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Greifswald Grippe oder Schnupfen? Hier ist man den Keimen auf der Spur
Vorpommern Greifswald Grippe oder Schnupfen? Hier ist man den Keimen auf der Spur
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11:58 25.03.2019
Die Medizinisch-technische Assistentin Daniela Nagel begutachtet auf Nährmedium herangewachsene Bakterien. Quelle: Anne Ziebarth
Greifswald

Hatschi! Die Nase läuft, der Kopf dröhnt. Doch was hat man sich da eingefangen – ist es eine üble Grippe oder nur ein harmloser Schnupfen? Auflösung bringt in solchen Situationen erst der Gang zum Arzt. Der nimmt Proben, etikettiert sie und schickt sie dann gut verpackt in Tütchen auf die Reise ins Labor. Alles, was bei Haus- und Fachärzten zwischen Prenzlau, Bergen auf Rügen bis Greifswald in diese Tütchen wandert, landet in der Regel in Greifswald. Genauer gesagt, im Institut für Medizinische Diagnostik (IMD) in der Vitus-Bering-Straße oder in einem der Außenlabore, etwa im Sana Krankenhaus in Bergen auf Rügen oder dem Klinikum Anklam. Mehrere Tausend Proben aller Art werden in der Zentrale täglich untersucht, darunter nicht nur alle Arten von Körperflüssigkeiten, sondern auch Wundabstriche, Gewebeproben oder Punktate. „Zwei Drittel aller Diagnosen werden heute mithilfe von Laboruntersuchungen gestellt“, so Kristian Meinck, Facharzt für Laboratoriumsmedizin und Institutsleiter. „Wir können aber auch weitergehen und in Tests untersuchen, welche Therapie sinnvoll ist, also zum Beispiel welches Antibiotikum für das entsprechende Bakterium in Frage kommt.“ Die Methoden mit denen die Krankheitsursachen aufgespürt werden, haben Namen, die jeden Nicht-Fachmann an den Rand der Verzweiflung bringen. Mikropartikel-Enzymimmunoassay zum Beispiel, netter klingt da schon das Verfahren namens Doppel-Sandwich-ELISA. Noch netter klingt die Bezeichnung, welche die Mitarbeiter des Labors ihrer Abteilung für bakteriologische Untersuchungen gegeben haben: Der Kleintierzoo. „Eines der Verfahren mit dem man Bakterien bestimmen kann ist die laserbasierte Massenspektrometrie“, erklärt Veronika Balau, Fachärztin für Mikrobiologie und zeigt auf einen großen, unspektakulären Geräteturm. „Zunächst ziehen wir das Bakterium auf einem Nährboden an, bei einer Temperatur von 36 Grad – das ist die Wohlfühltemperatur für viele Bakterien - das dauert so etwa einen Tag.“ Anschließend wird das Bakterium im Gerät quasi in Einzelteile zerlegt und durch ein Flugrohr geschickt. „Jedes Bakterium erzeugt dabei ein ganz spezifisches Muster (Massenspektrum), anhand dessen wir es innerhalb nur wenigen Minuten analysieren können“, so Balau.

Für jeden Erregertyp gibt es andere Verfahren

Dr. Veronika Balau mit einigen der eingegangenen Blutproben. Quelle: Anne Ziebarth

Viren kommt man durch die Vermehrung ihres Erbgutes (PCR) und anschließender Analyse auf die Schliche, ebenfalls mithilfe von medizintechnischen Apparaten. Hier geht der Test schneller, innerhalb von drei Stunden ist das Ergebnis da. Eine Unterscheidung, ob es sich bei den möglichen Krankheitsauslösern um Viren oder Bakterien handelt, sei für die Behandlung immens wichtig – gegen Bakterien helfen Antibiotika, gegen Viren nicht. „Symptome wie Husten können sowohl auf eine Viruserkrankung hindeuten, aber auch auf eine bakteriell ausgelöste Lungenentzündung“, so Balau. Hat man den Übeltäter identifiziert, muss bei Bakterien häufig noch auf Resistenzen geprüft werden. Denn die Anzahl der Bakterientypen, die sich mit den üblichen Antibiotika nicht bekämpfen lassen, nimmt weiter zu. „Früher dachte man, mit Antibiotika hat man alle Infektionen im Griff“, beschreibt Professor Nils-Olaf Hübner, Facharzt für Hygiene und Umweltmedizin am IMD. „Dem ist aber nicht so. Unsere größte Waffe liegt im Bereich der Hygiene und im intelligenten Umgang mit den Erkrankungen.“ Patienten mit multiresistenten Keimen sollten nicht „weggesperrt“ werden, vielmehr sei es nötig, bereits im Vorfeld eine Wissensbasis über mögliche Infektionen zu schaffen und Ansteckungen zu verhindern. „Eine bessere Vernetzung aller Beteiligten ist wünschenswert, so dass Informationen von Hausarzt, Labor und Krankenhaus auch für alle abrufbar sind.“ Das Problem: Präventive Untersuchungen auf multiresistente Keime müssten bisher privat finanziert werden – somit werde oft erst im Krankenhaus entdeckt, dass der Patient multiresistente Erreger in sich trägt, sagt Hübner. „Das muss aber erst herausgefunden werden – die Zeit könnte man bereits in die optimale Behandlung des Patienten investieren.“ Gemessen an anderen Ländern wie Italien oder Spanien schneidet Deutschland im Hinblick auf Multiresistenzen gut ab. „Das liegt vor allem daran, dass dort viele Antibiotika frei verkäuflich sind. Der unkontrollierte Einsatz fördert die Verbreitung resistenter Stämme“, so Hübner. „Im Deutschlandvergleich steht Mecklenburg-Vorpommern allerdings nicht allzugut da. „Wir haben einen überdurchschnittlich hohen Anteil an älteren und gesundheitlich bereits angeschlagenen Menschen“, so Hübner. „Das sind häufig auch die Personengruppen, die Resistenzen gegen Antibiotika in sich tragen.“

Teamwork wird groß geschrieben

In komplizierten Fällen machen sich die Mitarbeiter des Labors auch gemeinsam auf die Suche nach dem Krankheitsauslöser. „Teamentscheidungen sind bei uns sehr wichtig, genau wie Gespräche mit dem behandelnden Hausarzt oder der Klinik“, sagt Institutsleiter Meinck. Häufig geht es dabei auch um Hinweise auf mögliche Reisen des Patienten. „Wir untersuchen hier auch Blutproben auf Malaria, unterschiedliche Formen der Hepatitis kommen ebenfalls vor“, beschreibt Veronika Balau. „Auch mit Vibrionen haben wir es schon zu tun gehabt, kein Wunder direkt am Bodden.“ Diese Bakterien, die in Salz- und Brackwasser vorkommen können, können über kleinste Verletzungen in den Körper eindringen und z.B. bei Zuckerkranken zu schlimmen Infektionen führen. Aber nicht die vermeintlich spektakulären Fälle machen den Institutsleiter nachdenklich. Aussagekräftig war für ihn das Ergebnis eines Gesundheitstages am Strand auf der Insel Usedom. „Wir haben damals allen Passanten einen schnellen Vor-Ort-Blutzuckertest angeboten“, so Meinck. „Und was soll ich sagen: Die Ergebnisse waren zum Teil erschreckend. Viele Menschen hatten überhaupt keine Ahnung, dass sie Blutwerte hatten, die bereits auf eine ausgeprägte Diabetes hindeuten.“

Lesen Sie weiter: Mehr Grippefälle im Landkreis, weniger in der Hansestadt

Das IMD in Greifswald

Rund 3000 Laborproben gehen täglich im Institut für medizinische Diagnostik Greifswald ein, dazu noch einmal rund 300 für die mikrobiologische Abteilung. Zu den insgesamt 123 Mitarbeitern zählen sieben Ärzte verschiedener Fachrichtungen, aber auch Chemiker oder Biologen und Medizinisch-technische Laborassistenten (MTLA). Weil die Ausbildung zur MTLA von den Auszubildenden übernommen werden muss, hat das IMD ein entsprechendes Stipendium ins Leben gerufen. Das Institut wurde 1992/93 von Professor Gisbert Menzel gegründet, der Neubau in der Vitus-Bering-Straße wurde 2015 bezogen.

Anne Ziebarth

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