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Greifswald Im Schutz der Kirche

Über ein Jahr lang wurde eine afghanische Familie von der Domgemeinde vor der Abschiebung bewahrt - vorerst.

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Wir erlebten eine Welle der Solidarität“Dompastor Gürtler

Greifswald. In einer Sondersitzung fiel in der Domgemeinde damals der Beschluss: Ja, wir helfen dieser Flüchtlingsfamilie, wir schützen sie. Ein Ehepaar aus Afghanistan mit drei Kindern und einem Baby brauchte Kirchenasyl — als Schutz vor sofortiger Abschiebung. „Wir waren uns schnell einig, dass wir das machen, auch wenn wir gar nicht so genau wussten, wie das geht“, erinnert sich Daniel Zenner vom Kirchengemeinderat des Greifswalder Doms. Eine Mitarbeiterin aus der Migrantenarbeit habe ihnen das Nötigste erklärt.

Kirchenasyl ist gesetzlich nicht geregelt, aber seit den 80er Jahren in Deutschland immer üblicher. Wenn ein Flüchtling von akuter Abschiebung bedroht ist, kann eine Kirchengemeinde ihn mit Wissen der Ausländerbehörde in ihren Räumen beherbergen — so lange, bis die Behörde seinen Fall aufrollt.

„Uns war klar: Wir übernehmen damit eine große Verantwortung“, sagt Dompastor Matthias Gürtler. Ohne jede staatliche Hilfe würde man sechs Menschen rundum versorgen müssen: mit Wohnraum, Essen, Kleidung, Geld, Medikamenten... „Und keiner konnte uns genau sagen, wie lange.“ Am Ende dauerte es über ein Jahr. Nach dem Beschluss ging aber erstmal alles schnell: Ein Unterstützerkreis mit Juristen, Deutschlehrern und anderen Helfern gründete sich, ein Spendenkonto wurde eingerichtet. Noch am selben Abend stand die Familie vor der Wohnung des Doms in der Baustraße. „Sie sahen alle sehr angespannt aus“, erzählt Daniel Zenner. Kein Wunder. In der Nacht zuvor, am 16. Januar 2012, soll die Polizei in das damals noch bestehende Flüchtlingsheim in Jürgenstorf gekommen sein, um die Familie abzuschieben — nach Norwegen, wo sie als erstes einen Asylantrag gestellt hatte. „Die Mutter ist dann zusammengebrochen und in die Klinik gebracht worden“, erzählt Christine Deutscher, die den Eltern später in Greifswald Deutschunterricht gab. „Aber es war klar: Die Beamten würden wiederkommen.“

Warum die Familie überhaupt flüchtete — um sie zu schützen, verrät Christine Deutscher nur so viel: „Es gibt in Afghanistan viele Gründe, warum Menschen fürchten müssen, von den Taliban ermordet zu werden.“ An dem, was die Familie auf sich genommen habe, könne man ablesen, wie groß ihre Angst war. „Sie haben alles verkauft, was sie hatten.“ Tausende Kilometer legten sie dann Richtung Griechenland zurück, zu Fuß, mit drei Kindern an der Hand und einem im Bauch. „Sie mussten enge Bergpässe und zwei Meere überqueren, wahrscheinlich in völlig überladenen Booten“, beschreibt Deutscher. Dann weiter per Flieger nach Norwegen. Erst, als dort die Abschiebung anstand, flohen sie nach Deutschland, landeten im Heim bei Stavenhagen — und sollten sieben Monate später von dort abgeschoben werden.

Die Unterkunft des Doms, in der die Familie dann bis zu diesem Frühjahr unterkam, war nicht luxuriös. „Es war eng, einen der Räume brauchten wir weiter auch als Gemeinde- und Probenraum“, schildert Gürtler. Geld habe man der Familie auch nicht viel geben können. „Sie mussten mit 500 Euro pro Monat auskommen.“ Aber eine Welle der Solidarität habe geholfen: Kleider, Schuhe, Lebensmittel kamen als Spenden. „Wir haben Ärzte gefunden, die sie kostenlos behandelten“, sagt Gürtler. Und die Waldorfschule nahm die Kinder, ohne Schulgeld zu verlangen. Inzwischen ist die Geschichte so gut ausgegangen wie nur möglich: Die Ausländerbehörde des Landkreises bearbeitet den Asylantrag der Familie und zahlt ihr das gleiche Geld wie jedem Asylbewerber, erklärt Deutscher. Die Familie durfte sogar eine Wohnung beziehen und die Kinder gelten als voll integriert in ihren Schulklassen.

Doch eins kann der Familie wohl niemand nehmen: die Sorge, dass auch die hiesige Ausländerbehörde am Ende entscheidet, sie wieder zurückzuschicken in ihr Angstland Afghanistan. Vielleicht nach Monaten, vielleicht nach Jahren. „Das ist so bitter“, sagt Zenner. „Dass die so viel durchgemacht haben, und immer noch keine Ruhe finden.“

Was ist Kirchenasyl?
1983 haben Kirchen in Berlin und Paderborn das erste Mal Flüchtlinge beherbergt, um sie vor Abschiebung zu bewahren. Das gilt als sinnvoll, wenn Zweifel an einer gefahrlosen Rückkehr bestehen. Die Kirchengemeinde übernimmt in der Zeit des Asyls alle Kosten. Das Ziel: dass die Behörden den Fall neu aufrollen. Nach Angaben der Evangelischen Nordkirche gelingt das in 70 Prozent der Fälle. In Greifswald gab es vor Kurzem eine Anfrage, der Flüchtling tauchte dann aber unter.

www.kirchenasyl.de

 

 

Sybille Marx

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