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Greifswald Aufklärung für Fortgeschrittene
Vorpommern Greifswald Aufklärung für Fortgeschrittene
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18:22 07.11.2018
Verschiedene Verhütungsmittel, die den Schülern im Aufklärungsunterricht präsentiert werden. Quelle: Stefanie Ploch
Greifswald

Die Siebtklässler des Jahn-Gymnasiums sitzen gespannt auf ihren Plätzen. Einige kichern, andere erröten, denn sie kennen schon das Thema des Tages: Sexualkunde. Sechs Studenten und Auszubildende betreten den Raum, in ihren Händen Holzstäbe, die Penissen ähneln. „Mit Sicherheit Verliebt“, kurz MSV, heißt das Projekt der jungen Aufklärer, die mit den Schülern über das „erste Mal“, Geschlechtskrankeiten und die Pubertät reden. „Die Lehrer sind dabei nicht im Raum“, sagt Projektmitarbeiter Marko Gantikow (23). „Dann ist die Atmosphäre entspannter.“

Zunächst stellen die Jugendlichen ein Sex-Alphabet auf, bei dem jeder Buchstabe einem Begriff aus dem Sexleben zugeordnet wird. Diskussionen und ein erster Erfahrungsaustausch sind schnell im Gange. Später wird nach Jungs und Mädchen getrennt weitergearbeitet, um die Hemmungen möglichst gering zu halten.

Die Lehrer finden das Angebot des Projektes interessant: „Außerschulische Angebote sind wichtig und bieten auch ganz andere Materialien. Man sollte sie nutzen“, sagt Lehrer Dirk Grube vom Friedrich-Ludwig-Jahn-Gymnasium. Zu den verwendeten Materialien an den Schulen gehören vor allem Arbeitsblätter und ein Lehrbuch.

Der Aufklärungsunterricht in Mecklenburg-Vorpommern ist im Rahmenplan für die Klassenstufe 7 vorgesehen. Die Jugendlichen sind dann 13 Jahre alt und schon mitten in der Pubertät. Im Sexualkundeunterricht spielen vor allem die biologischen Vorgänge bei der Fortpflanzung eine Rolle.

Schüler wollen mehr über Gefühle wissen als über den Aufbau von Geschlechtsorganen

Doch ist das wirklich ausreichend? Schüler der 12. Klasse erinnern sich an ihren Sexualkundeunterricht. „Das Thema wurde eher stiefmütterlich behandelt“, erzählt Max*. „Wir haben nur kurz am Ende des Schuljahres darüber geredet.“ Marie* war das Thema vor dem Lehrern unangenehm, mehr Informationen über Sex hätte sie sich von der Schule gar nicht gewünscht. Sie wende sich lieber an das Internet, ihre Geschwister oder ihre Freundinnen. Viele Schüler bestätigen, dass sie sich mehr über Gefühle unterhalten wollen anstatt alles über den Aufbau der Geschlechtsorgane zu lernen.

In den Gesprächen kommen auch sehr persönliche Dinge zur Sprache. „Die Jungs fingen an über das „Queefen“ zu lachen, als es darum ging dem anderen Geschlecht zehn Fragen zu stellen, die man im persönlichen Gespräch eher nicht stellt“, sagt Marko Gantikow. Queefen – Das ist der umgangssprachliche Ausdruck für den „Vaginal-Pups“, der gelegentlich beim Geschlechtsverkehr passiert. „Die Jugendlichen interessierten sich dafür, ob ich sowas schon mal mitbekommen hätte und wie ich damit umgegangen sei. Ich habe dann erklärt, dass es was normales ist, für dass sich keiner schämen braucht.“ 

Beim Gespräch mit den Studenten sind die Schüler offener, da der geringe Altersunterschied und die Anonymität die Hemmschwelle senken. „Die Frage, ob ich selbst Pornos schauen würde, kam auch schon vor“, erklärt Marko Gantikow. Obwohl diese Filme bei den Jugendlichen allgegenwärtig sind, spielen sie im Aufklärungsunterricht in der Schule keine Rolle.

Pornografie ist bei den Schülern ein Thema

Die Erfahrungen sind ganz unterschiedlich: Während Schüler Max* sich ganz offen mit seinen Freunden über Pornos unterhält, berichtet Lena* über immer mehr erotische Fotos von jungen Frauen auch auf Social-Media-Kanälen. Dort sei es normal, sich in Bikini und aufreizenden Posen ablichten zu lassen um bekannter zu werden. Jugendliche an Greifswalder Schulen seien da keine Ausnahme.

Lena* erinnert sich an eine Situation, bei der sich zwei Achtklässlerinnen in Unterwäsche fotografiert und diese Bilder einem Freund geschickt hätten, der diese weiter verbreitete: „Das Bild hatte fast jeder zweite auf seinem Handy. Jeder hat darüber geredet.“ Bei den Projekttagen des MSV wird auch über dieses sogenannte Sexting geredet. Das ist das Verschicken sexueller Nachrichten, meist mit erotischen Selbstaufnahmen. Es werde regelmäßig von „Sexting-Unfällen“ berichtet, sagt Jasmin Dorry von MSV. Seien die Bilder erstmal im Netz bekannt, gebe es kein zurück mehr. Schulleiter Kleemann betont, dass die Schüler lernen müssen, verantwortungsbewusster mit dem Internet umzugehen. Diese Aufklärung könne aber nicht nur die Schule übernehmen.

Nach dem alternativen Sex-Unterricht ist die Stimmung unter den meisten Schülern gelöst. Es sei nicht unangenehm gewesen Fragen zu stellen, da die Studenten sehr locker mit dem Thema umgingen, hieß es in den Bewertungen. Mit dem Projekt MSV schließen die Studenten eine Lücke der schulischen Aufklärung. „Die Aufklärung sollte aber nicht nur im schulischen Rahmen erfolgen, auch die Eltern sollten mit ihren Kindern darüber reden, auch, wenn es für sie unangenehm ist“, so Marko Gantikow. „Über Sex und Pornos zu sprechen sollte kein Tabu-Thema mehr sein.“

*Namen redaktionell geändert

„Mit Sicherheit verliebt“

„Mit Sicherheit Verliebt“ ist ein Projekt der AG Sexualität und Prävention der Bundesvertretung der Medizinstudierenden in Deutschland e.V. (bvmd).

Seit 2001 hilft es Jugendlichen, „eine selbstbestimmte und reflektierte (gesunde) Beziehung zu ihrer Sexualität zu entwickeln“, heißt es auf der Website des bvmd.

Stefanie Ploch

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