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Kann ein kommunaler Pflegedienst besser pflegen?

Greifswald Kann ein kommunaler Pflegedienst besser pflegen?

Während der öffentlichen Sitzung der CDU-Bürgerschaftsfraktion wurde hitzig über das Projekt der WVG diskutiert, einen kommunalen Sozial- und Pflegedienst zu gründen

Greifswald. Sollte ein kommunales Unternehmen auf dem Markt der Pflegedienste mitmischen? Welche Folgen hätte das? Über diese Fragen wurde auf der öffentlichen Sitzung der CDU-Bürgerschaftsfraktion am Mittwochabend hitzig diskutiert. Neben Parteimitgliedern redeten vor allem Vertreter mehrerer Pflegedienste und Senioren mit.

Das kommunale Wohnungsbauunternehmen WVG war im Januar mit seinen Plänen an die Öffentlichkeit gegangen, eine Tochtergesellschaft für Sozial-, Pflege- und Hilfsdienstleistungen (Sophi) gründen zu wollen. Als städtische Firma darf die WVG das jedoch nur mit Zustimmung der Bürgerschaft. Ob es diese geben wird, ist nach wie vor ungewiss.

Gibt es überhaupt einen zusätzlichen Bedarf?

„Die grundsätzliche Frage ist doch, ob die Pflege in Greifswald derzeit gut funktioniert oder nicht“, sagt Walter Noack, der für die CDU im Finanzausschuss sitzt. „Wenn sie nicht gut funktioniert, hat der Staat die Aufgabe, einzugreifen.“ Sollte jedoch alles bestens sein, halte er das für schwierig.

Die Pflegedienste sind erbitterte Gegner der WVG-Pläne. „Wenn der Pflegebedarf in Greifswald steigen sollte, können doch die bestehenden Unternehmen wachsen“, sagt Markus Volkmann-Richter, Pflegedienstleiter der Arbeiterwohlfahrt während der Sitzung.

Haben Pflegekräfte der Sophi wirklich mehr Zeit für Kunden?

Als Befürworter eines kommunalen Sozial- und Pflegedienstes entpuppten sich dagegen die Senioren. Sie haben vor allem im Blick, welche Betreuung sie sich selbst wünschen, wenn sie pflegebedürftig werden sollten. Rentnerin Irma Biebler gefällt besonders der soziale Aspekt bei Sophi. Das Unternehmen will nicht nur klassische Pflegedienstleistungen anbieten, sondern sich auch um die sozialen Belange kümmern. Ein Nachbarschaftstreff, gemeinsame Kaffeenachmittage, Hilfe beim Einkaufen oder bei Arbeiten im Haushalt – All diese Dinge will Sophi anbieten oder vermitteln. In der geplanten Wohnform Betreutes Wohnen entfällt zudem die sogenannte Servicepauschale, die alle anderen am Markt etablierten Pflegedienste derzeit für ihre Gemeinschaftsangebote verlangen. Je nach Pflegedienst können das bis zu 200 Euro monatlich sein. „Für viele Rentner ist das zu teuer. Ich kann mir das nicht leisten“, sagt Irma Biebler.

„Der soziale Aspekt steht im Vordergrund. Diese Fürsorgepflicht der WVG finde ich sehr verantwortungsvoll“, sagt auch Seniorin Helma Weidemann, die Mitglied in der CDU ist. „Die Pflegedienste rattern im Fünf-Minuten-Takt von einem zum anderen.“ Sie erhofft sich von Sophi, dass dort ein persönliches Gespräch mit den Mitarbeitern leichter möglich ist, der Kontakt enger.

Günstige Preise, hohe Löhne: Kann das klappen?

Die Gegner von Sophi bezweifeln, dass die WVG all die sozialen Versprechen tatsächlich einhalten kann. „Leidet nicht die Qualität der Pflege, wenn Sie alles so kostengünstig anbieten“, fragt beispielsweise Carola Rex, die für die CDU im Bauausschuss sitzt. In die gleiche Richtung gehen die Zweifel von Sven Wolfgram, Leiter der Landesgeschäftsstelle des Verbandes privater Anbieter sozialer Dienste. „Das Ziel der günstigen Angebote für Kunden widerspricht dem Ziel, die Leute besonders gut zu bezahlen“, sagt Wolfgram, der die privaten Anbieter von Pflegedienstleistungen vertritt.

An der Qualität werde nicht gespart, verspricht Klaus-Peter Adomeit, Geschäftsführer der WVG und zukünftiger Chef von Sophi. Er erklärt die Finanzierung wie folgt: Als kommunales Unternehmen peilt er deutlich weniger Gewinn an als eine private Firma. Außerdem sollen die Erträge, die im Pflegesektor erwirtschaftet werden, komplett ins Soziale investiert werden. „Der soziale Bereich wird immer ein Zuschussgeschäft sein. Damit lässt sich kein Geld verdienen.“

Hat der Kunde freie Wahl, wenn er bei der WVG wohnt?

Kritisch sieht das Volkmann-Richter. Sein Unternehmen sei gemeinnützig, alle Gewinne würden bereits heute in den sozialen Sektor investiert. „Auch unser Ziel ist es, dass die Menschen so lange wie möglich in ihrer gewohnten Umgebung bleiben können“, sagt Volkmann-Richter. Die Awo zahle zudem Tarif, Fachkräftemangel gebe es trotzdem. Als wettbewerbsverzerrenden Vorteil für Sophi sieht er an, dass die Menschen bereits bei der WVG wohnen. Immerhin ist das kommunale Unternehmen der größte Wohnungsanbieter. „Hat der Pflegebedürftige wirklich die freie Wahl, wenn er bei der WVG wohnt, dort schon die Werbung für den kommunalen Pflegedienst bekommt, Hausmeister und weiteres Personal kennt, das für Sophi wirbt?“ In eine ähnliche Richtung geht die Sorge von Pflegeberaterin Ute Stutz. „Wenn ich mit meiner Pflegekraft nicht einverstanden bin, muss ich mich beim Vermieter beschweren.“ Diese Nähe sei sehr problematisch. Adomeit winkt ab. „Mietvertrag und Pflegevertrag dürfen nicht gekoppelt sein.“

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Katharina Degrassi

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