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Greifswald „In der Debatte um Arndt kommt ein alter Groll wieder hoch“
Vorpommern Greifswald „In der Debatte um Arndt kommt ein alter Groll wieder hoch“
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00:05 21.04.2017

Wenn’s um Ernst Moritz Arndt geht, sind sie plötzlich wieder da: diese Befindlichkeiten zwischen „Ossis“ und „Wessis“, die doch längst überwunden schienen. In den über 200 Leserbriefen, die in der OSTSEE-ZEITUNG zum Arndt-Streit erschienen, ging es immer mal wieder um das Gefühl einiger Greifswalder, „Leute aus dem Westen“ – Professoren und Studenten – würden uns hier im Osten den Pommernhelden Arndt wegnehmen. Woher kommt dieser Eindruck, haben wir den Coach Olaf Georg Klein gefragt. Der gebürtige „Ossi“, der seit der Wende in Westberlin lebt, hat einen Bestseller über die Ost-Westkommunikation geschrieben.

Herr Klein, in der Greifswalder Arndt-Debatte fallen zum Teil Sätze mit dem Tenor: „Jetzt wollt Ihr Wessis uns auch noch Arndt wegnehmen!“ Wie erklären Sie sich das?

Olaf Georg Klein: Es wundert mich nicht, dass die Debatte so läuft. Arndt hat Seiten, die man besonders in der ostdeutschen Kultur als sehr positiv empfindet: dass er gegen die Leibeigenschaft gekämpft hat, gegen Unterdrückung und für eine Freiheit, wie er sie damals verstand. In dem Konflikt um ihn kommt auf östlicher Seite ein alter Groll wieder hoch: der alte Ost-West-Konflikt, der immer noch unter der Oberfläche schwelt. Der Schmerz darüber, dass es 1989, nach der Revolution, eben keine Wiedervereinigung gab, sondern einen Anschluss des Ostens an den Westen. Für Millionen Ostdeutsche hat das einen enormen Verlust bedeutet, es hat viele Herabsetzungen und Verletzungen mit sich gebracht. Und jedes Jahr wieder wird von „Wiedervereinigung“ gesprochen, was eine immer neue Demütigung ist.

Was hat der Westen dem Osten denn weggenommen, inwiefern war das Zusammengehen auch ein Verlust?

Viele Ostdeutsche haben eine völlige Entwertung ihres Lebens erfahren. Auf allen Ebenen. Das politisch-gesellschaftliche System des Westens wurde dem Osten ja einfach übergestülpt. Eine neue gemeinsame Verfassung, über die monatelang verhandelt worden war, war 1990 plötzlich vom Tisch. Millionen Ostdeutsche haben – unter anderem, weil gesetzlich kein Recht auf Arbeit festgeschrieben wurde – ihre Arbeit verloren und damit Teilhabe, Selbstbestimmung, Ansehen, ein Gefühl von Sicherheit... Wegen eines einzigen Satzes im sogenannten Einigungsvertrag – Rückgabe vor Entschädigung – mussten fast eine Million Ostdeutsche aus ihren Häusern ausziehen, weil es Alteigentümer gab, die jetzt ihren Besitz zurückfordern durften. Insgesamt wurde den Ostdeutschen suggeriert: Was ihr gemacht, geglaubt, gelernt, geliebt habt, ist nichts mehr wert. Und die ostdeutsche intellektuelle Elite, darunter prominente Autoren, hat man quasi mundtot gemacht.

Wie meinen Sie das? Es gab und gibt doch die Meinungsfreiheit.

Ja, aber es dominiert in der Öffentlichkeit die Sicht der westlichen Gesellschaft. Westdeutsche haben die gesamte Zeitungslandschaft im Osten übernommen, mitsamt den meisten Leitungspositionen.

Bis auf wenige Ausnahmen wurden alle Verlage des Ostens übernommen oder gingen in Konkurs, der reformierte Ostrundfunk wurde abgewickelt, und an den Universitäten im Osten gab es einen regelrechten Kahlschlag. Dass ostdeutsche Professoren entlassen wurden, die für die Stasi gearbeitet hatten, war ja richtig. Aber vielerorts mussten eben auch die gehen, die indirekt Widerstand geleistet hatten;

bei ihnen hieß es, sie hätten nicht genug internationale Veröffentlichungen und Erfahrungen. Dabei konnten gerade sie die ja nicht haben, ohne Reisefreiheit.

Ich kenne viele Ostdeutsche, die sagen: Ich bin froh, dass die Wende kam und wir jetzt reisen und demokratisch wählen dürfen.

Ja, natürlich. Das ist ja auch ein großer Gewinn. Aber das hätte man eben auch mit einer echten Wiedervereinigung schaffen können. Ich glaube, in ein paar Jahrzehnten, wenn Historiker mit etwas mehr Abstand auf die Geschichte zurückgucken, werden sie sich fragen: Warum hat man nicht eine neue Verfassung entworfen und versucht, aus beiden Ländern das Beste zu erhalten? In der DDR gab es ja, anders als im Westen, keine Obdachlosen und Arbeitslosen. Kinder aus unehelichen Familien wurden nicht benachteiligt, Schwule nicht verfolgt, Frauen waren emanzipierter und gleichberechtigter als im Westen. Politisch war die DDR eine Ein-Parteien-Diktatur, aber viele soziale Rechte wurden im Westen vernachlässigt. Das war und ist dort der blinde Fleck, bis heute.

OZ

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