Artikel
Auf der Suche nach dem Heiligen Land

Andeas Hennig, der noch amtierende Direktor des Amtsgerichtes in Wolgast.

Quelle: Carolin Riemer

Wolgast. Eine Vorzimmerdame oder eine Verwalterin hat der Direktor im Amtsgericht Wolgast seit einem halben Jahr nicht mehr. Andreas Hennig geht nun allein ans Telefon, bestellt sein Büromaterial selbst und weist die Bezahlung der Rechnungen eigenständig an. Ungewöhnliche Aufgaben für einen Mann, der als Direktor und Richter am Amtsgericht Wolgast beschäftigt ist — und das seit 1994.

Das Vorzimmer ist nicht besetzt „Manchmal ist es unhöflich wenn ich ein Gespräch unterbrechen muss, weil das Telefon pausenlos klingelt“, sagt der 57-Jährige entschuldigend. Kaffee trinkt der Richter nicht und seinen Tee habe er schon immer allein gekocht, auch als er noch eine Verwalterin hatte, die im Vorzimmer des Richterbüros ihrer Arbeit nachging. Nun ist die Dame in Pension — eine Nachfolgerin gibt es nicht.

Seit 1896 wird in dem Gebäude in der Breiten Straße in Wolgast Recht gesprochen. Damit wird im Sommer anscheinend endgültig Schluss sein. Das sogenannte Gerichtsstrukturänderungsgesetz hat vieles verändert, damit mussten sich der Richter und auch seine etwa 30 Mitarbeiter abfinden.

Gericht schließt zum 31. August „Ab dem 31. August werden wohl beide Gerichtsgebäude in der Breiten Straße leer stehen“, sagt Andreas Hennig. „Eine traurige Geschichte. Wenn ich daran denke, blutet mein Herz.“ Trotz Unterschriftenlisten, trotz Beistand aus so manchem Lager der Politik — der Umzug des Gerichts in die Hansestadt Greifswald scheint beschlossene Sache. Aus 21 Amtsgerichten in MV werden zehn. Dazu kommen sechs Zweigstellen. Das beschloss die rot-schwarze Koalition bereits im Jahr 2013.

Lange Wege für die Menschen „Auf die Menschen aus Wolgast und von der Insel Usedom kommen dann lange Wege zu“, sagt der Richter und die Verärgerung ist von seinem Gesicht abzulesen. „Stellen Sie sich vor, eine alte Frau deren Mann gerade gestorben ist, vergisst ein Dokument für ihren Termin bei Gericht. Sie muss den weiten Weg dann noch einmal in Kauf nehmen — mit dem Bus oder der Bahn. Das ist teuer, wenn man nur eine kleine Rente bezieht. Und Briefe schreiben die Menschen nur selten, da sich viele Fragen erst im persönlichen Gespräch ergeben.“

Viele zahlen keine Miete Es gibt viele Verhandlungen am Amtsgericht Wolgast. Andreas Hennig verhandelt überwiegend zivile Straftaten. Gestern Morgen waren es drei Räumungsklagen, weil die Beklagten länger als zwei Monate ihre Miete nicht mehr zahlen. Danach stand ein Mann bei ihm vor Gericht, der seine Heizgas-Lieferung nicht beglich, und am Nachmittag urteilte er über einen Zinnowitzer Geschäftsmann — Mietschulden brachten auch ihn vor Gericht. „Ein ganz normaler Tag. Nichts allzu dramatisches“, sagt Hennig. Etwa 30 Menschen müssen jährlich ihre Wohnungen räumen, weil sie mit den Mietzahlungen in Verzug gerieten. Dabei weiß Hennig, dass vor allem die großen Wohnungsgesellschaften mit sich reden lassen. „Der größte Fehler ist, den Kopf in den Sand zu stecken“, mahnt der Richter. Oft habe er das Gefühl, dass die Briefe des Vermieters gar nicht mehr geöffnet werden. Die Wohnungsgesellschaften helfen auch bei der Beantragung von Unterstützung. Trotzdem komme es immer wieder zu den Verhandlungen.

Weniger Jugendliche vor Gericht Dem Richter ist auch aufgefallen, dass heutzutage „viel weniger“ Jugendstrafsachen verhandelt werden. „Das liegt eventuell nur daran, dass es weniger Jugendliche in der Region gibt, als vor zehn Jahren.“ Doch die Taten seien brutaler geworden. „Es wird nicht mehr mit der Faust zugeschlagen, sondern mit den Füßen getreten. Den jungen Leuten ist nicht bewusst, welche Verletzungen sie damit anrichten. Und dass sie sich auch ihr Leben damit ruinieren.“ Oft ist der Richter schockiert, dass die Auswirkungen nicht bedacht werden. „Wenn ich jemandem einen bleibenden Schaden zufüge, bedeutet es, dass ich für den Rest meines Lebens für ihn zahlen muss. Es greift keine Versicherung, keine Insolvenz kann mich bei solchen vorsätzlichen Taten von der Zahlung befreien — die Jugendlichen stürzen sich damit in eine lebenslange Verschuldung.“ In der ländlichen Region der Insel sind auch oft Haustiere Schuld, dass die Besitzer vor Gericht landen. Schnatternde Gänse, gackernde Hühner, bellende Hunde. „Einmal war es auch ein laut zwitschernder Kanarienvogel“, erinnert sich Hennig. Gemeuchelte Gartenzwerge musste er hingegen noch nie verhandeln.

Volksbegehren
Unabhängig von der Änderung der Gerichtsstruktur prüft die Landeswahlleiterin derzeit die knapp 150000 Unterschriften von Gegnern der Gerichtsstrukturreform MV, die am 9. Dezember 2014 an Landtagspräsidentin Sylvia Bretschneider übergeben wurden. Für das angestrebte Volksbegehren sind 120000 gültige Unterschriften nötig; dann muss sich der Landtag nochmals mit dem Anliegen befassen. Perspektivisch ist ein Volksentscheid ins Auge gefasst. Initiiert wird das Volksbegehren vom Richterbund und dem Verein Pro Justiz.

 



Carolin Riemer

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr zum Artikel
Wolgast
Andreas Hennig ist der Direktor im Amtsgericht Wolgast.

Der Direktor des Wolgaster Amtsgerichtes Andreas Hennig rechnet zum 31. August 2015 mit einem Umzug nach Greifswald.

mehr
Mehr aus Greifswald
Verlagshaus Greifswald

Johann-Sebastian-Bach-Str. 32
17489 Greifswald

Öffnungszeiten:
Montag bis Donnerstag
10.00 bis 17.00 Uhr
Freitag
10.00 bis 15.30

Leiterin Lokalredaktion: Katharina Degrassi
Telefon: 0 38 34 / 79 36 74
E-Mail: greifswald@ostsee-zeitung.de

Benjamin Barz Ostsee-Zeitung Ostsee-Zeitung Physik,Kernphysik,Wendelstein,Plasmaphysik,Atome Teaser der den User auf die Themenseite führen soll image/svg+xml Image Teaser Wendelstein 7-X 2015-09-23 de Themenseite Wendelstein 7-X In der Fusionsanlage des Max-Planck-Instituts in Greifswald wird erforscht, ob sich die Kernfusion zur Energiegewinnung eignet. Hier finden Sie Artikel, Videos und viele weitere Informationen zum Thema.
Städtewetter
Heute -° / -° -
- -°/-° -
- -°/-° -
RSS-Feeds

Wissen, was in Rostock und der Welt los ist

Benjamin Barz Ostsee-Zeitung Ostsee-Zeitung Lererbriefe, Meinung, Teaser der den User auf die Seite "Leserbriefe" führen soll image/svg+xml Image Teaser „Leserbriefe“ 2015-09-23 de Meinung Ihre Leserbriefe Über unser Kontaktformular können Sie uns gern Lob, Kritik, Ideen oder andere Anmerkungen zu aktuellen Themen aus Ihrer Region, MV und der Welt zusenden. Wir freuen uns auf Ihre Meinung. Hier geht es zum Formular.