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Herkunft und Vorurteile: Was trennt und was verbindet?

Greifswald Herkunft und Vorurteile: Was trennt und was verbindet?

Der Frauenbeirat der Hansestadt thematisiert weibliche Lebensverläufe in Ost und West / Podiumsdiskussion im Rathaus mit bewegenden Biografien und spannenden Fakten

Greifswald. Mandy ist hierzulande ein Vorname, den Mütter ihren Mädels bevorzugt vor 30 oder 40 Jahren gaben. In Ostdeutschland wohlgemerkt. Und keiner ahnte, wie sehr allein jener Name noch Jahrzehnte später stigmatisieren kann.

„Dieser Name blockiert biografische Lebenswege, er hinderte mich am Fortkommen“, sagt Amanda Groschke, 1978 in Hoyerswerda geboren. Über diese für sie bittere Erfahrung erzählte die heutige Politikwissenschaftlerin auf einer Podiumsdiskussion, zu der der Frauenbeirat der Hansestadt Greifswald gemeinsam mit dem Katholischen Deutschen Frauenbund am Donnerstagabend eingeladen hatte:

„Frauen aus Ost und West – ungleiche Schwestern?“ lautete die Fragestellung. Und wer unter den gut 80 Gästen anfangs noch Zweifel an der Relevanz dieses Themas hegte, wurde schnell sehr nachdenklich.

Herkunft steht

Karriere im Weg

Groschke, die mit 17 Jahren zur Ausbildung nach Celle ging, scheiterte zunächst in Westdeutschland. Sie holte später ihr Abitur nach, studierte, änderte ihren Namen und kann mittlerweile nicht nur auf eine erfolgreiche Karriere zurückblicken, sondern ist selbstbewusst und ruht in sich. Dennoch versucht sie eines möglichst zu verheimlichen: ihre ostdeutsche Herkunft.

Christine Mende, Internistin in Berlin, „macht das sehr betroffen“. Sie sei regelrecht geschockt, sagt die gebürtige Dresdnerin, Jahrgang 1951, die kurz vor dem Mauerfall mit drei kleinen Kindern nach Westberlin ausreiste. Ihr Mann, ebenfalls Arzt, hatte damals eine Stelle an der Charité. Ihre Ausreise begründet sie so: „Meine Söhne sollten nicht in der Armee dienen. Die DDR war ein Unrechtsstaat.“

Im Westen angeeckt –

ohne es zu wollen

Die Zeit im Westen sei für sie anfangs sehr schwer gewesen. „Ich war die Frau aus dem Osten“, sagt Dr. Mende. Nach einer Zeit im Aufnahmelager habe sie zwar relativ schnell Arbeit gefunden, sei aber auch angeeckt, ohne dies zu wollen: „In der Klinik wurde mir gesagt, ich kontrolliere zu viel. Das seien Stasimethoden“, blickt sie zurück. Dennoch ging Mende ihren Weg, knüpfte Freundschaften, bildete sich fort und ist heute Chefärztin der Abteilung für Innere Medizin am Geriatriezentrum Neukölln. Ihre Hoffnung: „Ich würde mir wünschen, dass man nicht mehr fragt, woher jemand kommt, sondern einfach den Menschen sieht.“

Doch die Realität sah und sieht anders aus. Diese Erfahrung musste auch Stefanie Wesche sammeln. 1966 in Braunschweig geboren, kam sie nach Stationen in Hamburg und den USA 1994 nach Greifswald, weil sich ihr Mann in MV selbstständig machen wollte.

Der Osten –

das war wie auswandern

„Das war ein bisschen wie auswandern, nur, dass man die gemeinsame Sprache gesprochen hat“, sagt die studierte Sonderpädagogin. Die Jobsuche habe sich zunächst als problematisch erwiesen. „Ein Schulleiter sagte mir, er brauche keine Lehrer. Und eine aus dem Westen würde er sowieso nicht nehmen“, berichtet Wesche. Letztlich sei sie an einer sehr progressiven Schule gelandet. „In Stralsund haben wir neue Unterrichtsmethoden angewandt, die in Hamburg wahrscheinlich undenkbar gewesen wären“, sagt sie. Als schwierig indes empfand sie zunächst, einen Freundeskreis aufzubauen. Das sei erst später mit der Geburt ihrer Tochter leichter geworden. „Letzten Endes wurde alles gut“, betont sie.

Auch Christine Kolbe, die 1996 nach Greifswald kam, 2001 hier ihre Zwillinge gebar und diese zur Tagesmutter brachte, machte so ihre Erfahrungen mit dem Ost-West- Thema. Besonders prägend: die Reaktionen ihrer Familie und Freunde in Westdeutschland. „Die hatten überhaupt kein Verständnis dafür, dass ich die Kinder betreuen ließ und arbeiten wollte“, so Kolbe. Ost, West, Nord, Süd. „Ich denke, dass die Biografien schon eine Rolle spielen. Man sollte darüber reden, woher man kommt, um sich besser zu verstehen, aber auch Bestehendes zu hinterfragen“, sagt Stefanie Wesche. Am Ende sollte es darum gehen, Trennendes zu überwinden, Träume zu verwirklichen und Dinge zu ändern.

„Ich wünsche mir, dass mehr Frauen politisch aktiv werden“, sagt Christiane Münstermann, „doch irgendwann ist vielleicht auch die Kraft alle, angesichts der Belastung durch die Familie und Arbeit.“

Deshalb, findet Eva-Maria Ruhm, „sollten auch mal Männer sich die Zeit nehmen, sich mit diesem Thema auseinanderzusetzen. So wie wir es heute tun.“

Petra Hase

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