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Greifswald Koch gesucht – gegen Belohnung!
Vorpommern Greifswald Koch gesucht – gegen Belohnung!
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02:20 03.01.2018
Ilona Brzozowska, Restaurantleiterin des Steakhouse in Greifswald-Wieck, sowie Azubi Melissa Makollus (l.) mit dem Steckbrief. Quelle: Foto: Peter Binder

Not macht erfinderisch: Weil der Greifswalder Hotelier und Gastronom Richard Paymans keinen Koch für sein Steakhouse in Wieck fand, entschloss er sich zu einer ungewöhnlichen Mitarbeitersuche. Mit einem Steckbrief auf der Restaurant-Toilette bat er Gäste um Hilfe bei der Fahndung nach Fachkräften: „Wanted Alive Koch Reward“ (Koch lebend gesucht – gegen Belohnung) hieß es auf dem Zettel. Die Belohnung von 100 Euro in Form eines Essensgutscheins sollte mit Abschluss des Arbeitsvertrages fällig werden.

„Gebracht hat die Aktion nicht viel“, sagt Paymans frustriert, „wir sind noch immer auf der Suche nach Fachkräften, könnten mindestens zwei, wenn nicht gar drei Köche gebrauchen.“ Zwar habe es auf den Steckbrief vier, fünf Reaktionen gegeben. „Doch ich habe niemanden einstellen können“, sagt er. In einem Fall seien die Gehaltsvorstellungen des Interessenten stark vom Machbaren abgewichen. Ein anderer habe an den Wochenenden nicht arbeiten können.

Übertarifliche Bezahlung ist ein Muss

Paymans ist mit seiner Not nicht allein. Immer mehr Hoteliers und Gastronomen in Vorpommern verzweifeln, weil ihnen Mitarbeiter fehlen. Die Stellengesuche betreffen Köche, Restaurantfachleute, Azubis. Das Zinnowitzer Hotel „Asgard“ sucht aktuell „ein, zwei gut ausgebildete Fachkräfte in der Spätschicht“, erklärt Managerin Anna Lippmann. Um neue Leute zu gewinnen, „versuchen wir, mit unseren Unterkünften im benachbarten Wolgast zu werben“, sagt sie. Längst sei im Hause klar, dass qualifiziertem Fachpersonal mehr als Mindestlohn gezahlt werden müsse. Daneben gebe es kleine Vergünstigungen „wie beispielsweise Mitarbeiter-Rabatte für den Wellness-Bereich“.

Dem Personal vom „Steigenberger“ in Heringsdorf werde eine ganze Palette sozialer Vorteile geboten, versichert Hotelchef Carsten Willenbockel und verdeutlicht: „Übertarifliche Bezahlung ist inzwischen ein Muss. Hinzu kommen Trainings und Schulungen, fachlich orientierte Qualifizierung und für die ersten zwei, drei Monate eine Unterkunft in Heringsdorf, bis die Mitarbeiter etwas Eigenes gefunden haben.“

Restaurant wegen Personalmangels dicht

Trotzdem fehlen dem Haus akut drei Arbeitskräfte in der Küche sowie zwei im Frontoffice. Die Suche erfolge auf allen Kanälen. Aber: „Der Markt ist wie leergefegt“, so Willenbockel. Wegen fehlender Kräfte müsse das Spezialitätenrestaurant „Seaside“ derzeit geschlossen bleiben, soll aber zur nächsten Badesaison wieder öffnen.

Im „Golfpark Strelasund“ in Kaschow bei Grimmen hat Geschäftsführer Jörg Remer derzeit ausreichend Köche und Kellnern. „Der Bedarf ist eher in anderen Bereichen“, sagt er. Manchmal gehöre auch ein bisschen Glück dazu, Fachkräfte zu bekommen. So habe er Leute einstellen können, die nun aus Bayern, der Schweiz und Österreich in die Heimat zurückkehrten. Remer glaubt nicht, dass der Lohn das Problem sei. Vielmehr gehe die Bereitschaft vieler Menschen zurück, an Wochenenden, abends und auch nachts zu arbeiten. Dies lasse sich oft nicht mit der Familienplanung vereinbaren. Gerade erst sei er wieder von einer Mitarbeiterin angesprochen worden, die deswegen ausscheiden möchte. Um Leute zu halten, wurde in Kaschow kürzlich auch ein Bonussystem eingeführt. Ob es etwas bringt, müsse sich erst zeigen, meint Remer.

Hendryk Kühl, Geschäftsführer der Stadtbäckerei Kühl in Grimmen, betreibt neben seinen Bäckereifilialen auch ein Restaurant in Grimmen: „Markt 7“. Dort gebe es aktuell keine Personalprobleme. Viel schwieriger sei es hingegen, geeignete Verkäuferinnen für seine rund 70 Filialen und Produktionsarbeiter zu finden, erklärt Kühl.

Kilian Krause hat zwei Restaurants in Dierhagen-Strand (Fischland- Darß-Zingst) gepachtet und große Personalprobleme. „Wir hatten schon mal montags und während der Mittagszeit geschlossen, weil einfach nicht genug Beschäftigte da waren“, sagt er.

Restaurantchef wirbt mit 500 Euro Belohnung

Die „Steckbrief-Aktion“ des Greifswalders Richard Paymans überrascht Krause, „denn 100 Euro Belohnung sind schon recht wenig“. Er selbst werbe mit 500 Euro für denjenigen, „der einen Arbeitsvertrag unterschreibt und die dreimonatige Probezeit übersteht“.

Torsten Gierke von der Binzer Gaststätte „Lennox“ bezeichnet die Probleme als derart dramatisch, „dass wir bereits über Schließung nachdenken“. Die Politik werfe der Branche zusätzlich Knüppel zwischen die Beine, „weil die Rentenkasse Leihköche und -kellner nicht anerkennt und horrende Nachzahlungen wegen angeblicher Scheinselbstständigkeit fordert“, sagt Gierke. Dabei sei die Motivlage umgekehrt: „Wir würden die Leute ja gern einstellen, aber die wollen das nicht.“ Um irgendwie Kräfte zu gewinnen, bediene man sich Personalagenturen, „die dann bis zu 1500 Euro an einer Vermittlung verdienen.“

Auch Sven Kirchhoff, Direktor vom „Badehaus Goor“ auf Rügen, beschreibt die Situation als „zunehmend prekär. Wenn jemand geht, bekomme ich die Lücke nicht mehr geschlossen“. Um Mitarbeiter zu halten, „haben wir jeden, bei dem das möglich war, ganzjährig eingestellt.“

Die Idee, mit einem Steckbrief nach einer Fachkraft zu suchen, findet Uwe Colberg witzig. Jedoch hat der Chef des Hotels „Hafenresidenz“ in Stralsund diese Methode noch nicht anwenden müssen. Im Gegenteil: „Die Leute bewerben sich gezielt bei uns“, sagt er. Die Ursachen dafür sieht Colberg in den Vorzügen Stralsunds: „Die Lebensqualität hier zieht die Leute in die Hansestadt“, ist er überzeugt. Von der Stammbesatzung, die 2011 im Haus angefangen hat, seien noch fast alle dabei. Die Fluktuation – gering. Das habe laut Colbergs Meinung mit den Zuschlägen zu tun, die das Vier-Sterne-Haus seinen Angestellten auf den Lohn zahle, gestaffelt nach Schichtzeiten. Acht Azubis künden zudem davon, dass sich der Hotelchef auch in Zukunft keine Sorgen um den Facharbeiternachwuchs machen muss.

Fachkräftemangel: Das sind die Zahlen der Arbeitsagentur

631 offene sozialversicherungspflichtige Arbeitsstellen gab es laut Agentur für Arbeit in ganz Vorpommern im November in den Berufsgruppen Hotellerie, Gastronomie, Speisenzubereitung und Reinigung. Im Agenturbezirk Vorpommern-Rügen waren es 398 offene Stellen, in Vorpommern-Greifswald 233 Stellen. Im Vergleich zum November 2016 sind das für Vorpommern-Greifswald 14 Stellenmeldungen weniger, für Vorpommern-Stralsund 56 Offerten mehr.

Dem gegenüber stehen 2193 Arbeitslose in Vorpommern-Greifswald und 2428 Arbeitslose in Vorpommern- Rügen, die in jenen Berufsgruppen eine Beschäftigung suchen.

Die meisten Stellenmeldungen auf dem Ausbildungsmarkt in der Region stammen aus dem Hotel- und Gastronomiebereich. Der Agenturbezirk Greifswald vermeldet im Berichtsjahr 2016/ 2017 41 offene Azubistellen für Hotelfachleute, 37 bei den Köchen und 27 bei den Restaurantfachleuten. Im Agenturbezirk Stralsund suchen die Firmen 26 Restaurantfachleute-Azubis, 25 künftige Hotelfachleute sowie 24 junge Leute, die sich für den Kochberuf erwärmen können.

Petra Hase, Steffen Adler, Reinhard Amler, Jörg Ma

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