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Greifswald „Jeder hat eine reelle Jobchance“
Vorpommern Greifswald „Jeder hat eine reelle Jobchance“
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00:01 28.08.2018
Greifswald

Die Gesellschaft für Arbeitsförderung, Beschäftigung und Strukturentwicklung, kurz ABS, unterstützt Langzeitarbeitslose auf dem Weg zurück ins Berufsleben. Das gemeinnützige Unternehmen ist eine hundertprozentige Tochter der Stadt, betreibt in deren Auftrag seit sieben Jahren auch das Strandbad Eldena. Damit ist zum Ende der Saison Schluss. Wie es für die ABS weitergeht und welche Schwerpunkte Geschäftsführerin Doreen Au künftig setzt – darüber spricht sie im Interview mit der OSTSEE-ZEITUNG.

ABS-Geschäftsführerin Doreen Au über die aktuellen Herausforderungen des Unternehmens

Die ABS hat bislang das Strandbad Eldena betrieben. Auf eigenen Wunsch enden die Verträge. Warum?

Doreen Au: Die Betreibung eines Strandbades ist nicht unser Kerngeschäft. Unsere Aufgabe ist es, Menschen in Arbeit zu bringen und soziale Dienstleistungen anzubieten. Hauptgrund ist allerdings der Wunsch der Stadtvertreter, dass kein Eintritt mehr im Strandbad genommen wird. Dadurch muss der Zuschuss der Stadt so hoch werden, dass die Verwaltung die ABS künftig nicht mehr direkt beauftragen kann, sondern die Betreibung offiziell ausgeschrieben werden muss.

Der Aspekt kostenfreies Strandbad hat den Stein ins Rollen gebracht?

Ja. Die ABS kann ein Strandbad ohne Eintritt nicht rechtlich sauber betreiben. Wir reden hier über einen hohen fünfstelligen Betrag, der als Zuschuss der Stadt notwendig wäre.

Bedauern Sie diesen Schritt?

Uns wurde suggeriert, dass wir die Aufgabe gut machen. Wir haben immer unser gesamtes Herzblut in das Strandbad gesteckt. Aber es gibt so viele Leute, die eine Meinung dazu haben. Es ist unheimlich schwierig, es allen recht zu machen. Ich wünsche mir, dass das Strandbad auch künftig so sauber bleibt, wie es jetzt ist. Ich befürchte allerdings, dass das nicht klappen wird.

Warum?

Wir arbeiten während der Saison im Drei-Schichtsystem, um das Strandbad sauber und ordentlich zu halten. Ich glaube nicht, dass das künftig mit einem derart großen Personaleinsatz weitergeführt wird.

Ich habe drei Schichtleiter, einen Strandbadleiter, eine Servicekraft, zwei Bundesfreiwillige und mehrere Ein-Euro-Kräfte, die in der Grünflächenpflege tätig sind.

Was wird aus dem Personal?

Zwei Schichtleiter, die von Mai bis September tätig waren, gehen in die Arbeitslosigkeit. Das tut mir unendlich leid. Es sind sehr zuverlässige Leute. Ich suche nach einer Lösung. Ich befürchte, dass sich beide nicht zutrauen, sich auf die Stelle des Strandbadleiters zu bewerben, die die Stadt plant.

Und die anderen Leute?

Die beiden Strandbadstellen für den Bundesfreiwilligendienst werden nicht mehr besetzt. Die Ein-Euro-Kräfte können wir ohne Probleme anderswo in der Stadt unterbringen. Die Vereine suchen händeringend Leute.

Richten Sie sich durch den Wegfall der Strandbad-Betreibung neu aus?

Wir haben schon viel früher begonnen, uns neu auszurichten und breit aufzustellen. Als wir 1992 angefangen haben, hat die ABS vorrangig Ein-Euro-Kräfte betreut. 2010 haben wir noch 1000 Langzeitarbeitslose betreut, 2012 waren es nur noch 350. Die Landschaft der Beschäftigungsgesellschaften hat sich stark ausgedünnt. Wer sich nur auf das Geschäft mit Ein- Euro-Kräften verlassen hat, den gibt es heute nicht mehr.

Sind die Arbeitslosenzahlen damals so deutlich gesunken?

Sie sind zwar stark gesunken. Das heißt aber nicht, dass jetzt alle in Arbeit sind. Der Hauptgrund für die geringere Zahl an Personen in unserer Betreuung ist, dass die Jobcenter weniger Finanzmittel haben, um uns Leute zuzuweisen. Zu uns kommen immer wieder Arbeitslose, die nicht verstehen, warum wir ihnen nicht helfen können. Wir müssen sie immer ans Jobcenter verweisen.

Welche neuen Arbeitsfelder haben Sie entwickelt?

Wir betreiben zum Beispiel das Sozialkaufhaus und die Tafelgärten, die Tafel in Gützkow, das Bewerberberatungszentrum. In diesem Jahr ist neu die Beratung für Menschen mit Handicap hinzugekommen. Wir haben ganz verschiedene EU-Projekte ins Leben gerufen. Eines heißt „Tandem“. Das ist eine Eins-zu-Eins-Betreuung, die beim Äußeren anfängt. Wir gehen mit den Personen zum Zahnarzt, zum Friseur, kaufen ihnen ein Outfit fürs Bewerbungsgespräch und begleiten sie auch zum Vorstellungstermin, bringen sie danach wieder nach Hause.

Sie kümmern sich aber längst nicht mehr nur um Langzeitarbeitslose, sondern beraten Firmen bei der Personalauswahl oder haben zuletzt das Welcome Center gegründet.

Genau. Das Welcome Center hat erst am 1. Juli eröffnet. Wir haben dort enormen Zulauf. Über den Unternehmerverband hatten wir neulich jemanden, der aus Österreich zurückkommen will. Die Leute brauchen dann eine Wohnung, eine Kinderbetreuung und Freizeitangebote für die Nachmittage, eine Arbeit für den Partner. Auch dieses Projekt ist für zwei Jahre über die EU gefördert.

Die Ein-Euro-Kräfte werden Ihnen vom Jobcenter zugewiesen?

Genau. Wir setzen uns dann mit ihnen hin und befragen sie zu ihren Kenntnissen und Interessen. Noch vor einigen Jahren war das ganz anders. Da hat das Jobcenter den Personen gesagt, du musst jetzt diese Stelle übernehmen. Wir haben lange für den jetzigen Weg gekämpft, bei dem sich die Ein-Euro-Kräfte ihre Tätigkeit selbst aussuchen können. Es gibt vier Säulen, den grünen Bereich, den Handwerksbereich, den sozialen und den kaufmännischen Bereich. Wenn sich im Gespräch herausstellt, dass jemand gerne ältere Menschen betreuen möchte, suchen wir etwas in der Richtung heraus. Wir haben eine Liste mit 130 Netzwerkpartnern. Das funktioniert sehr gut. Die Leute gehen dann auch wirklich hin, machen den Job und es ergeben sich daraus tatsächlich oft berufliche Perspektiven. Jeder der will, hat die reelle Chance, einen Arbeitsplatz zu finden.

Wie groß ist der Anteil an Menschen, die wollen?

In Prozent lässt sich das nicht sagen. Es kommt auch darauf an, ob eine Person gerade erst in die Langzeitarbeitslosigkeit gerutscht oder bereits zehn bis 15 Jahre ohne Berufstätigkeit ist. In solchen Fällen beginnen wir zunächst damit, den Menschen eine Tagesstruktur beizubringen. In einem ländlichen Projekt beispielsweise holt ein Bus die Teilnehmer von zu Hause ab, bringt sie hier zu uns. Alles, was die Personen lernen sollen, ist pünktlich und verlässlich zu sein. Erst im zweiten Schritt geht es dann darum, einer Tätigkeit nachzugehen bei uns im geschützten Rahmen. Der dritte Schritt ist ein richtiger Job. Die Zahl derer, die das möchten, ist relativ groß. Wir hatten aber schon Komplettverweigerer, die einen Krankenschein nach dem anderen vorgelegt haben. Die Stelle sollte dann lieber jemand bekommen, der sie auch wirklich möchte.

Wie lange dauert es, bis jemand, der 15 Jahre arbeitslos ist wieder fit für den Arbeitsmarkt ist?

Ein bis zwei Jahre. Leider geben das Arbeitsmarktprogramme oft nicht her. Wir können dank unserer vielen EU-Projekte eine Rundumversorgung anbieten, für die andere keine Zeit haben. Für solche Projekte werben wir EU-Fördermittel ein, bei denen das Jobcenter als Kofinanzierer beteiligt ist.

Hat sich die Klientel der Menschen über die Jahre verändert?

Ja, sie sind schwieriger geworden. Die Zahl der Menschen mit multiplen Vermittlungshemmnissen ist deutlich gestiegen. So nennen wir es, wenn mehrere Probleme zusammen kommen, wie zum Beispiel Alkohol, Drogen, familiäre und gesundheitliche Probleme. Wir reden oft nur über arbeitende Menschen, die krank sind. Dabei ist es ganz logisch, dass auch Menschen, die den ganzen Tag zu Hause auf der Couch sitzen, ein Rückenleiden bekommen können. Ab Oktober gibt es jetzt ein neues EU-gefördertes Projekt, in dem wir mit Langzeitarbeitslosen auch einmal pro Woche Sport machen und ihnen zeigen, dass sie sich besser fühlen, wenn sie sich bewegen.

Interview Katharina Degrassi

Struktur der ABS

Sozialkaufhaus/Kleiderkammer Jarmen: Möbelspenden werden zu günstigen Preisen an Bedürftige verkauft.

Sozial- und Tafelgarten in Greifswald und Gützkow: Obst und Gemüse werden selbst angepflanzt, gepflegt und geerntet. Die Langzeitarbeitslosen können die Produkte für einen Obulus erwerben.

Schulgarten in Gützkow: Kooperation mit Peenetal Grundschule

Tafel Gützkow: Bedürftige können für kleines Geld einkaufen.

Beratungsstelle ergänzende unabhängige Teilhabeberatung (EUTB): Das Programm richtet sich an Menschen mit Behinderung. Es bietet Hilfe bei der Beantragung von Leistungen und Jobsuche.

Welcomecenter: Rundumservice für alle, die nach Greifswald ziehen wollen. Hilfe bei der Wohnungs-, Kitaplatz- oder Jobsuche.

Bewerber-Beratungs-Zentrum: Alle Fertigkeiten rund um die Bewerbung.

Strandbad Eldena: Betreibt die ABS noch bis Mitte September.

Berufskundentraining: Hilfe für Firmen bei der Personalsuche, Firmenweiterbildungen.

Arbeitsmarktpolitische Maßnahmen: Ein-Euro-Kräfte, Flüchtlingsintegration, Straffälligenarbeit

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