Menü
Ostsee Zeitung | Ihre Zeitung aus Mecklenburg-Vorpommern
Anmelden
Greifswald Kämpferin für ein würdevolles Leben
Vorpommern Greifswald Kämpferin für ein würdevolles Leben
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
03:49 29.08.2013
Nach Jahren im Bauwagen genießt Susanne Wiest nun das Leben in Wieck, wo sie eine große Wohnung hat. Quelle: Kai Lachmann

Susanne Wiest (46) hat von allen Direktkandidaten im Wahlkreis 15 die meiste Präsenz in überregionalen Medien. Der Grund dafür, dass sie im Spiegel stand, die taz sie porträtierte und ihr Sandra Maischberger im ZDF Fragen stellte: Die Greifswalderin ist in Deutschland eine der bekanntesten Verfechterinnen des bedingungslosen Grundeinkommens. Und so dauert es auch nicht lange, bis ein Gespräch mit ihr über Politik bei diesem Thema landet.

Über den Betrag, den jeder in Deutschland unabhängig von Herkunft, Arbeitsplatz, Qualifikation oder sonstigen Faktoren bekommen soll, könne noch diskutiert werden. Wiest schweben pro Monat 1000 Euro pro Kind und 1500 Euro für einen Erwachsenen vor. Die Frage, die sie am häufigsten hört: Wer würde dann überhaupt noch arbeiten? „Wenn ich Menschen frage, ob sie auch mit einem Grundeinkommen weiter arbeiten würden, sagen sie ,Ja, ich schon. Aber vielleicht die anderen nicht.‘“ Sie ist zutiefst überzeugt, dass sich ein Grundeinkommen finanzieren lasse.

Und es wäre eine würdigere Arbeit. „Das System zwingt Menschen in Existenznot zu Tätigkeiten, die sie nicht machen wollen und schlecht bezahlt werden. Hätten wir ein Grundeinkommen, müssten diese Jobs angemessen bezahlt werden.“ Den aktuellen Arbeitsmarkt vergleicht sie mit einem Wochenmarkt, auf dem Menschen gezwungen werden, faules Obst zu kaufen.

Hinter dem Grundeinkommen stehe die Frage: „Wie wollen wir zusammenleben? Wollen wir weiterhin strukturelle Probleme in der Wirtschaft zu individuellen Missgeschicken machen, von wegen: Wer keinen Job hat, ist selbst schuld?“ Das Grundeinkommen würde laut Wiest hingegen dafür sorgen, dass sich jeder entsprechend seiner Vorlieben ohne Zeitdruck orientieren und kreativ werden kann. „Es ermöglicht ein würdevolles Leben“, erklärt sie.

Dafür hatte sie schon eine Petition beim Bundestag eingereicht und mehr als 50 000 Unterschriften gesammelt, kam damit allerdings nicht durch. Hat sie denn kein Problem damit, auf ein einziges Thema reduziert zu werden? „Nein. Ich engagiere mich auch für direkte Demokratie. Und als Bürger, der Politik macht, kann man sich nicht überall auskennen.“ Das Bild vom allwissenden Politiker sei nicht mehr zeitgemäß. „Wenn ich in anderen Bereichen nicht Bescheid weiß, verweise ich gerne an Kollegen, die sich mehr mit den entsprechenden Fragen auseinandergesetzt haben. Mir geht es nicht um Macht oder Profilierung, sondern um die Sache“, sagt die Direktkandidatin der Piraten.

Dass sie bei dieser jungen Partei angedockt ist, liegt daran, dass die anderen sie nicht eintreten ließen. Wiest wollte politische Prozesse und Entscheidungen mitgestalten, indem sie in alle demokratischen Parteien gleichzeitig eintreten wollte. „Nur die Piraten haben mit Doppelmitgliedschaften kein Problem“, erzählt sie. Außerdem könne sie sich mit der Arbeitsweise der Piraten identifizieren: nicht personen-, sondern inhaltsorientiert.

Susanne Wiest ist Tagesmutter und lebt seit einigen Jahren in Greifswald Wieck mit ihren beiden Söhnen in einer großen, hellen Wohnung. Aus dem Fenster kann man auf den Ryck schauen. „Es war an der Zeit dafür“, sagt sie. Denn früher habe die gebürtige Bayerin mit ihrer Familie mehr als eineinhalb Jahrzehnte in einem Bauwagen gelebt. „Mir war Freiheit schon immer wichtiger als Miete zahlen“, begründet sie. Natürlich war das auch mit einem gehörigen Aufwand verbunden, etwa wenn im Winter draußen die Kinder in einer warmen Wanne gebadet wurden. „Alles eine Frage der Organisation.“

Mitte der 90er Jahre kam sie nach Vorpommern. Sie mag die Gegend. „Das Land ist für Überraschungen gut“, findet sie. „Hier liegt das Wort nicht gleich auf der Zunge, hier wird nachgedacht.“

Serie

Bundestagswahl 2013

Werdegang
Susanne Wiest wurde am 16. Januar 1967 geboren und ist im Raum München aufgewachsen. Sie absolvierte eine Lehre zur Fotografin, verfolgte den Beruf aber nicht weiter. Seit 1998 arbeitet sie als Tagesmutter.

20 Jahre war Susanne Wiest alt, als sie nach Westberlin ging. Sie lebte fortan im Bauwagen. Später zog es sie nach Potsdam, Münster und schließlich nach Alt Tellin. Dort übernahm sie ein „kaputtes, bescheidenes Haus“ und setzte es wieder instand.

2009 schlug sie dem Bundestag die Einführung des bedingungslosen Grundeinkommens vor. Der Petitionsausschuss empfahl allerdings die Ablehnung.

Für die Piratenpartei engagiert sie sich weiterhin für das Thema und hat es damit auf den ersten Listenplatz geschafft. Ihr zweites Spezialgebiet ist die direkte Demokratie, die Einführung von Volksentscheiden auf Bundesebene.

Zum Wahlkreis 15 gehören seit dem Neuzuschnitt der Wahlkreise der Landkreis Vorpommern-Rügen, die Stadt Greifswald und das Amt Landhagen im Landkreis Vorpommern-Greifswald.

Als Direktkandidaten im Wahlkreis 15 treten neben Susanne Wiest (Piraten) noch Gino Leonhard (FDP), Kerstin Kassner (Die Linke), Claudia Müller (Bündnis 90/Die Grünen), Sonja Steffen (SPD), Angela Merkel (CDU), Michael Adomeit (parteilos), Jürgen Dettmann (Freie Wähler) und Michael Andrejewski (NPD) an.

VIER FRAGEN AN...

1. Welches Buch haben Sie zuletzt gelesen?

Ich lese gerade mehrere Bücher parallel. Mit dabei in meiner Handtasche für Wartezeiten und längere Zugfahrten, ein Buch, das ich schon öfter gelesen habe: „Die Kunst des Liebens“ von Erich Fromm.

Zuhause liegt ein harmloser, netter Krimi, für den ich hier nicht werben möchte. Und ich lese immer wieder in einem Fachbuch über das Bedingungslose Grundeinkommen.


2. Was kommt sonntags bei Ihnen auf den Tisch?

Etwas, das möglichst alle gerne mögen — und ein Strauß frische Blumen.


3. Welche drei Politiker würden Sie mit auf eine einsame Insel nehmen?

Mit drei Berufspolitikern auf eine einsame Insel? Ich möchte ja nicht die ganze Zeit reden... Ich würde gerne meine Familie mitnehmen. Politik und Demokratie gehen alle an. Ich möchte das nicht den BerufspolitikerInnen überlassen.


4. Wovon träumen Sie?

Ich träume von einer friedlichen Welt und von einer Welt, in der alle genug zu essen und zu trinken haben.

Kai Lachmann

Von Katharina Degrassi

29.08.2013

Freunde der Romantik und solche, die es werden wollen, aufgepasst: Der Stadtmarketingverein veranstaltet am 31. August mit vielen Partnern einen „Tag mit Caspar David Friedrich“.

29.08.2013

Dem Fachkräftemangel müssen hiesige Unternehmen anders begegnen, meint Walter Kienast von der IHK Neubrandenburg.

29.08.2013
Anzeige