Menü
Ostsee Zeitung | Ihre Zeitung aus Mecklenburg-Vorpommern
Anmelden
Greifswald 29 Stunden gegen Schneewehen
Vorpommern Greifswald 29 Stunden gegen Schneewehen
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
13:11 13.02.2019
Die Schneefräse aus Meiningen sollte die Schienen im Umland für die Versorgung frei halten. Quelle: Norbert Jürgens
Greifswald

Dicht gedrängt steht Heinz Wittkopf mit seinen Kameraden um den brodelnden Kessel der Schneefräse. Seit Stunden stecken die Arbeiter der Deutschen Reichsbahn zwischen Greifswald und Lubmin in einer Schneewehe fest. Wo genau, kann keiner sagen, denn die Hand vor Augen lässt sich nur erahnen.

Mittwoch, der 14. Februar 1979: Es ist mittlerweile über sechs Wochen her, dass ein schwerer Schneesturm das Transportwesen der halben DDR für mehrere Tage lahm gelegt hatte. Heinz Wittkopf war rund um den Jahreswechsel fünf Tage im Dauereinsatz, um die Schienen von Greifswald nach Lubmin wieder befahrbar zu machen. „Die längste zusammenhängende Schicht dauerte 32 Stunden", sagt Wittkopf. Er ist Ausbildungsleiter bei der deutschen Reichsbahn und versammelt sich mit den Leitungsgremien am Morgen um 9 Uhr in der Gaststätte des Handwerks um die Ausbildungsvorbereitungen des Jahres zu beraten. Schon am Vortag gab es leichten Schneefall. „Aber warum sollte uns nochmals eine Katastrophe wie beim Jahreswechsel ereilen?“, denkt Wittkopf.

Eine erneute Katastrophe

In der Gaststätte riecht es nach einer deftigen Wild-Soljanka, die für die tagenden Herrschaften vorbereitet wird – in ihren Genuss wird jedoch niemand kommen. Um 10 Uhr alarmiert die Leitung die Einheit: Allen Auswärtigen wird empfohlen, schnellstmöglich den Heimweg anzutreten. Der Schneefall wird dichter, der Sturm stärker und in wenigen Stunden nimmt die Witterung Ausmaße an, die die Verhältnisse vom Jahreswechsel übertreffen wird.

Wittkopf sammelt sich mit insgesamt 45 Mann am Greifswalder Bahnhof. Vorsorglich wird eine aus Meiningen organisierte Schneefräse in Position gebracht, um die Schienen nach Lubmin frei zu halten. Angetrieben durch eine Dampflokomotive und in Begleitung einer weiteren Lok samt Doppelstockwagen beginnt die Fahrt, die Wittkopf nie vergessen wird. Bis zum Abzweig Schönwalde verläuft alles reibungslos, doch je weiter die Schneefräse – die für gewöhnlich in Thüringen eingesetzt wird – kommt, desto schlimmer werden die Streckenverhältnisse.

Die Fräse gibt nach

Plötzlich schreckt die Mannschaft ein Grollen und Rumpeln auf. Die Fahrt stoppt abrupt. Eine betonharte Wand aus Sand und Schnee lässt selbst die Spezialfräse nicht passieren. Trotz Tageslicht ist eine Ortsbestimmung nicht möglich. Mit Spaten versucht der Trupp die Schneebarriere zu beseitigen. Doch jegliche Mühe ist vergebens. Wittkopf ordnet an, dass die hintere Lok mit dem Doppelstockwagen und der Hälfte seiner Einheit „Spur fahren“ und damit gewährleisten soll, dass die Strecke zurück nach Greifswald befahrbar bleibt. Lange wartet der Trupp auf die Rückkehr des Mannschaftswagens, der einerseits Schutz und andererseits Versorgung bietet. Doch auch dieser hat sich nur wenige Kilometer weiter ebenfalls in einer Schneewehe festgefahren.

Es gibt nun kein Vor und kein Zurück. Die Witterung macht eine Standortbestimmung weiterhin unmöglich. Zudem bricht allmählich die Dunkelheit herein. Wittkopf geht in dieser Situation nur eines durch den Kopf: „Wie sollen wir hier die Nacht überstehen?“ Der einzige Ort, der den verbliebenen Männern Wärme spendet ist der Kessel der Schneeschleuder. Rechts und links davon ist Platz für jeweils zehn bis 15 Mann. „Wir drehten uns regelmäßig, um jedes Körperteil warm zu bekomme. Das war das einzige Mal, dass ich stehend einschlief und durch das Einknicken meines Knies geweckt wurde", sagt Wittkopf. Doch mit der Zeit sinkt der Wasserstand im Kessel. In abwechselnden Schichten versuchen die entkräfteten Männer Schnee in den Wassertender zu schaufeln. Doch dieser schmilzt langsamer als das Wasser verdampft und schließlich verstopft die Öffnung des Tenders. Ein Verbleib könnte das baldige Ende der Truppe bedeuten.

Heinz Wittkopf hat der OSTSEE-ZEITUNG Fotos zur Verfügung gestellt, die das Ausmaß der Winterkatastrophe verdeutlichen.

Der rettende Aufbruch

In der frühen Dämmerung des 15. Februar 1979 entschließen sich die Männer aufzubrechen. Noch immer lässt der Schneefall es nicht zu, weiter als zwei Meter voraus zu sehen. Wittkopf holt ein Sicherheitsseil heraus. Jeder der verbliebenen 25 Männer greift nacheinander den langen Strick – in der Hoffnung, dass somit beim Marsch niemand verloren geht. Nach wenigen Metern hört es auf zu schneien. Die Silhouette eines Dorfes wird sichtbar: Brünzow. Der Ort lag die ganze Zeit nur knapp 400 Meter von der festgefahrenen Fräse entfernt.

Der Truppe steuert die Dorfgaststätte an, in der schon andere Gestrandete Zuflucht suchten. Wittkopf und seine Begleiter bekommen Milchsuppe, Bratkartoffeln und Spiegeleier. Mittlerweile galten sie alle seit 20 Stunden als vermisst. Ein Spähtrupp um den damaligen Skisprungweltmeister und Olympiasieger, Hans-Georg Aschenbach, war schon aufgebrochen, um nach ihnen zu suchen. Über den Telefonanschluss meldete man dem Präsidenten der Reichsbahndirektion Greifswald Situation und Standort. „Wir konnten absolute Erleichterung am anderen Ende der Leitung vernehmen.“

Zurück bei der Familie

Wittkopf war sich bewusst, dass man aufgrund der Sturm- und Wegbedingungen die etwa 18 Kilometer nach Greifswald nicht mit einem Fahrzeug bewältigen konnte. Nach drei Stunden in der Dorfgaststätte entschließt sich die Mannschaft, den Weg zu Fuß zu bewältigen. Mit letzten Kräften vollziehen sie den Marsch in sechs Stunden. Alle überleben. Als Wittkopf durch die Haustür zurück zu seiner Familie kommt, sitzt diese – umringt von zahlreichen Decken und Kerzen – in der Wohnstube. Der unterkühlte Mann berichtet nur kurz und will sich direkt ein warmes Bad einlassen. Doch erst als er den Wasserhahn aufdreht, wird ihm die Szenerie klar: „Wir haben keinen Strom. Wir haben kein warmes Wasser.“

Winter 78/79: Viel Einsatz für Lubmin

Der Einsatz von Heinz Wittkopfs Einheit sollte insgesamt fünf Tage andauern – vom 14. bis 18. Februar. Der Durchbruch der Eisenbahnstrecke nach Lubmin gelang am letzten Tag. Insgesamt waren 56 Mitglieder beteiligt, die laut des Ausbildungsleiters 3065 Arbeitsstunden leisteten. Für die Mühen erhielten die Männer eine Würdigung der DDR-Regierung. So wurden Verdienstmedaillen und Belobigungen übergeben und Prämien ausgezahlt.

Mehr zum Thema:

Fakten zum Jahrhundertwinter

 Multimedia-Reportage: Als der Nordosten im Schnee versank

Themenseite: Hier lesen sie alle Geschichten zum Jahrhundertwinter in MV

Moritz Naumann

Greifswald Kunststreit geht weiter - Amt weist Anschuldigungen zurück

Der Streit um das für den Greifswalder Stadtteil Schönwalde I geplante Kunstwerk geht weiter. Laut Amt hat Ortsratschef Peter Multhauf die Geschichte nicht korrekt dargestellt.

13.02.2019

Das Geburtshauses der Greifswalder Barockdichterin Sybilla Schwarz steht seit vielen Jahren leer und verfällt. Lokalpolitiker und Sybilla-Schwarz-Verein fordern die Enteignung.

13.02.2019

Bernhard Willaredt schaute sich bereits einige Orte in Mecklenburg-Vorpommern an. Nun stattete der 53-Jährige Greifswald einen Besuch ab.